Das Buch von
Blanche und Marie
(Leseprobe aus: Das Buch von
Blanche und Marie, Roman, 2005, Hanser
- Übertragung Wolfgang Butt)
Ich schreibe dies als Antwort auf
die Frage, wann ich meine Mutter das letzte Mal sah. Es war am 26. Juli 1876 um
vier Uhr am Nachmittag.
Sie verschwand hinab in die Umarmung des Flusses, als würde sie verschlungen
von der Liebe des Flusses.
Und erinnere ich mich, daß ich da, von einer großen Feierlichkeit ergriffen, wünschte,
einmal, um meiner Mutter willen, die die Liebe nie erleben durfte, die endgültige
Erzählung über die Liebe schreiben zu können, über die an der Oberfläche
wirkliche, aber auch über die Phantomliebe.
Die allein den Verstümmelten vorbehalten war, den zu einem Torso Reduzierten,
denen, deren Aufgabe deshalb um so größer sein muß, nämlich die des
Erinnerns und Gedenkens.
In dem Augenblick, als sie verschwand (und darin liegt die Antwort auf meine
Frage), war die begonnene Erzählung da. Die den süßen Gestank von Tod enthält.
Die Wut auf die Lebenden. Die Verlockung der Lust, die ihr ihr ganzes Leben lang
verwehrt war, und von der ich so sehr wünsche, sie hätte sie erleben dürfen.
Ach! ich schreibe dies in Verzweiflung und Sorge, oh, wie ich wünsche, sie hätte
dies, das ihr verwehrt wurde, erleben dürfen. Aber jetzt nur Trauer angesichts
der Liebe, die sie nie erleben durfte.
Die dies schrieb, hieß Blanche Wittman.
Sie war eine schöne Frau mit weichem, fast kindlich unschuldsvollem Gesicht,
einer Andeutung von Wangengrübchen, anscheinend dunklem und ziemlich langem
Haar, das ist alles, was man auf dem Gemälde, das existiert, erkennen kann, und
auf der einzigen Fotografie.
Sie hat Ähnlichkeit mit jemandem.
Die Geschichte ist kurz zusammengefaßt folgende. Sie kam als Achtzehnjährige
ins Salpêtrière-Krankenhaus in Paris und wurde mit nervösen oder, wie man später
feststellte, hysterischen Symptomen als Patientin aufgenommen. Sie war früher
anders behandelt worden, also staccato!, doch nun wurde sie vom Schloß umarmt.
Ihre Melancholie äußerte sich in somnambulen Krämpfen, die sich jedoch nach
einer Stunde lösten; man stellte schnell fest, daß es sich nicht um einen Typ
von Epilepsie handelte, sondern eben um Hysterie. Der Chef des Krankenhauses,
ein Professor Charcot – später berühmt als der erste, der verschiedene
Formen von Sklerose, u.a. multiple Sklerose und gewisse neurasthenische
Erkrankungen (›Charcot’s disease‹) diagnostiziert hatte –, wurde von
einer eigentümlichen Bindung an sie, fast Ergebenheit für sie, ergriffen, und
sie wurde seine Lieblingspatientin.
Sie wirkte bei den Experimenten mit sich selbst mit.
Charcot war bei ihrer Begegnung dreiundfünfzig Jahre alt. Er benutzte den
Ausdruck ›Experiment‹ und glaubte nicht, daß es ihre Fähigkeit zur
theatralischen Gestaltung bestimmter wissenschaftlicher Probleme war, die ihn
fesselte. Auf die Frauen, die er während der Experimente mit Hysterie vorführte,
später u.a. Jane Avril, hatte er keine Lust verspürt. Er gibt nie zu, nicht
vor der letzten Reise nach Morvan am Ende seines Lebens, daß er Lust auf
Blanche verspürte; aber sie geht im Fragebuch davon aus, als sei es eine
selbstverständliche Tatsache.
[...]
Charcot besaß die Kindlichkeit eines Entdeckungsreisenden und Forschers. Er
bekannte sich zu den Idealen der Aufklärung, meinte aber, daß Erfinder,
Untersucher, Physiker und Entdeckungsreisende jetzt neue und geheimnisvolle
Landschaften erforschen sollten. Die Psyche der Frau war ein solcher Kontinent,
nicht wesensverschieden von der des Mannes, aber gefährlicher. Die Frau war das
Tor, schreibt er, durch das man in den dunklen Kontinent eindringen mußte.
Dieser war reicher und rätselhafter als der des Mannes. Jane Avril findet sich
auf vielen von Toulouse-Lautrecs besten Zeichnungen: dünn, tanzend, einmal mit
abgewandtem Gesicht, doch manchmal, meistens, im Halbprofil sichtbar, wie eine,
die viel gesehen, aber beschlossen hat, sich abzuwenden.
Mit Blanche als Figurantin wurde der Eintritt in die Natur der Frau und des
Menschen jeden Freitag – später Dienstag – um 15.00 Uhr vor einem speziell
geladenen Publikum in Szene gesetzt.
Charcot hatte einen österreichischen Assistenten mit Namen Sigmund.
Das Jahr bei Charcot sollte alles prägen, was dieser später tat; seine Übersetzungen
von Charcots Vorlesungen ins Deutsche sind ›bezaubernd‹. Freud meinte, daß
Charcot sein Leben verändert habe.
Er kann auch Blanche gemeint haben.
Sigmund konnte sich in gewissem Sinne nie ganz von seinem Expeditionsleiter
befreien. Sie glaubten beide, den Punkt in der Landschaft gefunden zu haben, von
dem aus die Erzählung betrachtet werden konnte, und setzten von dort aus nicht
nur die Natur der Frau in Szene, sondern auch die der Liebe, die ein religiöser
Ritus war, und ein Machtspiel.
Natürlich traten auch andere Hysterikerinnen bei Charcots Vorführungen auf.
Doch Blanche ist die einzige, die erwähnt wird. Warum sollte da nicht Charcot
selbst gebrandmarkt werden! Wie ein Tier!
In ihrer Jugend, schreibt Blanche, hatte sie einen französischen Roman über
ein junges dänisches Mädchen gelesen, eine Zwölfjährige, die den dänischen
König Christian den Vierten eingefangen und von sich abhängig gemacht hatte,
wie von Drogen. Man glaubte, er sei Alkoholiker, aber tatsächlich war er nur
von ihr versklavt worden! Hoppla!, wie auch Blanches Onkel einmal ausgerufen
hatte.
Dieses hoppla. Wie eine Brandwunde.
Der Roman hatte in den ersten Jahren des 17. Jahrhunderts gespielt. Dieses dänische
Mädchen, das Königin wurde, war zuerst jung gewesen, dann gealtert, und schließlich
war es ihr gelungen, ihren Gatten, den dänischen König Christian den Vierten,
zu vernichten. Er war da von der Liebe gefangen gewesen. Es war ein
verabscheuenswerter Roman, der eine richtige Frage gestellt hatte, aber an der
Antwort gescheitert war.
Am Ende dieses Romans fand sich der Satz Wer kann die Liebe erklären? Doch wer
wären wir, wenn wir es nicht versuchten? Sie schreibt, daß sie diese
Feststellung komisch gefunden habe, aber beruhigend.
Ich verstehe sie nicht.
Gerade jetzt mag ich sie nicht, ihre Arroganz und Härte. Es ist wie ein Kloß
im Hals.
Wir fangen bald an, wiederholt sie ständig, wie eine Hoffnung. Warum nicht?
Diese Hoffnung ist das einzige, was uns am Leben hält. Ich finde eine Notiz auf
einem Zettel, ich muß sie einmal geschrieben und dann vergessen haben: Das
Fragebuch ist wie Drogen.
Zauberei. Amor Omnia Vincit. Wie konnte sie?
7.
Wache oft in der Nacht auf und kann mich nicht davon freimachen. Das ist
vielleicht ihre Absicht.
Blanche faßt mich an der Hand und führt mich abwärts. Zuerst kühl und
unschuldsvoll, bis ich ruhig bin. Dann wird es schlimmer.
So wollte sie wohl auch Marie helfen. Langsam, an der Hand halten, eine
Begleiterin, hinab zum Mittelpunkt der Erde, hin zur letzten Expedition, dann
hinaus aus dem Dschungel, ans Ufer des Flusses, und zur Nacht in Morvan.
Die theatralischen Inszenierungen vor Publikum wurden für Professor Charcot
nach und nach immer quälender.
Er schien Blanche auszuliefern, wurde aber selbst ausgeliefert. Das
wissenschaftliche Schema mit den Druckpunkten, die mit einem Stift auf dem Körper
der Frau angezeichnet wurden, die Anfälle, Zuckungen, Melancholie, Lähmungen
oder Liebe hervorrufen sollten, war am Ende so vollendet, und die von gehorsamen
Patientinnen gestalteten Resultate waren so gelungen, daß er fand, daß er sehr
einsam war.
Da war es zu spät. Er war in ihrer Macht. Auf diese Weise erinnerte sie an die
junge dänische Königin, deren Namen sie indessen vergessen hatte. Sechs Jahre
lang war Blanche der große theatralische Star in der Salpêtrière, der auf
seine Weise das wissenschaftliche Vergnügungsleben von Paris dominierte, auf
die gleiche Weise wie die verstoßene Jane Avril Moulin Rouge dominierte.
Jane tanzte und wurde abgebildet. Der Tanz, den sie in der Salpêtrière
erfunden und geschaffen hatte, der Tanz, von dem alle verhext waren, obwohl man
nicht begriff, warum, hieß ›Der Tanz der Irren‹.
Man muß sich zum Irren machen, hatte Charcot zu ihr gesagt.
Jane wurde oft gesehen, aber nie abgebildet, bevor sie die Salpêtrière verließ
und weltberühmt wurde. Es gibt andrerseits nur ein künstlerisches Gemälde,
das Blanche darstellt. Sie wird darauf als ohnmächtig abgebildet.
Blanche tötete ihren Geliebten, Professor Charcot, im August 1893. Einige Jahre
später verließ sie das Krankenhaus und nahm eine Anstellung bei der polnischen
Physikerin Marie Sk≥odowska Curie an und erhielt als erstes die Aufgabe,
mit Pechblende zu arbeiten. Daß dieses Mineral Radium ausstrahlte, war
unbekannt, sie wurde zu Amputationen gezwungen, am Ende war sie ein Torso.
Im Zeitraum zwischen ihrer ersten Amputation und ihrem Tod schreibt sie das
Fragebuch. Es ist das Buch von Blanche und Marie.
Marie Curie liebte sie, auch nachdem sie in einen Torso verwandelt worden war.
Marie hatte auch einen Geliebten; er ließ sie im Stich, was ihren zweiten
Nobelpreis, den in Chemie, gefährdete. In ihren Aufzeichnungen, die sie ›Das
Fragebuch‹ nannte, schreibt Blanche, daß sie auf dem Höhepunkt von Maries
schwerster Krise – nach der Rückkehr aus England und am selben Tag, an dem
sie die Nachricht erhielt, daß ihr Geliebter aufgegeben und eine andere
gefunden hatte – zum ersten Mal von ihrer endgültigen Abrechnung mit
Professor Charcot erzählte.
Es war das erste Mal, daß sie es jemandem erzählte. Sie schreibt, sie habe es
getan, um Maries Naivität zu verringern, um sie dazu zu bringen, sich auf ihre
Füße zu stellen und zu gehen.
Der Ausdruck nimmt sich eigentümlich aus bei einer Beinlosen, aber er kehrt
mehrfach wieder.
Sie schreibt: Ich erklärte Marie, als sie in Tränen aufgelöst an meinem Bett
saß und mich mit ihrer rechten Hand streichelte, die verkümmert war, fast
zerfressen von der harten Arbeit, die sie mit dem Radium durchgeführt hatte,
ich erklärte ihr, daß ich ihn wegen seiner Treue getötet hätte, und seiner
Kindlichkeit, und weil er sich nicht auf seine Füße stellen und gehen wollte,
was das Zeichen der Liebe ist. Keinen, dem ich begegnet bin, habe ich geliebt
wie ihn, keinen einzigen, ich liebte ihn mehr als mein eigenes Leben und zwang
mich deshalb dazu, ihn von mir fernzuhalten. Wie groß ist doch die Liebe, und
wie schwer einzufangen, wie ein Schmetterling, der vom Himmel geflohen ist. Doch
wie finden wir, in dieser Zeit schwerer Umwälzungen, die das Kennzeichen dieses
neuen Jahrhunderts sind, einen Zusammenhang, wenn nicht in der Liebe.
Das ist die ganze Geschichte in kurzer, wahrheitsloser Zusammenfassung.
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