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Die Zähmung
(Leseprobe aus dem 2. Kapitel: Die Zähmung,
Roman, 2002, Verbrecher
Verlag)
Trotz der herabgelassenen
Sonnenrouleaus war die Hitze, die im Krankenhaus herrschte, so unerträglich,
daß sich Giggenbacher immer wieder mit einem feuchtem Waschlappen den Schweiß
von der Stirn, von seinem Hals und von seinen Handflächen wischen mußte.
Obwohl er dieses stickige Krankenzimmer liebend gern verlassen hätte, blieb er
auf dem Besuchersessel sitzen, dessen Kunstlederbezug an seinem Gesäß klebte.
Denn er fürchtete, daß es Bettina, die von der Geburt ihres Töchterchens noch
zu geschwächt war, um zu der Grünanlage zu gehen, die das riesige Krankenhaus
umgab, auf einen Mangel an Vaterliebe zurückführen würde, wenn er nicht
wartete, bis die kleine Josephine, die man ihm bereits hinter einer Glaswand
vorgeführt hatte, zum Stillen hereingebracht wurde.
Verstohlen schaute er auf seine Armbanduhr, ehe er mit dem Gefühl, daß die
Zeit lähmend langsam verstrich, einen Schluck des dünnen lauwarmen Kaffees
trank, den eine schlitzäugige Schwester vor einer Weile zusammen mit einem
Stück Napfkuchen auf den Nachttisch gestellt hatte, auf dem drei Bücher lagen,
deren Titel Die Psyche des Säuglings, Das Kleinkind als gleichberechtigter
Partner und Das Kind als Erzieher seiner Eltern lauteten. Er wagte es nicht,
sich einzugestehen, daß er nicht das Bedürfnis hatte, sein Töchterchen an
diesem Tag noch einmal zu sehen. Er wagte es auch nicht, sich einzugestehen,
daß es ihn enervierte, beim Anblick der kahlköpfigen, zahnlosen Josephine, die
wie die übrigen Säuglinge im Säuglingszimmer etwas greisenhaftes an sich
hatte, Entzücken heucheln zu müssen, um Bettina nicht zu enttäuschen, deren
Glückseligkeit von einer Hysterie beeinträchtigt wurde, die er beunruhigend
fand. Während er sie stirnrunzelnd musterte, stellte er fest, daß ihre Miene
schon wieder einen ängstlichen Ausdruck angenommen hatte.
Ich hätte unser Kind nicht in diesem Krankenhaus zur Welt bringen dürfen,
sagte sie.
Bist du mit den Schwestern nicht zufrieden, erkundigte sich Giggenbacher.
Ich bin entsetzt über sie, entgegnete Bettina. Ihr Verhalten, ist so
unpersönlich, daß es auf mich beängstigend wirkt. Möglicherweise ist dieser
Krankenhausaufenthalt für Josephine eine traumatische Erfahrung, unter der sie
ihr Leben lang zu leiden hat, fügte sie hinzu.
In einer Woche kannst du sie deine ganze Liebe fühlen lassen, entgegnete
Giggenbacher.
In einer Woche ist der seelische Schaden, der durch einen siebentägigen
Liebesentzug angerichtet worden ist, womöglich
schon irreparabel, meinte Bettina. Ich werde es mir nie verzeihen, daß ich
Josephine in einem Krankenhaus zur Welt gebracht habe, in dem eine Horde
gefühlskalter Schwestern, deren Gesichter von der Niedertracht gezeichnet sind,
ihr
Unwesen treiben.
Die Schwestern haben doch keine niederträchtigen Gesichter, meinte Giggenbacher.
Warum nimmst du sie eigentlich fortwährend in Schutz, erkundigte sich Bettina
mit einer schrillen Stimme, ehe sie den Kopf ruckartig zur Tür drehte, die in
diesem Augenblickgeöffnet wurde. Zu Giggenbachers Erleichterung brachte die
schlitzäugige Schwester, die den Kaffee auf den Nachttisch gestellt hatte, die
kleine Josephine herein und legte sie Bettina in den Arm.
Rezension I Buchbestellung I home III06 LYRIKwelt © Verbrecher Verlag