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Bruderherz
(Leseprobe aus: Zirkus Bulgarien, Geschichten für eine
Zigarettenlänge, 2008, Deuticke -
Übertragung Katrin Zemrich und Norfbert Randow, Nachwort
Dimitré Dinev).
Eines Tages kam irgend so ein Geldprotz, von
zwei Gorillas
begleitet, in die Boxhalle. Sein Gesicht war glatt wie bei einem
Baby und sein Blick so traurig wie der einer Ölsardine in
der Büchse; sämtliche Chefs und Trainer standen, Hände an
der Hosennaht, untertänigst vor ihm, und an der Kehle brach
ihnen der Schweiß aus. Der Geldprotz nannte leise den Namen
Shoro Peschev. Dieser hörte, wie die Chefs sich fast
überschlugen, ihn zu loben. Schließlich rief Herr Großes Tier
ihn zu sich, drückte ihm die Hand und steckte ihm ein mit
Gummiband zusammengehaltenes Bündel Banknoten zu.
Erst als der Geldprotz wieder verschwunden war, begriff
Shoro, dass er sich für dieses Geld von Kopf bis Fuß so einzukleiden
hatte, dass ihn die Passanten auf der Straße für einen
Universitätsassistenten halten sollten.
Damit begann der Dienst des Boxers Shoro Peschev bei
dem Geldprotz. Jeden Morgen schickte man ihn zum Schießen
auf einen privaten Schießplatz, bis er schließlich so gut
war, dass er mit einem Schuss aus sechzig Schritt Entfernung
eine brennende Kerze auslöschen konnte. Da hängte man
ihm einen Revolver über die Achsel, einen weiteren an die
Hüfte und setzte ihm volles Gehalt aus.
Sein Boss hatte nichts anderes zu tun, als mit dem Mercedes
herumzufahren, von Zeit zu Zeit an irgendwelchen Orten
anzuhalten und mit verschiedenen Leuten zu sprechen.
Irgendwann am Nachmittag begann er zu trinken, und wenn
er dabei zu viel des Guten tat, war Shoro derjenige, der später
die Überreste seiner Persönlichkeit einsammeln musste.
Samstags hatte er frei. Dann besuchte er gewöhnlich seinen
Bruder Ivailo. Sie gingen hinaus auf den Balkon, setzten
sich auf zwei Hocker, schenkten sich Bier ein, und der
Bruder erklärte ihm lang und breit, was in der Welt und bei
ihm so vor sich ging. Seit jeher war er der Schlaueste in der
Familie gewesen. Schon als Schüler begeisterte er sich für
Computer, und jetzt besaß er eine gut gehende Firma für
Computerprogramme.
An einem Samstag wurde Shoro vom Boss mit Rocky und
Affe in die Provinz geschickt. Sie kamen zur Mittagszeit in
dem Städtchen an und parkten den Mercedes vor der Nachtbar
am Platz. Das Lokal hatte geschlossen. Die drei gingen
durch den Privateingang und überraschten den Besitzer im
Hausrock, wie er gerade dabei war, die Haare seiner blonden
Gespielin zu kleinen Zöpfchen zu flechten. Rocky und Affe
schlossen die Gespielin im Klo ein, nachdem sie ihr den
Mund mit Klopapier gestopft hatten, und fesselten den
Mann an den Stuhl. Dann kochten sie einen ganzen Liter
Kaffee und fingen an, den noch kochenden Kaffee dem Mann
mit einem Essigtrichter in den Mund zu schütten. Der Mann
schrie wie am Spieß, und als sie ihn losbanden, unterschrieb
er augenblicklich die Papiere, die Affe in weiser Vorausschau
schon vorbereitet hatte. Kurz nach vier Uhr waren sie wieder
in Sofia. Affe überreichte dem Boss einen kleinen Lederkoffer
voller Banknoten. Der Boss lobte speziell Shoro, tätschelte
ihm den Hals mit einer Hand, die so weich war wie
die Pfote einer ertrunkenen Katze, und entließ ihn, damit er
sich ausruhe.
Sein Bruder aber war heute überhaupt nicht bei Laune.
Erst nach dem dritten Bier entspannte Ivailo sich ein wenig
und erzählte, dass irgendwelche Typen Geld von ihm erpresst
hätten. Shoro bat ihn nachdrücklich, falls er wieder Probleme
mit ihnen haben sollte, sich bei ihm zu melden. Er schaute ins
Brillengesicht seines Bruders, und seine Schultermuskeln
zuckten.
Die ganze nächste Woche fuhr Shoro mit Rocky und Affe
in der Provinz umher. Das Szenario war immer das gleiche,
und alles lief glatt. Die kleinen Lederkoffer purzelten wie die
Eicheln. Nur an einem Ort trafen sie auf Widerstand, und sie
konnten es nicht vermeiden, ihren Revolver zu ziehen. Als sie
die Männer gefesselt hatten, waren sie so erhitzt, dass sie den
Kaffee vergaßen und gleich mit Variante B begannen – dem
Fingerbrechen. Die Männer unterschrieben die Papiere sofort.
Zwar wirkten die Unterschriften etwas krakelig, aber
was machte das schon.
Der Boss empfing sie bis an beide Ohren grinsend, nahm
das Geld an sich, reichte Shoro dann eine Adresse in Sofia und
befahl ihm, dort auf die gleiche Weise vorzugehen. Er fügte
noch hinzu, das würde seine Kampftaufe sein. Rocky und
Affe saßen rechts und links neben ihm und stocherten mit
Streichhölzern in ihren Zähnen. An der angegebenen Adresse
befand sich das Büro einer Firma. Als Shoro eintrat, blickte er
plötzlich in das Gesicht seines Bruders. Ivailo freute sich, bot
ihm Tee an und sagte unter anderem, bis jetzt sei alles in Ordnung
gewesen, niemand hätte ihn seitdem mehr aufgesucht.
Shoro lief hin und her in dem Raum, schaute sich die Computer
an und ging wieder. Nicht einmal seinen Tee trank er
aus. Er fuhr wie ein Verrückter durch die Straßen. Bei seinem
Boss angelangt, sagte er ihm, da müsse ein Irrtum vorliegen.
An der angegebenen Adresse befinde sich die Firma seines
Bruders Ivailo.
Der Boss nippte an seinem Glas und kratzte sich hinterm
Ohr. Rocky und Affe standen auf, spuckten die Streichhölzer
aus und knöpften ihre Jacken auf. Der Boss schaute Shoro
eine Weile verwundert an und wurde dann plötzlich so traurig,
als hätte er seinen eigenen Nekrolog erblickt. Er sagte, in
ihrem Geschäft gebe es weder Brüder noch Schwestern. Ein
Befehl sei ein Befehl. Jetzt solle Shoro ein guter Junge sein,
solle sofort zurückfahren und das Begonnene zu Ende bringen.
Der rechte Schwinger des Boxers traf ihn noch vor dem
Punkt am Ende des Satzes. Der Boss fiel in die riesige Tonne
mit dem Ficus und krümmte sich wie ein Wurm am Angelhaken.
Die Revolver von Rocky und Affe krachten gleichzeitig.
Shoro verspürte keinen Schmerz, er sah auch nicht das
Blut spritzen.
Zu seiner Beerdigung fuhren mindestens dreißig schwarze
Limousinen vor. Den Sarg trugen Rocky, Affe und noch zwei
Recken mit bärtigen Trauermienen. Der Boss trug eine
dunkle Brille und blieb die ganze Zeit über im Wagen sitzen.
Als alles vorbei war, rief er den Bruder des Verstorbenen zu
sich und reichte ihm ein dickes, mit Gummiband zusammengehaltenes
Bündel Banknoten. Er sagte, es täte ihm schrecklich
leid und er trauere um Shoro Peschev. Einen so guten Angestellten
wie ihn würde er kein zweites Mal finden. Er sagte
noch, falls er – Ivailo – oder irgendjemand aus seiner Familie
irgendwelche Probleme hätten, so sollten sie ruhig an ihn herantreten,
ohne sich zu genieren. Ihm sei nichts unmöglich, so
schloss er und tätschelte Shoros Bruder beim Abschied traurig
die Wange.
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