Heilig Blut von Gisela Elsner, 2007, Verbrecher Verlag

Gisela Elsner

Heilig Blut
(Leseprobe aus: Heilig Blut, Roman, 2007, Verbrecher Verlag).

(...)
Durch die polternden Schritte der Herren, die sowohl auf dem Weg zum Abtritt als auch auf dem Rückweg zum Schlafzimmer mit Taschenlampen in den Händen und gefütterten Anoraks über den Pyjamas in ihren plumpen Wanderstiefeln den Aufenthaltsraum durchquert hatten, war der junge Gösch während der Nacht mehrfach aus dem Schlaf geschreckt worden. Jedesmal, wenn einer von ihnen an ihm vorbeigestampft war, war er hochgefahren und hatte sich voller Begriffsstutzigkeit erkundigt, was denn passiert sei. Aber keiner der Herren hatte es für nötig gehalten, seine Frage zu beantworten. Schweigend waren sie allesamt ins Freie getreten und kurz darauf wiederum im Hütteneingang aufgetaucht.
Ihr Kommen und Gehen hatte zur Folge gehabt, daß der junge Gösch schließlich nicht mehr hatte einschlafen können, obwohl er todmüde gewesen war. Nachdem er bis zum Morgengrauen mit geschlossenen Augen auf der Schlafcouch gelegen hatte, hatte er sich aufgerichtet und eine kurze Bemerkung, nämlich die Bemerkung, daß man Lüßl, Hächler und Glaubrecht nur ertragen könne, wenn man sie als Spottfiguren betrachte, in sein Tagebuch notiert. Danach war er aufgestanden und auf Zehenspitzen zur Küche geschlichen, um einen Schluck Wasser zu trinken. Als er den Aufenthaltsraum, dessen Fußbodendielen trotz seiner Behutsamkeit geknarrt hatten, wiederum betreten hatte, hatte sich Glaubrecht brüllend bei ihm erkundigt, ob er denn keine Rücksicht nehmen könne.
Mit seinem Gebrüll hatte er Lüßl und Hächler geweckt. Während ihm Hächler wegen seiner Undiszipliniertheit die ärgsten Vorhaltungen gemacht hatte, war Lüßl am ganzen Leibe bebend vor Wut in seinem provozierend eleganten, schwarzgoldgestreiften Seidenpyjama zum Badezimmer gestürzt, wo er sich fast eine Dreiviertelstunde lang eingeschlossen hatte. Als er jetzt frisch rasiert, gewaschen und gekämmt und penetrant nach einem herben Gesichtswasser riechend mit zwei blutenden Schnittwunden am Kinn, auf denen winzige Wattepfropfen klebten, in ockerfarbenen Knickerbockers und einer ockerfarbenen Strickjacke, in der er ein lavendelblaues Halstuch mit ockerfarbenen Tupfen trug, in der Küche auftauchte und sich an den Frühstückstisch setzte, den Glaubrecht gedeckt hatte, legte er eine Gelassenheit an den Tag, die der junge Gösch recht irritierend fand. Unwillkürlich mußte er an die Behauptung seines Vaters denken, der ihm gegenüber geäußert hatte, daß die eindrucksvolle Seelenruhe, die Lüßl oft genug in kritischen Augenblicken zur Schau trage, nicht etwa auf seine Selbstbeherrschung, sondern auf ein Sedativ zurückzuführen sei. Er stellte fest, daß sich auch Hächler und Glaubrecht, die mittlerweile ihre Frühstückseier verzehrt hatten, über Lüßls an Stumpfheit grenzende Gleichmütigkeit Gedanken zu machen schienen. Während sich der letztere erst Kaffee und Milch einschenkte und daraufhin mit der Betulichkeit eines Pedanten ein Brot mit Butter bestrich, ließen sie ihn nicht aus den Augen.
Sie haben sich wohl wieder einmal gedopt, erkundigte sich Hächler schließlich.
Das kann Ihnen doch egal sein, erwiderte Lüßl, indem er sein Frühstücksei köpfte.
Es ist mir aber nicht egal, daß ich meinen Urlaub mit einem Menschen verbringen muß, der sich mit Medikamenten vollstopft, die ansonsten nur hysterischen Weibern in den Wechseljahren verordnet werden, rief Hächler und er sah Lüßl voller Verachtung an.
Aber der war dank des Sedativs, das er offensichtlich eingenommen hatte, dermaßen dickfellig geworden, daß er nur die Achseln zuckte.
Warum reisen Sie denn nicht ab, wenn Ihnen meine Anwesenheit so lästig ist, fragte er.
Falls Sie etwa glauben sollten, Sie könnten mich hier herausekeln, irren Sie sich gehörig, entgegnete Hächler mit einem zornigen Auflachen, ehe er sich zurücklehnte und schweigend aus dem Küchenfenster starrte, gegen dessen Scheiben der böige Westwind seit einer Weile große Schneeflocken trieb.
Auch die übrigen Herren äußerten kein einziges Wort. Lüßl verleibte sich gedankenverloren sein Ei und sein Butterbrot ein. Glaubrecht, der gerade Tee und Rum in vier rote Thermosflaschen gegossen hatte, war damit beschäftigt, mehrere mit dicken Hartwurstscheiben belegte Butterbrote in durchsichtige Plastikbeutel zu stecken. Der junge Gösch, der nicht daran zweifelte, daß der Tee und die Hartwurstbrote den Herren als Wegzehrung dienen sollten, formte voller böser Vorahnungen aus den Krumen auf seinem Teller einen kleinen Klumpen und knetete ihn mit dem Daumen und dem Zeigefinger. Mit dem Gefühl, daß die Geruhsamkeit, die sich momentan in der Küche breitzumachen begann, ein rasches Ende haben würde, hielt er plötzlich inne und erkundigte sich bei den Herren, was sie an diesem Tage unternehmen wollten.
Wir haben gestern beschlossen, daß wir heute den Deuschelberg besteigen, meinte Hächler.
Wußten Sie das denn nicht, fragte Lüßl.
Davon hat mir keiner von Ihnen etwas gesagt, erwiderte der junge Gösch und er mühte sich, gegen die Panik anzukämpfen, die ihn jäh übermannte. Er wäre liebendgern in der Hütte geblieben, wo er vor den Wölfen sicher war. Angestrengt überlegte er, was für eine Ausrede er vorbringen konnte, damit er den Deuschelberg, in dessen Richtung immerhin sechs von den zwölf Wölfen gelaufen waren, nicht besteigen mußte. Doch es fiel ihm keine Ausrede ein. Mit einer wachsenden Ratlosigkeit beobachtete er die drei Herren, die jetzt Anstalten zum Aufbruch trafen. Er sah, daß sie die Thermosflaschen und die Plastikbeutel mit den Hartwurstbroten in ihre Rucksäcke packten. Er sah, daß sie ihre Jagdgewehre luden. Er sah, daß sie ihre Wanderstiefel zuschnürten. Um ihnen keinen Anlaß zu Nörgeleien zu geben, erhob er sich schließlich mit einer Schicksalsergebenheit, die ihm selbst zuwider war, und zog sich ebenfalls an. Obwohl er sich dabei beeilte, mußten die Herren auf ihn warten. Nachdem sie minutenlang voller Ungeduld mit ihren an Lederriemen hängenden Feldstechern und Photoapparaten auf der Brust, mit ihren Rucksäcken auf den Rücken, ihren Jagdgewehren über den Schultern und ihren Wanderstöcken in den Händen vor dem Eingang der Hütte stehengeblieben waren, setzten sie sich, kaum daß er ins Freie getreten war, wortlos in Bewegung.
Sie marschierten zunächst so zügig in westlicher Richtung waldeinwärts, daß der junge Gösch Mühe hatte, Schritt zu halten, zumal er immer wieder ängstliche Blicke hinter sich warf. Anfangs zuckte er, sobald ein abgebrochenes Ästchen unter seinen Sohlen knackte, heftig zusammen. Auch meinte er wiederum, die Wölfe heulen zu hören. Wiederum lauschte er angestrengt. Wiederum stellte er fest, daß das Geräusch, das er für das Heulen hungriger Wölfe gehalten hatte, von dem böigen Westwind herrührte, der ihm die Schneeflocken ins Gesicht trieb. Erleichtert setzte er seinen Weg fort. Es entging ihm nicht, daß sich die Herren ineinemfort suchend nach den Spuren der Wölfe umsahen. Sie liefen jetzt ein wenig langsamer, so daß er ihnen mühelos folgen konnte, obwohl er noch immer ängstliche Blicke hinter sich warf. Er merkte, daß das Gelände abfiel. Zudem lichtete sich der Wald zu seiner Erleichterung in zunehmendem Maße. Nachdem er etwa eine Viertelstunde lang weitergegangen war, sah er ein Tal vor sich, durch das sich ein Bach schlängelte. Hinter dem Tal ragte ein Berg, an dessen Fuß ein Einödhof stand, in den dichtbewölkten Himmel. Er fragte sich gerade, ob dieser Berg der Deuschelberg war, als ihn ein Geräusch hinter seinem Rücken jäh zusammenschrecken ließ. Hastig drehte er sich um und schrie angesichts des Tiers, das ein paar Schritte von ihm entfernt auf dem Waldweg stand, gellend los, ehe er erkannte, daß es sich bei diesem Tier um ein harmloses Reh handelte. Während das Reh verängstigt durch seinen Schrei mit großen Sätzen davonlief, wendete er sich voller Scham den drei Herren zu, deren zunächst entgeisterte Mienen rasch einen unverhohlen höhnischen Ausdruck annahmen.
Mir sind in meinem Leben schon viel Feiglinge über den Weg gelaufen, meinte Hächler. Aber einem Menschen, der Angst vor Rehen hat, bin ich noch nie begegnet.
Ich habe doch keine Angst vor Rehen, erwiderte der junge Gösch, der bis zu den Ohren rot geworden war.
Wenn Sie keine Angst vor Rehen hätte, hätten Sie doch nicht angesichts des Rehs diesen markerschütternden Schrei ausgestoßen, meinte Lüßl.
Ich habe nur geschrien, weil ich das Reh für einen Wolf gehalten habe, entgegnete der junge Gösch.
Sie werden uns doch wohl nicht weismachen wollen, daß Sie außerstande sind, ein Reh von einem Wolf zu unterscheiden, meinte Glaubrecht.
Selbstverständlich sind mir die Unterschiede zwischen einem Reh und einem Wolf seit meiner Kindheit bekannt, erwiderte der junge Gösch.
Gerade haben Sie aber behauptet, daß sie das Reh für einen Wolf gehalten haben, meinte Lüßl.
Das bestreite ich auch nicht, antwortete der junge Gösch.
Sie widersprechen sich ineinemfort, rief Hächler. Wenn Ihnen die Unterschiede zwischen Rehen und Wölfen seit Ihrer Kindheit bekannt sind, können Sie das Reh nicht für einen Wolf gehalten haben.
Es war gestern so viel von den entlaufenen Wölfen die Rede, daß ich heute einen Wolf gesehen habe, wo keiner war, entgegnete der junge Gösch.
Können Sie das denn nicht begreifen, erkundigte er sich.
Das einzige, was ich mittlerweile begriffen habe, ist, daß Sie sich mit Spitzfindigkeiten aus der Affäre zu ziehen suchen, erwiderte Glaubrecht.
Warum geben Sie eigentlich nicht zu, daß Sie Angst vor Rehen haben, fragte Lüßl.
Weil es nicht zutrifft, sagte der junge Gösch.
Aber die Herren zeigten ihm mit einem kurzen, kehligen, zornig klingenden Gelächter, daß sie ihm keinen Glauben schenkten.
Diese Antwort habe ich, offen gesagt, erwartet, meinte Glaubrecht.
Er lügt doch nur, weil es ihm peinlich ist, die Wahrheit zu gestehen, sagte Lüßl.
Wenn ich Angst vor Rehen hätte, würde ich es auch nicht zugeben, erwiderte Hächler, ehe er mit Lüßl und Glaubrecht weiterging.
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