|
|
Käse
(Leseprobe aus: Käse, Roman, 2004, Unionsverlag
- Übertragung Agnes Kalmann-Matter und Gerd Busse)
In
der Straßenbahn, auf dem Nachhauseweg, fühlte ich mich schon wie ein ganz
anderer Mensch. Du weißt, dass ich auf die fünfzig zugehe, und dreißig
Jahre Dienstbeflissenheit haben mir natürlich ihren Stempel aufgedrückt.
Büroschreiber sind bescheiden, viel bescheidener als
Arbeiter, die sich durch Aufsässigkeit und ihre Einigkeit etwas Achtung
ertrotzt haben. Man sagt sogar, dass sie in Russland die Herren geworden sind.
Wenn es stimmt, haben sie es verdient, so finde ich. Sie scheinen es übrigens
mit ihrem Blute erkauft zu haben. Doch Büroschreiber sind im Allgemeinen wenig
spezialisiert und ähneln sich so sehr, dass sogar ein Mann mit langjähriger
Erfahrung bei der erstbesten Gelegenheit einen Tritt in seinen fünfzigjährigen
treuen Hintern kriegt und durch einen andern ersetzt wird, der genauso gut und
billiger ist.
Da ich das weiß und Kinder habe, vermeide ich es sorgfältig,
mit Unbekannten in Streit zu geraten, denn es können Freunde meines Chefs sein.
Ich lasse mich also in der Straßenbahn herumschubsen und reagiere nicht allzu
heftig, wenn mir jemand auf die Zehen tritt.
Aber an diesem Abend war mir alles egal. Der Käsetraum würde
doch in Erfüllung gehen? Ich spürte, dass meine Augen bereits einen festeren
Blick aussandten, und steckte die Hände mit einer Lässigkeit in die
Hosentaschen, die mir eine halbe Stunde zuvor noch vollkommen fremd gewesen war.
Zu Hause angekommen, setzte ich mich ganz normal an den Tisch,
speiste, ohne ein Wort über die neuen Möglichkeiten, die sich mir eröffneten,
zu verlieren, und musste innerlich lachen, als ich sah, wie meine Frau mit ihrer
gewohnten Sparsamkeit die Butter schmierte und das Brot schnitt. Nun ja, sie
konnte nicht vermuten, dass sie morgen vielleicht die Frau eines Kaufmanns sein
würde.
Ich aß wie immer, nicht mehr und nicht weniger, nicht
hastiger und nicht langsamer. Mit einem Wort, ich aß wie einer, der sich damit
abfindet, dass sich seine jahrelange Knechtschaft bei der General Marine and
Shipbuilding Company um eine unbestimmte Anzahl von Jahren verlängern würde.
Und doch fragte meine Frau, was denn los sei.
»Was sollte denn los sein?«
Und dann begann ich, die Hausaufgaben meiner Kinder
nachzusehen. Ich entdeckte einen groben Fehler in einem Partizip Perfekt
und verbesserte ihn so schwungvoll und freundlich, dass mein Sohn überrascht
aufblickte.
»Was schaust du so, Jan?«
»Ich weiß nicht.«
Er schien mir also auch schon etwas anzumerken. Dabei habe ich
immer gedacht, dass ich meine Gefühle meisterhaft verbergen könne. Das muss
ich versuchen zu lernen, denn im Handel ist es sicher von Nutzen. Und wenn mein
Gesicht tatsächlich so ein offenes Buch ist, dann muss während des »journal
parlé« manchmal Mord und Totschlag darin zu lesen sei.
Ich finde, dass das Ehebett der geeignetste Ort ist, um ernste
Angelegenheiten zu besprechen. Dort ist man wenigstens allein mit seiner Frau.
Die Decken dämpfen die Stimmen, die Dunkelheit befördert das Nachdenken, und
weil man sich nicht sehen kann, wird keiner von beiden durch die Empfindung der
Gegenpartei beeinflusst. Dort wird alles mitgeteilt, was man sich mit offenem
Visier nicht zu sagen getraut, und dort war es denn auch, wo ich, bequem auf der
rechten Seite liegend, meiner Frau nach einem einleitenden Schweigen sagte, dass
ich Kaufmann werden würde.
Da sie seit Jahren nur unbedeutende Geheimnisse zu hören
bekommen hat, ließ sie es mich wiederholen und wartete auf eine nähere Erläuterung,
die ich ihr in ruhigen, klaren, man könnte schon sagen »geschäftlichen«.
Meine Frau hörte aufmerksam zu, denn sie blieb so still
liegen wie eine Maus, ohne sich zu räuspern oder umzudrehen. Und da ich
schwieg, fragte sie, was ich zu tun beabsichtige und ob ich dann meine Stelle
bei der General Marine and Shipbuilding Company aufgeben würde.
»Ja, das werde ich wohl müssen. Irgendwo Büroschreiber sein
und außerdem noch auf eigene Rechnung arbeiten, das geht schließlich nicht.
Hier gilts, sich mannhaft zu entscheiden.«
»Und abends?«
»Abends ist es dunkel.«
Das hatte gesessen, denn das Bett knarrte, und meine Frau
drehte sich um, als hätte sie beschlossen, mich an meinen kaufmännischen Plänen
ersticken zu lassen. Ich musste mich also selbst aus der Affäre ziehen.
»Was abends?«
»Abends die Geschäfte betreiben. Was sind das für Geschäfte?«
Nun musste ich wohl gestehen, dass es um Käse ging. Es ist
merkwürdig, aber für mich hat dieser Artikel etwas Ekel Erregendes und Lächerliches.
Es wäre mir lieber gewesen, wenn ich mit etwas anderem hätte handeln dürfen,
zum Beispiel mit Blumenzwiebeln oder Glühlampen, die doch auch typisch holländisch
sind. Sogar Heringe, aber dann vorzugsweise trockene, hätte ich mit mehr Eifer
verkauft als Käse. Aber die Firma jenseits des Moerdijks konnte um meinetwillen
ihren Betrieb nicht umstellen, das war mir schon klar.
»Ein komischer Artikel, findest du nicht?«
Aber meine Frau fand das überhaupt nicht. »Das geht
immer«
Diese Ermunterung tat mir gut, und ich sagte, dass ich die
General Marine and Shipbuilding Company schon morgen früh zum Teufel jagen würde.
Ich wolle aber doch noch eben ins Büro, um Abschied von meinen Kollegen zu
nehmen.
»Aber frage doch zuerst einmal wegen dieser Vertretung an.
Dann kannst du immer noch sehen, was zu tun bleibt. Du scheinst ja wie besessen
zu sein.«
Dieses Letzte war sehr respektlos einem Geschäftsmann gegenüber,
doch der Rat war gut. Übrigens, ich hatte es zwar gesagt, aber deshalb hätte
ich es doch nicht getan, musst du wissen. Wenn man Frau und Kinder hat, muss man
doppelt vorsichtig sein.
Am nächsten Tag ging ich zu meinem Freund van Schoonbeke, um
ihn um Namen und Adresse sowie um eine kurze Empfehlung zu bitten, und noch am
selben Abend schrieb ich einen richtigen Geschäftsbrief nach Amsterdam, einen
der besten Briefe, die ich je geschrieben habe. Ich brachte ihn selbst zur Post,
denn so etwas darf man keinem Dritten anvertrauen, auch nicht den eigenen
Kindern.
Die Antwort blieb nicht aus. Sie kam so schnell, dass ich
erschrak, und zwar in Form eines Telegramms: Erwarten Sie morgen elf Uhr
Hauptniederlassung Amsterdam. Werden Reisekosten erstatten.«
Ich musste mir nun etwas überlegen, um morgen nicht ins Büro
gehen zu müssen, und meine Frau schlug eine Beerdigung vor. Aber das gefiel mir
nicht, weil ich erst kürzlich, zum Begräbnis meiner Mutter, einen Tag zu Hause
geblieben war. Doch für den erstbesten Cousin kann man doch schwerlich vom Büro
wegbleiben, jedenfalls keinen ganzen Tag.
»Dann erzähl doch, dass du krank bist, du kannst es heute
schon vorbereiten. Die Grippe geht um in der Stadt.«
Ich habe dann im Büro mit dem Kopf in den Händen
herumgesessen, und morgen gehe ich nach Amsterdam, um Bekanntschaft mit der
Firma Hornstra zu machen.
Rezension I Buchbestellung I home 0I05 LYRIKwelt © Unionsverlag