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Vom Dorf
(Leseprobe aus: Städte ohne
Dattelpalmen, Roman, 2001, Edition
Selene)
Ich sitze auf einem Stein vor
unserem Haus aus Lehm. Vieles geht mir durch den Kopf, während ich mit einem dürren
Ast sonderbare Zeichen und Linien in den Boden ritze, ohne es zu merken. Denn
ich bin tief in meine düsteren Gedanken versunken.
Zornig und aufgebracht drücke ich den verdorrten Ast gegen den rissigen und
unfruchtbaren Boden. Bittere Wut schnürt mir die Kehle zu. Ich spucke auf den
Boden und verfluche diese Armut und diese Dürre, die erbarmungslos über uns
hergefallen sind. Ich seufze, wenn ich an meinen Vater denke und daran, was er
uns angetan hat. Und ich spucke noch einmal aus. Ich hasse ihn abgrundtief. Er
muß mich, meine Mutter und meine beiden kleinen Schwestern ja auch hassen.
Warum hätte er uns sonst verlassen und eine andere Frau geheiratet? Danach
haben wir nie wieder von ihm gehört. Einmal hat man uns erzählt, daß er auf
dem Markt von Al-Khartoum Erfrischungsgetränke verkauft, ein andermal, daß er
bei der Eisenbahn in Wadi Halfa arbeitet; wieder ein andermal, daß er nach Ägypten
gegangen und dort Kellner in einem Café ist.
Verdammtes Leben! Wenn er nicht dazu imstande ist, eine Familie zu versorgen,
warum hat er dann überhaupt geheiratet? Warum hat er uns verlassen und ist
einfach verschwunden?
Mein Druck auf den dürren Ast wird stärker, bis er bricht und wieder bricht
und meine Fingerspitzen schließlich den rissigen Boden berühren. Ich betrachte
die Risse, die sich wie die ineinander verwobenen Fäden eines Spinnennetzes über
den Boden ziehen. Mit den Füßen versuche ich sie mit Staub zuzuschütten. Aber
was können schon zwei kleine Füße für ein ganzes Dorf tun! Seit sich Verwüstung
und Dürre ausgebreitet haben und sich der Regen rar gemacht hat, ist das Unheil
gnadenlos über uns hereingebrochen: Trockenheit, Krankheit, Qualen und Tod. Wir
sind so gut wie tot. Wind kommt auf und wirbelt Staub durch die Luft. Ich schließe
für ein paar Augenblicke die Augen, und als ich sie wieder öffne, sind meine
schwarzen Füße mit leblosem Staub bedeckt, Staub, der mich lebendig begraben möchte,
wie er schon Hunderte aus unserem Dorf und dem Nachbardorf begraben hat. Ich würde
gerne weinen, aber das geht nicht. Ich bemühe mich, wenigstens eine Träne zum
Fließen zu bringen, doch aus meinen Augen kommt nichts – als wäre ich wie
unser Dorf ausgetrocknet und leer. Da verfluche ich meinen Vater noch einmal.
Vor seinem Verschwinden hat er mir beigebracht, daß Weinen Frauensache ist und
ein Mann nie weint, egal, was passiert. Verdammt seist du, du kluger Feigling!
Es wäre besser gewesen, wenn du diese Weisheit für dich behalten hättest!
Eines der Palmblätter, die unser ärmliches Haus bedecken, fliegt an mir
vorbei, und ich fange es mit den Fingerspitzen auf. Ich denke und spucke aus,
und ich spucke aus und denke. Dabei wickle ich das Blatt fest um die Spitze
meines Zeigefingers, ohne es zu merken, und verletze mich an seinem scharfen
Rand. Sofort stecke ich den Finger in den Sand, wie wir das früher immer getan
haben. Wenn sich einer von uns beim Spielen am Fuß oder an der Hand verletzt
hat, hat er den verletzten Körperteil in den Sand gesteckt, bis er zu bluten
aufgehört hat. Dann haben wir weitergespielt.
Mein Blick fällt auf die spielenden Kinder. Was für ein Unterschied zwischen
den Kindern von heute und den Gefährten meiner Kindheit! Ich kann nur Schatten
wahrnehmen, die sich vor mir bewegen. Der Hunger hat sie besiegt, und ihre
mageren Körper sind nur mehr lebendige Skelette. Krätzige, staubfarbene Haut
überzieht ihre Rippen und Knie. Ein paar laufen hier herum, ein paar dort,
einige schreien, und andere sitzen nur auf dem Boden, weil sie sich vor
Magerkeit und Schwäche nicht mehr bewegen können. Von weitem beteiligen sie
sich mit ihren Schreien am Spiel, und zwar nur damit. Das ist ein neues Spiel in
unserem Dorf, das es zu meiner Zeit noch nicht gegeben hat. Wenn eines von ihnen
merkt, daß sich die anderen von ihm entfernen, um an einem anderen Platz
weiterzuspielen, weiß es, daß es mit seinem Schreien von ihrem Spiel
ausgeschlossen wird. Deshalb beginnt es laut zu schreien, bis schließlich seine
Stimme versagt und es nur mehr lautlos schluchzen kann. Dann kommt seine Mutter,
um es an ihrer Brust zu stillen, die wie der leere Geldbeutel meiner Mutter
aussieht. Ich betrachte das Kind und sehe in seinem Gesicht nur zwei riesige
erwartungsvolle Augen. Ein Arm hängt kraftlos herab, mit dem anderen klammert
es sich an den Zöpfen seiner Mutter fest. Die Fliegen feiern auf den Augen, auf
den Pusteln und Wunden seines zusammenbrechenden Gerippes ein Festmahl. Sie
umkreisen es, um etwas von der Muttermilch abzubekommen. Wenn sie nichts finden,
gehen sie wieder dazu über, seinen abgemagerten Körper anzugreifen und über
jede Wunde herzufallen, denn wenn schon keine Milch, dann wenigstens Blut.
Die Fliegen beharren darauf zu überleben, selbst wenn das ganze Dorf sterben
sollte. Am Tag saugen sie das Blut der Kinder, und in der Nacht kommen die
Stechmücken, um sich ihren Anteil zu holen.
Rezension I Buchbestellung I home III06 LYRIKwelt © Edition Selene