Schönes Babylon, Gedichte aus Europa, Hrsg. von Gregor Laschen, 1999 DuMont

Anna Enquist

Wohin der Zug uns bringt
(Leseprobe aus: Schönes Babylon, Gedichte aus Europa, 1999, hrsg. von Gregor Laschen, DuMont)

Wir haben das Durchfahrtsrecht gekauft
und steigen in den Zug. Es wird Abend, der Wein
ist noch kühl von zuhaus, die Landschaft scheint freundlich
und fremd zu sein. Die Sonne macht dicht; wir, in
diesem letzten Licht gerade noch eine Familie, werden sacht
der Nacht übergeben, Lachsbutterbrot in der Hand.
Im Fenster stehen die Koffer mit Büchern,
mit Blusen und Bergschuhen, wiegen sich und schweben.

Wie Milch und Blut liegen wir auf den Pritschen. Wenn ich auf-
schrecke: die Kinder fünfzehn Jahre jünger, eine Mauer
bitteren Gestanks, der Zug donnert ostwärts
durch schwarzes und verlassenes Land. Wir können keine Eltern
mehr sein, wenn Soldaten sie bedrohen und drängen
jenseits des Wortes, uns die Knochen brechen, uns köpfen;
wir atmen Mord. Ich schlucke mich selbst, ich verbeiße
mich in einzigem Satz: daß der Tag komme, der Tag komme!

(Übersetzung von Ursula Krechel)

Rezension I Buchbestellung I home IV03 LYRIKwelt © DuMont