|
|
(...)
Durch die polternden Schritte der Herren, die sowohl auf dem Weg zum Abtritt als
auch auf dem Rückweg zum Schlafzimmer mit Taschenlampen in den Händen und
gefütterten Anoraks über den Pyjamas in ihren plumpen Wanderstiefeln den
Aufenthaltsraum durchquert hatten, war der junge Gösch während der Nacht
mehrfach aus dem Schlaf geschreckt worden. Jedesmal, wenn einer von ihnen an ihm
vorbeigestampft war, war er hochgefahren und hatte sich voller
Begriffsstutzigkeit erkundigt, was denn passiert sei. Aber keiner der Herren
hatte es für nötig gehalten, seine Frage zu beantworten. Schweigend waren sie
allesamt ins Freie getreten und kurz darauf wiederum im Hütteneingang
aufgetaucht.
Ihr Kommen und Gehen hatte zur Folge gehabt, daß der junge Gösch schließlich
nicht mehr hatte einschlafen können, obwohl er todmüde gewesen war. Nachdem er
bis zum Morgengrauen mit geschlossenen Augen auf der Schlafcouch gelegen hatte,
hatte er sich aufgerichtet und eine kurze Bemerkung, nämlich die Bemerkung,
daß man Lüßl, Hächler und Glaubrecht nur ertragen könne, wenn man sie als
Spottfiguren betrachte, in sein Tagebuch notiert. Danach war er aufgestanden und
auf Zehenspitzen zur Küche geschlichen, um einen Schluck Wasser zu trinken. Als
er den Aufenthaltsraum, dessen Fußbodendielen trotz seiner Behutsamkeit
geknarrt hatten, wiederum betreten hatte, hatte sich Glaubrecht brüllend bei
ihm erkundigt, ob er denn keine Rücksicht nehmen könne.
Mit seinem Gebrüll hatte er Lüßl und Hächler geweckt. Während ihm Hächler
wegen seiner Undiszipliniertheit die ärgsten Vorhaltungen gemacht hatte, war
Lüßl am ganzen Leibe bebend vor Wut in seinem provozierend eleganten,
schwarzgoldgestreiften Seidenpyjama zum Badezimmer gestürzt, wo er sich fast
eine Dreiviertelstunde lang eingeschlossen hatte. Als er jetzt frisch rasiert,
gewaschen und gekämmt und penetrant nach einem herben Gesichtswasser riechend
mit zwei blutenden Schnittwunden am Kinn, auf denen winzige Wattepfropfen
klebten, in ockerfarbenen Knickerbockers und einer ockerfarbenen Strickjacke, in
der er ein lavendelblaues Halstuch mit ockerfarbenen Tupfen trug, in der Küche
auftauchte und sich an den Frühstückstisch setzte, den Glaubrecht gedeckt
hatte, legte er eine Gelassenheit an den Tag, die der junge Gösch recht
irritierend fand. Unwillkürlich mußte er an die Behauptung seines Vaters
denken, der ihm gegenüber geäußert hatte, daß die eindrucksvolle Seelenruhe,
die Lüßl oft genug in kritischen Augenblicken zur Schau trage, nicht etwa auf
seine Selbstbeherrschung, sondern auf ein Sedativ zurückzuführen sei. Er
stellte fest, daß sich auch Hächler und Glaubrecht, die mittlerweile ihre
Frühstückseier verzehrt hatten, über Lüßls an Stumpfheit grenzende
Gleichmütigkeit Gedanken zu machen schienen. Während sich der letztere erst
Kaffee und Milch einschenkte und daraufhin mit der Betulichkeit eines Pedanten
ein Brot mit Butter bestrich, ließen sie ihn nicht aus den Augen.
Sie haben sich wohl wieder einmal gedopt, erkundigte sich Hächler schließlich.
Das kann Ihnen doch egal sein, erwiderte Lüßl, indem er sein Frühstücksei
köpfte.
Es ist mir aber nicht egal, daß ich meinen Urlaub mit einem Menschen verbringen
muß, der sich mit Medikamenten vollstopft, die ansonsten nur hysterischen
Weibern in den Wechseljahren verordnet werden, rief Hächler und er sah Lüßl
voller Verachtung an.
Aber der war dank des Sedativs, das er offensichtlich eingenommen hatte,
dermaßen dickfellig geworden, daß er nur die Achseln zuckte.
Warum reisen Sie denn nicht ab, wenn Ihnen meine Anwesenheit so lästig ist,
fragte er.
Falls Sie etwa glauben sollten, Sie könnten mich hier herausekeln, irren Sie
sich gehörig, entgegnete Hächler mit einem zornigen Auflachen, ehe er sich
zurücklehnte und schweigend aus dem Küchenfenster starrte, gegen dessen
Scheiben der böige Westwind seit einer Weile große Schneeflocken trieb.
Auch die übrigen Herren äußerten kein einziges Wort. Lüßl verleibte sich
gedankenverloren sein Ei und sein Butterbrot ein. Glaubrecht, der gerade Tee und
Rum in vier rote Thermosflaschen gegossen hatte, war damit beschäftigt, mehrere
mit dicken Hartwurstscheiben belegte Butterbrote in durchsichtige Plastikbeutel
zu stecken. Der junge Gösch, der nicht daran zweifelte, daß der Tee und die
Hartwurstbrote den Herren als Wegzehrung dienen sollten, formte voller böser
Vorahnungen aus den Krumen auf seinem Teller einen kleinen Klumpen und knetete
ihn mit dem Daumen und dem Zeigefinger. Mit dem Gefühl, daß die Geruhsamkeit,
die sich momentan in der Küche breitzumachen begann, ein rasches Ende haben
würde, hielt er plötzlich inne und erkundigte sich bei den Herren, was sie an
diesem Tage unternehmen wollten.
Wir haben gestern beschlossen, daß wir heute den Deuschelberg besteigen, meinte
Hächler.
Wußten Sie das denn nicht, fragte Lüßl.
Davon hat mir keiner von Ihnen etwas gesagt, erwiderte der junge Gösch und er
mühte sich, gegen die Panik anzukämpfen, die ihn jäh übermannte. Er wäre
liebendgern in der Hütte geblieben, wo er vor den Wölfen sicher war.
Angestrengt überlegte er, was für eine Ausrede er vorbringen konnte, damit er
den Deuschelberg, in dessen Richtung immerhin sechs von den zwölf Wölfen
gelaufen waren, nicht besteigen mußte. Doch es fiel ihm keine Ausrede ein. Mit
einer wachsenden Ratlosigkeit beobachtete er die drei Herren, die jetzt
Anstalten zum Aufbruch trafen. Er sah, daß sie die Thermosflaschen und die
Plastikbeutel mit den Hartwurstbroten in ihre Rucksäcke packten. Er sah, daß
sie ihre Jagdgewehre luden. Er sah, daß sie ihre Wanderstiefel zuschnürten. Um
ihnen keinen Anlaß zu Nörgeleien zu geben, erhob er sich schließlich mit
einer Schicksalsergebenheit, die ihm selbst zuwider war, und zog sich ebenfalls
an. Obwohl er sich dabei beeilte, mußten die Herren auf ihn warten. Nachdem sie
minutenlang voller Ungeduld mit ihren an Lederriemen hängenden Feldstechern und
Photoapparaten auf der Brust, mit ihren Rucksäcken auf den Rücken, ihren
Jagdgewehren über den Schultern und ihren Wanderstöcken in den Händen vor dem
Eingang der Hütte stehengeblieben waren, setzten sie sich, kaum daß er ins
Freie getreten war, wortlos in Bewegung.
Sie marschierten zunächst so zügig in westlicher Richtung waldeinwärts, daß
der junge Gösch Mühe hatte, Schritt zu halten, zumal er immer wieder
ängstliche Blicke hinter sich warf. Anfangs zuckte er, sobald ein abgebrochenes
Ästchen unter seinen Sohlen knackte, heftig zusammen. Auch meinte er wiederum,
die Wölfe heulen zu hören. Wiederum lauschte er angestrengt. Wiederum stellte
er fest, daß das Geräusch, das er für das Heulen hungriger Wölfe gehalten
hatte, von dem böigen Westwind herrührte, der ihm die Schneeflocken ins
Gesicht trieb. Erleichtert setzte er seinen Weg fort. Es entging ihm nicht, daß
sich die Herren ineinemfort suchend nach den Spuren der Wölfe umsahen. Sie
liefen jetzt ein wenig langsamer, so daß er ihnen mühelos folgen konnte,
obwohl er noch immer ängstliche Blicke hinter sich warf. Er merkte, daß das
Gelände abfiel. Zudem lichtete sich der Wald zu seiner Erleichterung in
zunehmendem Maße. Nachdem er etwa eine Viertelstunde lang weitergegangen war,
sah er ein Tal vor sich, durch das sich ein Bach schlängelte. Hinter dem Tal
ragte ein Berg, an dessen Fuß ein Einödhof stand, in den dichtbewölkten
Himmel. Er fragte sich gerade, ob dieser Berg der Deuschelberg war, als ihn ein
Geräusch hinter seinem Rücken jäh zusammenschrecken ließ. Hastig drehte er
sich um und schrie angesichts des Tiers, das ein paar Schritte von ihm entfernt
auf dem Waldweg stand, gellend los, ehe er erkannte, daß es sich bei diesem
Tier um ein harmloses Reh handelte. Während das Reh verängstigt durch seinen
Schrei mit großen Sätzen davonlief, wendete er sich voller Scham den drei
Herren zu, deren zunächst entgeisterte Mienen rasch einen unverhohlen
höhnischen Ausdruck annahmen.
Mir sind in meinem Leben schon viel Feiglinge über den Weg gelaufen, meinte
Hächler. Aber einem Menschen, der Angst vor Rehen hat, bin ich noch nie
begegnet.
Ich habe doch keine Angst vor Rehen, erwiderte der junge Gösch, der bis zu den
Ohren rot geworden war.
Wenn Sie keine Angst vor Rehen hätte, hätten Sie doch nicht angesichts des
Rehs diesen markerschütternden Schrei ausgestoßen, meinte Lüßl.
Ich habe nur geschrien, weil ich das Reh für einen Wolf gehalten habe,
entgegnete der junge Gösch.
Sie werden uns doch wohl nicht weismachen wollen, daß Sie außerstande sind,
ein Reh von einem Wolf zu unterscheiden, meinte Glaubrecht.
Selbstverständlich sind mir die Unterschiede zwischen einem Reh und einem Wolf
seit meiner Kindheit bekannt, erwiderte der junge Gösch.
Gerade haben Sie aber behauptet, daß sie das Reh für einen Wolf gehalten
haben, meinte Lüßl.
Das bestreite ich auch nicht, antwortete der junge Gösch.
Sie widersprechen sich ineinemfort, rief Hächler. Wenn Ihnen die Unterschiede
zwischen Rehen und Wölfen seit Ihrer Kindheit bekannt sind, können Sie das Reh
nicht für einen Wolf gehalten haben.
Es war gestern so viel von den entlaufenen Wölfen die Rede, daß ich heute
einen Wolf gesehen habe, wo keiner war, entgegnete der junge Gösch.
Können Sie das denn nicht begreifen, erkundigte er sich.
Das einzige, was ich mittlerweile begriffen habe, ist, daß Sie sich mit
Spitzfindigkeiten aus der Affäre zu ziehen suchen, erwiderte Glaubrecht.
Warum geben Sie eigentlich nicht zu, daß Sie Angst vor Rehen haben, fragte
Lüßl.
Weil es nicht zutrifft, sagte der junge Gösch.
Aber die Herren zeigten ihm mit einem kurzen, kehligen, zornig klingenden
Gelächter, daß sie ihm keinen Glauben schenkten.
Diese Antwort habe ich, offen gesagt, erwartet, meinte Glaubrecht.
Er lügt doch nur, weil es ihm peinlich ist, die Wahrheit zu gestehen, sagte
Lüßl.
Wenn ich Angst vor Rehen hätte, würde ich es auch nicht zugeben, erwiderte
Hächler, ehe er mit Lüßl und Glaubrecht weiterging.
(...)
Rezension I Buchbestellung I home III07 LYRIKwelt © Verbrecher Verlag