Käse von Willem Elsschot, 2004, Unionsverlag

Willem Elsschot

Käse
(Leseprobe aus: Käse, Roman, 2004, Unionsverlag - Übertragung Agnes Kalmann-Matter und Gerd Busse)

   In der Straßenbahn, auf dem Nachhauseweg, fühlte ich mich schon wie ein ganz anderer Mensch.  Du weißt, dass ich auf die fünfzig zugehe, und dreißig Jahre Dienstbeflissenheit haben mir natürlich ihren Stempel aufgedrückt.
   Büroschreiber sind bescheiden, viel bescheidener als Arbeiter, die sich durch Aufsässigkeit und ihre Einigkeit etwas Achtung ertrotzt haben. Man sagt sogar, dass sie in Russland die Herren geworden sind. Wenn es stimmt, haben sie es verdient, so finde ich. Sie scheinen es übrigens mit ihrem Blute erkauft zu haben. Doch Büroschreiber sind im Allgemeinen wenig spezialisiert und ähneln sich so sehr, dass sogar ein Mann mit langjähriger Erfahrung bei der erstbesten Gelegenheit einen Tritt in seinen fünfzigjährigen treuen Hintern kriegt und durch einen andern ersetzt wird, der genauso gut und billiger ist.
   Da ich das weiß und Kinder habe, vermeide ich es sorgfältig, mit Unbekannten in Streit zu geraten, denn es können Freunde meines Chefs sein. Ich lasse mich also in der Straßenbahn herumschubsen und reagiere nicht allzu heftig, wenn mir jemand auf die Zehen tritt.
   Aber an diesem Abend war mir alles egal. Der Käsetraum würde doch in Erfüllung gehen? Ich spürte, dass meine Augen bereits einen festeren Blick aussandten, und steckte die Hände mit einer Lässigkeit in die Hosentaschen, die mir eine halbe Stunde zuvor noch vollkommen fremd gewesen war.
   Zu Hause angekommen, setzte ich mich ganz normal an den Tisch, speiste, ohne ein Wort über die neuen Möglichkeiten, die sich mir eröffneten, zu verlieren, und musste innerlich lachen, als ich sah, wie meine Frau mit ihrer gewohnten Sparsamkeit die Butter schmierte und das Brot schnitt. Nun ja, sie konnte nicht vermuten, dass sie morgen vielleicht die Frau eines Kaufmanns sein würde.
   Ich aß wie immer, nicht mehr und nicht weniger, nicht hastiger und nicht langsamer. Mit einem Wort, ich aß wie einer, der sich damit abfindet, dass sich seine jahrelange Knechtschaft bei der General Marine and Shipbuilding Company um eine unbestimmte Anzahl von Jahren verlängern würde.
   Und doch fragte meine Frau, was denn los sei.
   »Was sollte denn los sein?«
   Und dann begann ich, die Hausaufgaben meiner Kinder nachzusehen. Ich entdeckte einen groben Fehler in einem Partizip Perfekt und verbesserte ihn so schwungvoll und freundlich, dass mein Sohn überrascht aufblickte.
   »Was schaust du so, Jan?«
   »Ich weiß nicht.«
   Er schien mir also auch schon etwas anzumerken. Dabei habe ich immer gedacht, dass ich meine Gefühle meisterhaft verbergen könne. Das muss ich versuchen zu lernen, denn im Handel ist es sicher von Nutzen. Und wenn mein Gesicht tatsächlich so ein offenes Buch ist, dann muss während des »journal parlé« manchmal Mord und Totschlag darin zu lesen sei.
   Ich finde, dass das Ehebett der geeignetste Ort ist, um ernste Angelegenheiten zu besprechen. Dort ist man wenigstens allein mit seiner Frau. Die Decken dämpfen die Stimmen, die Dunkelheit befördert das Nachdenken, und weil man sich nicht sehen kann, wird keiner von beiden durch die Empfindung der Gegenpartei beeinflusst. Dort wird alles mitgeteilt, was man sich mit offenem Visier nicht zu sagen getraut, und dort war es denn auch, wo ich, bequem auf der rechten Seite liegend, meiner Frau nach einem einleitenden Schweigen sagte, dass ich Kaufmann werden würde.
   Da sie seit Jahren nur unbedeutende Geheimnisse zu hören bekommen hat, ließ sie es mich wiederholen und wartete auf eine nähere Erläuterung, die ich ihr in ruhigen, klaren, man könnte schon sagen »geschäftlichen«.
   Meine Frau hörte aufmerksam zu, denn sie blieb so still liegen wie eine Maus, ohne sich zu räuspern oder umzudrehen. Und da ich schwieg, fragte sie, was ich zu tun beabsichtige und ob ich dann meine Stelle bei der General Marine and Shipbuilding Company aufgeben würde.
   »Ja, das werde ich wohl müssen. Irgendwo Büroschreiber sein und außerdem noch auf eigene Rechnung arbeiten, das geht schließlich nicht. Hier gilts, sich mannhaft zu entscheiden.«
   »Und abends?«
   »Abends ist es dunkel.«
   Das hatte gesessen, denn das Bett knarrte, und meine Frau drehte sich um, als hätte sie beschlossen, mich an meinen kaufmännischen Plänen ersticken zu lassen. Ich musste mich also selbst aus der Affäre ziehen.
   »Was abends?«
   »Abends die Geschäfte betreiben. Was sind das für Geschäfte?«
   Nun musste ich wohl gestehen, dass es um Käse ging. Es ist merkwürdig, aber für mich hat dieser Artikel etwas Ekel Erregendes und Lächerliches. Es wäre mir lieber gewesen, wenn ich mit etwas anderem hätte handeln dürfen, zum Beispiel mit Blumenzwiebeln oder Glühlampen, die doch auch typisch holländisch sind. Sogar Heringe, aber dann vorzugsweise trockene, hätte ich mit mehr Eifer verkauft als Käse. Aber die Firma jenseits des Moerdijks konnte um meinetwillen ihren Betrieb nicht umstellen, das war mir schon klar.
   »Ein komischer Artikel, findest du nicht?«
   Aber meine Frau fand das überhaupt nicht. »Das geht immer«
   Diese Ermunterung tat mir gut, und ich sagte, dass ich die General Marine and Shipbuilding Company schon morgen früh zum Teufel jagen würde. Ich wolle aber doch noch eben ins Büro, um Abschied von meinen Kollegen zu nehmen.
   »Aber frage doch zuerst einmal wegen dieser Vertretung an. Dann kannst du immer noch sehen, was zu tun bleibt. Du scheinst ja wie besessen zu sein.«
   Dieses Letzte war sehr respektlos einem Geschäftsmann gegenüber, doch der Rat war gut. Übrigens, ich hatte es zwar gesagt, aber deshalb hätte ich es doch nicht getan, musst du wissen. Wenn man Frau und Kinder hat, muss man doppelt vorsichtig sein.
   Am nächsten Tag ging ich zu meinem Freund van Schoonbeke, um ihn um Namen und Adresse sowie um eine kurze Empfehlung zu bitten, und noch am selben Abend schrieb ich einen richtigen Geschäftsbrief nach Amsterdam, einen der besten Briefe, die ich je geschrieben habe. Ich brachte ihn selbst zur Post, denn so etwas darf man keinem Dritten anvertrauen, auch nicht den eigenen Kindern.
   Die Antwort blieb nicht aus. Sie kam so schnell, dass ich erschrak, und zwar in Form eines Telegramms: Erwarten Sie morgen elf Uhr Hauptniederlassung Amsterdam. Werden Reisekosten erstatten.«
   Ich musste mir nun etwas überlegen, um morgen nicht ins Büro gehen zu müssen, und meine Frau schlug eine Beerdigung vor. Aber das gefiel mir nicht, weil ich erst kürzlich, zum Begräbnis meiner Mutter, einen Tag zu Hause geblieben war. Doch für den erstbesten Cousin kann man doch schwerlich vom Büro wegbleiben, jedenfalls keinen ganzen Tag.
   »Dann erzähl doch, dass du krank bist, du kannst es heute schon vorbereiten. Die Grippe geht um in der Stadt.«
    Ich habe dann im Büro mit dem Kopf in den Händen herumgesessen, und morgen gehe ich nach Amsterdam, um Bekanntschaft mit der Firma Hornstra zu machen.

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