Juneteenth von Ralph Ellison, 2001, Ammann

Ralph Ellison

Juneteenth
(Leseprobe aus:
Juneteenth, Roman (2001, Ammann - Übertragung Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié)

1

Zwei Tage vor dem Attentat stieß eine Chartermaschine voller Südstaatenneger, die kamen, um den Senator zu sprechen, wie ein großer Vogel auf den District of Columbia nieder. Sie waren allesamt nicht mehr die jüngsten: die alten Damen in kleinen weißen Häubchen und weißen Uniformen aus Fallschirmseide, Nylonmaterial aus Militärbeständen, die Männer in korrekten, doch altmodischen schwarzen Anzügen mit breitkrempigen, hohen Panamahüten, die sie nun im walnußgetäfelten Vorzimmer des Senators abgenommen hatten und ehrfürchtig in den Händen hielten. Angeführt wurde die feierliche, beharrlich schweigende Delegation von einem stattlichen alten Hünen, der sich später, als die Ereignisse sich überschlugen, trotz seiner Jahre als Mann von beachtlicher Kraft erweisen sollte. Diese imposante Gestalt, hochgewachsen und breitschultrig, war der Reverend A. Z. Hickman, besser bekannt – wie eine der alten Damen die Sekretärin des Senators mit stolzer Stimme wissen ließ – als »Posaune Gottes«.

Aber das war auch schon alles, was sie zu erklären bereit waren. Alle vierundvierzig, die Frauen mit ihren Fächern und Tornistern und Picknickkörben, die Männer mit den neuen blauen Plastiktaschen der Fluggesellschaft, lauschten andächtig, als Reverend Hickman ihr Anliegen vortrug.

»Ma’am«, sagte Hickman mit seiner tiefen, wohlklingenden Stimme und wies mit einem Nicken auf die Tür zum Privatbüro des Senators, »richten Sie dem Senator einfach nur aus, daß Hickman gekommen ist. Wenn er hört, wer hier ist, weiß er, daß es wichtig ist, und wird uns empfangen.«

»Aber ich habe Ihnen doch schon gesagt, der Senator ist nicht zu sprechen«, erwiderte die Sekretärin. »Worum geht es denn? Und wer sind Sie überhaupt? Kommen Sie aus seinem Wahlkreis?«

»Wahlkreis?« Plötzlich lächelte der Alte. »Nein, Miss«, sagte er, »nicht einmal in seinem Staat hat der Senator jemanden wie uns. Wir kommen von ganz unten, von da, wo unsere Stimme zählt und wo man uns trotzdem nicht hört.«

»Und wieso kommen Sie dann hierher?« fragte sie. »Was wollen Sie?«
»Das wird er Ihnen schon sagen, Ma’am«, erwiderte Hickman. »Er weiß, wer wir sind, und Sie müssen ihm nur sagen, daß wir da sind…«

Die Sekretärin, eine junge Frau aus Mississippi, seufzte. Typische Südstaatenneger, das kannte sie von klein auf – und alte noch dazu; doch statt daß sie wie eine Schafherde schnurstracks zur Tür trotteten, warteten sie geduldig, als hätte sie kein Wort gesagt. Mittlerweile kam es ihr vor, als ob sie für diese Besucher, so unverwandt sie sie auch anstarrten, überhaupt nicht existierte. Sie standen einfach nur da, ein wenig wie eine Delegation aus dem Fernen Osten, der unterwegs der Dolmetscher abhanden gekommen war und deren Wortführer, der alte Mann, der die Sprache selbst nicht beherrschte, ihr unbedingt etwas mitteilen wollte, etwas, das sie nicht im mindesten interessierte. Plötzlich wirkten sie gar nicht mehr so vertraut, und alles erschien ihr unwirklich wie im Traum. Es waren so viele, daß die riesigen abstrakten Gemälde an der Wand überhaupt nicht mehr zu sehen waren, auch nicht die Faksimiles der Verfassungsurkunden, die gerahmt über der Büste des Vizepräsidenten Calhoun hingen. Einige der alten Frauen wedelten sich schweigsam mit ihren Palmblattfächern Luft zu, als wollten sie auf ihre stille Art die tosende Klimaanlage verspotten. Und doch sah sie keinerlei Anzeichen von Bosheit in ihren Augen, keine Spur von dem Zorn, den der Senator sonst bei ihresgleichen auslöste. Nein, sie sahen aus, als hätten sie sich mit dem Schicksal abgefunden, wie Menschen, die eine beschwerliche Reise angetreten und den Punkt, an dem sie noch umkehren konnten, längst überschritten haben. Der Sekretärin war zusehends unbehaglicher zumute; am Ende tat sie, als seien die anderen gar nicht da, und richtete den Blick fest auf ihren Anführer. Und als sie wieder das Wort ergriff, klang ihre Stimme gereizt und angespannt.

»Ich habe Ihnen gesagt, daß der Senator nicht da ist«, erklärte sie, »und Sie müssen verstehen, daß ein vielbeschäftigter Mann wie er sich nur nach vorheriger Absprache…«

»Das wissen wir, Ma’am«, antwortete Hickman, »aber…«

»Da können Sie nicht einfach hier hereinspaziert kommen und erwarten, daß er Sie sofort empfängt.«

»Das verstehen wir, Ma’am«, erwiderte Hickman und sah ihr freundlich in die Augen, den Kopf mit den kurzgeschorenen weißen Haaren ein wenig zur Seite geneigt, »aber es geht um etwas, das sich plötzlich ergeben hat. Könnten Sie ihn nicht vielleicht telefonisch erreichen? Wir sind auch gern bereit, die Gebühren für das Ferngespräch zu übernehmen. Und ich muß nicht unbedingt persönlich mit ihm sprechen, Miss; das können ruhig Sie tun. Sie müssen ihm nur sagen, daß wir da sind.«

»Ich fürchte, das wird nicht gehen«, sagte sie.

Gerade der Gleichmut in der Stimme des alten Mannes machte ihr die eigene Jugend um so schmerzlicher bewußt, und nun, wo sie einsehen mußte, daß (mit Ausnahme der körperlichen Gewalt) sämtliche Techniken, die man in ihrer Heimat entwickelt hatte, um einen Neger schnell wieder loszuwerden, versagt hatten, verlor die Sekretärin die Geduld und rief die Wache.

Sie verschwanden ebenso lautlos, wie sie gekommen waren; der alte Geistliche wartete, bis der letzte den Raum verlassen hatte, dann wandte er sich, während die anderen draußen auf dem Flur Aufstellung nahmen, noch einmal um und blieb in voller Größe im Türrahmen stehen. »Sie machen wirklich einen großen Fehler, Miss«, sagte er. »Der Senator kennt uns, und –«

»Kennt sie!« schnaubte sie. »Ich habe mit eigenen Ohren gehört, wie Senator Sunraider gesagt hat, daß er nur einen einzigen Farbigen kennt, und das ist der Junge, der ihm im Golfclub die Schuhe putzt.«

»Oh?« Hickman schüttelte den Kopf, und die anderen warfen einander wissende Blicke zu. »Nun gut, Ma’am. Es tut uns leid, daß wir Ihnen Umstände gemacht haben. Aber es ist sehr wichtig, daß der Senator weiß, daß wir zur Stelle sind. Ich hoffe, Sie denken daran und richten ihm aus, daß wir gekommen sind, denn schon bald kann es zu spät sein.«
Es klang nicht wie eine Drohung; tatsächlich war seine Stimme eher ein Echo jener seltsamen Traurigkeit, die auch auf den Gesichtern der anderen zu lesen war, bevor die Tür sich hinter ihnen schloß.

Draußen auf dem Flur folgten sie wortlos dem Wachmann, der sie hinunter ins Foyer geleitete. Sie wollten eben nach draußen auf die Straße treten, als der diensteifrige Aufseher der Wache sie entdeckte, herankam und Befehl gab, sie zu durchsuchen.

Sie fügten sich geduldig, amüsiert darüber, daß jemand sie für gefährlich hielt, und zum ersten Mal zeigte sich Gefühlsregung auf ihren bislang so undurchdringlichen Gesichtern. Sie kicherten und zwinkerten sich zu und lächelten, denn alle spürten die Komik der Lage, in die sie geraten waren. Da standen sie also, ein Trupp von schweigsamen, alten und offensichtlich gottesfürchtigen Schwarzen, die, nur weil sie versucht hatten, den Mann aufzusuchen, der in beiden Kammern des Kongresses als der erbittertste Gegner ihres Volkes auftrat, nun von uniformierten Wächtern hochoffiziell durchsucht wurden, und wußten genau, wie absurd das Ergebnis sein würde. Das Gefährlichste, was man bei ihnen an Waffen finden würde, waren gebratene Hühnerbeine und Schinkenbrote, Schokoladen- und Kartoffelkuchen. Einige folgten den Anweisungen der Kontrolleure mit übertriebenem Eifer, und die alten Damen drehten sich so schwungvoll auf ihren flachen Absätzen, daß die Röcke flogen. Ein alter Mann hielt, als man ihn aufforderte, seinen breitkrempigen Hut abzunehmen, ihn so hin, daß der Wachmann das Innere sehen konnte; dann klappte er das Schweißband um und klopfte leicht von oben auf den Hut, bis etwas zu Boden fiel, und wartete, die schwielige Hand ausgestreckt, daß der Wachmann sich bückte und es wieder aufhob. Als dieser seinen Fund auseinanderfaltete und glattstrich, sah er, daß es ein abgegriffener, fein säuberlich gefalteter Fünfzigdollarschein war, und ließ ihn in die aus-gestreckte Hand fallen, als hätte er sich daran die Finger verbrannt. Sie sahen schweigend zu, wie er den alten Mann musterte und trocken und rauh auflachte; doch als das Lachen kein Ende nahm, verschwand die Heiterkeit allmählich aus ihren Augen. Erst als man ihnen gestattete, einer nach dem anderen auf die Straße zu treten, fielen wieder amüsierte Kommentare.

»Die haben doch keine Ahnung«, ließ sich eine alte Dame vernehmen. »Wenn wir auf das Schwert vertrauten und nicht auf den Herrn, da wären wir längst begraben – nicht wahr, Sis’ Arter?«

»Allerdings«, stimmte Sister Arter zu. »Begraben und verfault!«

»Sollen sie sich doch aufregen – wir haben ein reines Gewissen…«

»Amen!«

Draußen auf dem Bürgersteig scharten sie sich um Reverend Hickman und beratschlagten im Flüsterton; ein paar Minuten darauf stiegen sie in eine Reihe von Taxis, und damit schien die Angelegenheit erledigt.

Doch wenig später tauchten sie unerwartet in einem Hotel auf, in dem der Senator eine Suite gemietet hatte, und versuchten erneut, zu ihm vorzudringen. Woher sie diese private Adresse kannten, wollten sie nicht sagen.

Als nächstes erschienen sie in der Redaktion der Zeitung, die am schärfsten die Methoden des Senators anprangerte, aber auch dort wurden sie abgewiesen. Man hielt sie für Demonstranten, für eine jener zahllosen Gruppen erboster Neger, die Gerechtigkeit forderten, als seien sie die einzigen, denen in dieser Welt Unrecht geschähe. Ja, man schenkte ihnen sogar noch weniger Gehör als anderswo. Man fragte nicht einmal, warum sie den Senator so dringend sprechen wollten – was, um es milde auszudrücken, nicht gerade für diese Zeitung sprach; es zeugte nicht nur von fehlendem Gespür für eine gute Geschichte, sondern, wie sich bald herausstellen sollte, auch von Mangel an journalistischer Verantwortung.

Und so zogen sie auch dort unverrichteterdinge ab.

Der Senator kehrte am folgenden Tag nach Washington zurück, doch die Sekretärin erzählte ihm nichts von seinen merkwürdigen Besuchern. Eine Reihe wichtiger Besprechungen stand an, und das Auftauchen der alten Leute hatte sie, was ja nur verständlich war, längst als lästigen Zwischenfall abgetan. Kaum daß die beunruhigenden Besucher aus dem Vorzimmer verschwunden waren, kamen sie ihr schon nicht mehr wichtiger vor als die bösen Briefe, die weiße Liberale und aufgeklärte wie reaktionäre Neger regelmäßig schrieben, wenn der Senator eine seiner Schmähreden hielt. Sie vergaß sie einfach. Zwar erschien Reverend Hickman, wenn auch ohne die anderen, gegen elf Uhr morgens noch ein zweites Mal, doch diesmal kam er nicht einmal bis zur Sekretärin. Einer der Wachmänner, derselbe, der den Fünfzigdollarschein aufgehoben hatte, erkannte ihn wieder und schob ihn energisch zur Tür hinaus.

Tatsächlich faßte er den alten Mann recht grob an, denn dessen bloße Masse und seine Körpergröße und der langsame Rhythmus seiner Bewegungen ließen in dem Wächter jene heftige Wut aufflammen, die man empfindet, wenn man sich jäh dem Widerstand eines unbelebten Gegenstandes gegenübersieht – einem großen Stein, der sich dem Bulldozer widersetzt, oder einer Kommode, die sich par-tout nicht von der Stelle rücken läßt. Auch die unerschütterliche Ruhe des Alten trug nicht zur Entspannung der Lage bei. Und sein passiver Widerstand verbarg doch nicht, wie sehr er es verabscheute, daß fremde Hände ihn berührten. Als der Wächter ihn schließlich zur Tür hinaushatte, blickte der alte Hickman ihn milde und nachsichtig an, als kämen all seine Empfindungen von einem fernen, kühlen Ort her, wo die Muskelkraft des Wächters ihnen nichts anhaben konnte. Er war sogar beherrscht genug, seinen Hut, den der Mann ihm nachgeworfen hatte, ruhig und ohne Hast vom Pflaster aufzuheben, und als er sich wieder aufrichtete, musterte er den Wächter mit würdevoll gelassener Miene.

»Junge«, sagte er und wischte mit einem weißen Taschentuch ein paar Staubkörnchen von dem alten Panamahut, »es tut mir leid, daß es soweit kommen mußte. Nun sind Sie an diesem heißen Morgen ordentlich ins Schwitzen geraten, und für nichts und wieder nichts – nur daß Sie sich in etwas eingemischt haben, das Sie nichts angeht. Aber Sie sind eben nur Wachmann und kein Gedankenleser. Denn wenn Sie das wären, hätten Sie eher versucht, mich so rasch wie möglich hereinzuholen, statt mich hinauszuwerfen. Wahrscheinlich sind Sie nicht einmal ein guter Wachmann, und ich frage mich, was um Himmels willen Sie tun würden, wenn ich mich wirklich wehren sollte.«

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