Friedrich Engels

Zur Wohnungsfrage
(Leseprobe aus dem Vorwort:
Zur Wohnungsfrage, Essay, 1872, 2. Aufl. 1887).

Die nachfolgende Schrift ist der Wiederabdruck dreier Artikel, die ich 1872 in den Leipziger "Volksstaat" schrieb. Damals ergoß sich grade der französische Milliardenregen [49] über Deutschland; Staatsschulden wurden abgezahlt, Festungen und Kasernen gebaut, die Bestände von Waffen und Militäreffekten erneuert; das disponible Kapital nicht minder als die zirkulierende Geldmenge wurden plötzlich enorm vermehrt, und das alles grade zu einer Zeit, wo Deutschland nicht nur als "einiges Reich", sondern auch als großes Industrieland auf der Weltbühne auftrat. Die Milliarden gaben der jungen Großindustrie einen mächtigen Aufschwung; sie vor allem waren es, die die kurze, illusionsreiche Periode der Prosperität nach dem Krieg, und gleich darauf, 1873/1874, den großen Krach [372] zuwege brachten, durch welchen Deutschland sich als weltmarktfähiges Industrieland bewährte.

Die Zeit, worin ein altes Kulturland einen solchen, obendrein durch so günstige Umstände beschleunigten Übergang von der Manufaktur und dem Kleinbetrieb zur großen Industrie macht, ist auch vorwiegend die Zeit der "Wohnungsnot". Einerseits werden Massen ländlicher Arbeiter plötzlich in die großen Städte gezogen, die sich zu industriellen Mittelpunkten entwickeln; andrerseits entspricht die Bauanlage dieser älteren Städte nicht mehr den Bedingungen der neuen Großindustrie und des ihr entsprechenden Verkehrs; Straßen werden erweitert und neu durchgebrochen, Eisenbahnen mitten durchgeführt. In demselben Augenblick, wo Arbeiter haufenweis zuströmen, werden die Arbeiterwohnungen massenweis eingerissen. Daher die plötzliche Wohnungsnot der Arbeiter und des auf Arbeiterkundschaft angewiesenen Kleinhandels und Kleingewerbs. In Städten, die von vornherein als Industriezentren entstanden, ist diese Wohnungsnot so gut wie unbekannt. So in Manchester, Leeds, Bradford, Barmen-Elberfeld. Dagegen in London, Paris, Berlin, Wien hat sie ihrerzeit akute Formen angenommen und besteht meist chronisch fort.

Es war also grade diese akute Wohnungsnot, dies Symptom der sich in Deutschland vollziehenden industriellen Revolution, die damals die Presse mit Abhandlungen über die "Wohnungsfrage" füllte und den Anlaß bot zu allerhand sozialer Quacksalberei. Eine Reihe solcher Artikel verlief sich auch in den "Volksstaat". Der anonyme Verfasser, der sich später als Herr Dr. med. A. Mülberger aus Württemberg zu erkennen gab, hielt die Gelegenheit für günstig, den deutschen Arbeitern an dieser Frage die Wunderwirkungen der Proudhonschen sozialen Universalmedizin einleuchtend zu machen. Als ich der Redaktion meine Verwunderung über die Aufnahme dieser sonderbaren Artikel zu erkennen gab, wurde ich aufgefordert, zu antworten, was ich auch tat. (S. Erster Abschnitt: "Wie Proudhon die Wohnungsfrage löst"1.) An diese Reihe von Artikeln knüpfte ich bald darauf eine zweite, worin an der Hand einer Schrift von Dr. Emil Sax die philanthropisch-bürgerliche Auffassung der Frage untersucht wurde. (Zweiter Abschnitt: "Wie die Bourgeoisie die Wohnungsfrage löst"2.) Nach längerer Pause beehrte mich sodann Herr Dr. Mülberger mit einer Antwort auf meine Artikel [373], die mich zu einer Erwiderung zwang (Dritter Abschnitt: "Nachtrag über Proudhon und die Wohnungsfrage"3), womit denn sowohl die Polemik wie meine spezielle Beschäftigung mit dieser Frage zum Abschluß kam. Dies die Entstehungsgeschichte dieser drei Reihen von Artikeln, die ebenfalls als Sonderabdruck in Broschürenform erschienen. Wenn jetzt ein neuer Abdruck nötig wird, so verdanke ich dies zweifellos wiederum der wohlwollenden Fürsorge der deutschen Reichsregierung, die den Absatz durch ein Verbot wie immer mächtig förderte und der ich hiermit meinen Dank ergebenst ausspreche.

Für den neuen Abdruck habe ich den Text revidiert, einzelne Zusätze und Anmerkungen eingefügt und einen kleinen ökonomischen Irrtum im ersten Abschnitt berichtigt4, da mein Gegner Dr. Mülberger ihn leider nicht herausgefunden hat.

Bei dieser Durchsicht kommt mir so recht zum Bewußtsein, welche Riesenfortschritte die internationale Arbeiterbewegung in den letzten vierzehn Jahren gemacht. Damals war es noch eine Tatsache, daß "die romanisch redenden Arbeiter seit zwanzig Jahren keine andre Geistesnahrung hatten als die Werke Proudhons"5, und allenfalls die weitere Vereinseitigung des Proudhonismus durch den Vater des "Anarchismus", Bakunin, der in Proudhon "unser aller Meister", notre maitre à nous tous, sah. Waren auch die Proudhonisten in Frankreich nur eine kleine Sekte unter den Arbeitern, so waren sie doch die einzigen, die ein bestimmt formuliertes Programm hatten und die unter der Kommune die Führung auf ökonomischem Gebiet übernehmen konnten. In Belgien herrschte der Proudhonismus unter den wallonischen Arbeitern unbestritten, und in Spanien und Italien war, mit sehr vereinzelten Ausnahmen, in der Arbeiterbewegung alles, was nicht anarchistisch war, entschieden proudhonistisch. Und heute? In Frankreich ist Proudhon unter den Arbeitern vollständig abgetan und hat nur noch Anhänger unter den radikalen Bourgeois und Kleinbürgern, die sich als Proudhonisten auch "Sozialisten" nennen, aber von den sozialistischen Arbeitern aufs heftigste bekämpft werden. In Belgien haben die Flamländer die Wallonen von der Leitung der Bewegung verdrängt, den Proudhonismus abgesetzt und die Bewegung mächtig gehoben. In Spanien wie in Italien hat sich die anarchistische Hochflut der siebziger Jahre verlaufen und die Reste des Proudhonismus mit weggeschwemmt; wenn in Italien die neue Partei noch in der Klärung und Bildung begriffen ist, so hat sich in Spanien der kleine Kern, der als Nueva Federacion Madrilea treu zum Generalrat der Internationale hielt, zu einer kräftigen Partei entwickelt [374], die - wie aus der republikanischen Presse selbst zu ersehen - den Einfluß der bürgerlichen Republikaner auf die Arbeiter weit wirksamer zerstört, als ihre lärmvollen anarchistischen Vorgänger dies je gekonnt. An die Stelle der vergessenen Werke Proudhons sind bei den romanischen Arbeitern "Das Kapital"6, das "Kommunistische Manifest"7 und eine Reihe anderer Schriften der Marxschen Schule getreten, und die Hauptforderung von Marx: Besitzergreifung sämtlicher Produktionsmittel namens der Gesellschaft, durch das zur politischen Alleinherrschaft emporgestiegene Proletariat, ist heute die Forderung der gesamten revolutionären Arbeiterklasse auch in den romanischen Ländern.

Wenn hiernach der Proudhonismus bei den Arbeitern auch der romanischen Länder endgültig verdrängt ist, wenn er nur noch - seiner eigentlichen Bestimmung entsprechend - französischen, spanischen, italienischen und belgischen bürgerlichen Radikalen als Ausdruck ihrer bürgerlichen und kleinbürgerlichen Gelüste dient, warum dann heute noch auf ihn zurückkommen? Warum aufs neue einen verstorbenen Gegner bekämpfen durch Wiederabdruck dieser Artikel?

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