Der Besuch des Leibartzes von Per Olov Enquist, Hanser-VerlagPer Olov Enquist

Der Besuch des Leibarztes
(Leseprobe aus:
Der Besuch des Leibarztes, Roman, 2001, Hanser - Übertragung Wolfgang Butt).

König Christian VII. hatte bei seiner Thronbesteigung Anfang des Jahres von seinem Informator Reverdil einen Hund geschenkt bekommen, einen Schnauzer, an dem er schon nach kurzer Zeit sehr hing. Zu der Begegnung mit der kleinen Engländerin in Roskilde sollte er im Wagen eintreffen, mit großem Gefolge, direkt aus Kopenhagen.
In der Kalesche des Königs saßen außer Christian ein ehemaliger Professor der Akademie Sorø mit Namen Guldberg, der Lehrer des Königs, Reverdil, sowie ein Höfling namens Brandt, der im Verlauf der späteren Ereignisse eine bedeutungsvolle Rolle spielen sollte. Guldberg, dessen Platz unter normalen Umständen nicht in der Kalesche des Königs gewesen wäre, weil seine Position am Hof noch allzu unbedeutend war, begleitete den König aus Gründen, die noch zur Sprache kommen werden.
Im Wagen fuhr auch der Hund mit, er saß die ganze Zeit auf Christians Schoß.
Guldberg, der in der klassischen Literatur bewandert war, hatte nämlich aus Anlaß der Begegnung eine Liebeserklärung verfaßt, die auf Passagen eines Dramas von Racine aufbaute, und hatte im Wagen "die letzten beruhigenden Instruktionen vor der Liebesbegegnung" gegeben, wie Reverdil es in seinen Memoiren nennt.
"Beginnen Sie kraftvoll", hatte Guldberg der Majestät gesagt, die fast ganz abwesend zu sein schien und verzweifelt den kleinen Hund an sich drückte. "Die Prinzessin muß schon vom ersten Moment an die starke Passion Eurer Majestät erkennen. Der Rhythmus! ›Ich beuge mich dem Liebesgott … ich BEUGE mich dem Liebesgott …‹ Der Rhythmus! Der Rhythmus!"
Die Stimmung im Wagen war bedrückt gewesen, und die Tics und Körperbewegungen des Königs waren zeitweise unkontrollierter denn je. Bei der Ankunft hatte Guldberg angedeutet, daß der Hund nicht an der Liebesbegegnung der Königlichen teilnehmen könne, sondern im Wagen zurückbleiben müsse. Christian hatte sich zunächst geweigert, ihn loszulassen, war aber schließlich dazu gezwungen worden.
Der Hund hatte gewinselt, und später sah man ihn heftig bellend hinter dem Fenster der Kalesche. Reverdil schreibt, dies sei "einer der angsterfülltesten Augenblicke seines Lebens gewesen. Der Junge schien jedoch am Ende so apathisch, als ginge er in einem Traum".

Das Wort "Schrecken" kommt oft vor. Am Schluß hatten die Prinzessin Caroline Mathilde und ihr Verlobter Christian VII. trotzdem alles fast perfekt gemacht.
Ein Kammerorchester war neben dem Glaspavillon aufgestellt. Das Abendlicht war sehr schön. Auf dem Platz um den Pavillon hatten sich Tausende von Menschen versammelt; sie wurden von den Soldaten, die in doppelten Reihe die Wache bildeten, zurückgehalten.
Im exakt gleichen Augenblick, und begleitet von der Musik, waren die beiden jungen königlichen Personen durch die Türen eingetreten. Sie hatten sich einander exakt so genähert, wie das Zeremoniell es vorschrieb. Die Musik war, als sie drei Ellen voneinander entfernt standen, verstummt. Die Prinzessin hatte Christian die ganze Zeit angesehen, doch mit einem Blick, der leblos zu sein schien, als ginge sie - auch sie - in einem Traum.
Christian hatte das Gedicht in der Hand gehalten, auf einem Bogen Papier. Als sie schließlich still voreinander standen, hatte er gesagt:
"Ich will jetzt meine Liebe erklären, teure Prinzessin."
Er hatte auf ein Wort von ihr gewartet, doch sie hatte ihn nur angesehen und geschwiegen. Seine Hände hatten gezittert, aber schließlich war es ihm gelungen, sich zu ermannen, und er hatte Guldbergs Liebeserklärung gelesen, die wie ihr literarisches Vorbild auf französisch abgefaßt war.

Ich beug' der Liebesgöttin mich, wo ich auch geh,
ich hilflos unter ihrem mächt'gen Willen steh.
Vor Eurer Schönheit kann ich nur verblassen,
Eu'r schönes Bild bleibt stets bei mir, nachdem Sie mich
verlassen.
Weit in des Waldes Tiefe folgt Euer Bild mir sacht.
Am lichten Tag wie in kohlschwarzer Nacht
Ist meine Lieb' zu Euch ein Licht, das nie wird schwinden.
Seht hier den Grund für neues zärtliches Empfinden.

Sie hatte an diesem Punkt eine Handbewegung gemacht, vielleicht versehentlich; aber er hatte sie als ein Zeichen aufgefaßt, daß er schließen solle. Er hörte deswegen auf zu lesen und sah sie fragend an. Sie hatte nach einer Weile gesagt:
"Danke."
"Das reicht vielleicht", hatte er geflüstert.
"Ja, das reicht."
"Ich wollte Euch mit diesen Worten meine Leidenschaft bezeugen", hatte er gesagt.
"Ich empfinde die gleiche Leidenschaft für Sie, Majestät", hatte sie mit fast unmerklichen Lippenbewegungen geflüstert. Ihr Gesicht war überaus blaß, ihre Tränen waren überpudert, und das Gesicht wirkte wie weiß gekalkt.
"Danke."
"Können wir dann die Zeremonie beenden", hatte sie gefragt.
Er hatte sich verbeugt. Die Musik hatte, auf ein Zeichen des Zeremonienmeisters, wieder eingesetzt, und die beiden Verlobten hatten daraufhin, vor Schrecken starr und doch mit vollendeten Bewegungen, begonnen, sich der größeren Zeremonie entgegen zu bewegen: den Huldigungen, der Ankunft in Kopenhagen, der Hochzeit, ihrer kurzen Ehe und der dänischen Revolution.

Am 8. November um sieben Uhr dreißig betrat das junge Paar die Schloßkirche in Kopenhagen, wo die feierliche Eheschließung stattfand. Die Festlichkeiten dauerten sechs Tage.
"Unendliche Hoffnungen knüpfen sich an die einnehmende englische Königin", schreibt der englische Gesandte in seinem Bericht nach London.
Man fand ihr Auftreten vollendet.
An Christian nichts auszusetzen. Keine Ausbrüche, keine Fehltritte. Der Hund während der Trauungszeremonie nicht anwesend.

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