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Lunar Park
(Leseprobe aus: Lunar Park, Roman,
2006, Kiepenheuer &
Witsch - Übertragung Clara Drechsler und Harald Hellmann)
Die Änfange:
»Du siehst dir verblüffend ähnlich.«
So lautet der erste Satz von Lunar Park, der in
seiner Kürze
und Einfachheit eine Rückkehr zur Form, ein Echo auf die
erste Zeile meines Debütromans Unter Null darstellen soll.
»Auf den Freeways in Los Angeles werden die
Leute auch
immer rücksichtsloser.«
Von da an wurden die ersten Sätze meiner Romane, mochten sie noch so geschickt konstruiert sein, immer komplizierter und verschachtelter, überfrachtet mit der sperrigen, überflüssigen Aufzählung von Nebensächlichkeiten.
Mein zweiter Roman, Einfach Unwiderstehlich, begann zum Beispiel:
»die dich vielleicht langweilt, aber du mußt ja nicht zuhören, sagte sie mir, weil sie immer gewußt hat, daß es so kommen würde, und sie glaubt, es war ihr erstes Jahr, oder, eigentlich ein Wochenende, tatsächlich Freitag, im September, in Camden, und das ist drei oder vier Jahre her, und sie wurde so betrunken, daß sie im Bett landete, entjungfert wurde (spät, sie war schon achtzehn) in Lorna Slavins Zimmer, weil sie im ersten Jahr war, und Lorna, fällt ihr ein, im vierten oder im dritten Jahr war und normalerweise hin und wieder in der Wohnung ihres Freundes außerhalb des Campus, der ihrer Meinung nach im zweiten Jahr war und Töpfern als Hauptfach hatte, aber der in Wirklichkeit entweder ein Typ von der New York Universität war, ein Film-Student, der nur wegen der Bums-Klamotten-Fete hier in New Hampshire war, oder einer aus dem Ort.«
Das Folgende stammt aus meinem dritten Roman, American Psycho.
»›Ihr, die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren‹ ist in blutroten Lettern auf die Wand der Chemical Bank an der Ecke Eleventh und First geschmiert, so groß, dass man es auch vom Rücksitz des Taxis aus erkennen kann, das sich im Verkehr aus der Wall Street vorarbeitet, und eben als Timothy Price die Schrift bemerkt, schiebt sich ein Bus neben uns, und eine Seitenwerbung für Les Misérables versperrt den Blick, aber Price, sechsundzwanzig und bei Pierce & Pierce, scheint das nicht zu kümmern, denn er verspricht dem Fahrer fünf Dollar, wenn er das Radio lauter stellt, ›Be My Baby‹ auf WYNN, und der Fahrer, kein Amerikaner, macht es.«
Das hier aus meinem vierten Roman, Glamorama:
»›Flecken – das ganze dritte Panel ist
voller Flecken, da! – nein, das – das zweite von unten, und ich wollte das
ja schon gestern jemand sagen, aber da kam der Fototermin dazwischen, und Yaki
Nakamari oder wie zum Teufel der Designer schon heißt – ein Meister seines
Fachs, hahaha – hat mich mit
jemand verwechselt, also konnt ich mich nicht gleich beklagen,
aber meine Herren – und Damen –, da SIND sie, die Flecken,
sehrsehr ärgerliche kleine Flecken, und die sehen mir
gar nicht zufällig aus, eher wie mit der Maschine gemacht –
also ich will jetzt keine langen Opern hören, nur kurz die
Story bitte, zack, kein großes Gesülze: wer, was, wo, wann
bitte sehr und vor allem warum, obwohl ich jetzt echt den
Eindruck hab, wenn ich mir eure belämmerten Visagen anschaue,
dass es auf dieses Warum keine Antwort gibt – also
los, los, verdammt noch mal, was läuft hier eigentlich?‹«
(Die Informanten war eine Sammlung von Erzählungen,
die zwischen American Psycho und Glamorama erschien,
und da ich viele davon schon zu Collegezeiten verfasst hatte –
vor der Veröffentlichung von Unter Null –, standen sie für
den gleichen Minimalismus.)
Wie jeder, der den Gang meiner Karriere verfolgt
hat, unschwer erkennen kann – falls Literatur tatsächlich zwangsläufig das
Innenleben des Schriftstellers bloßlegt –, liefen die Dinge wohl etwas aus
dem Ruder und bekamen fatale Ähnlichkeit mit dem, was die New York Times als »
mittlerweile kompliziert bis zur Skurrilität ... aufgebläht und banal ... überdreht«
bezeichnet hatte, und dem mochte ich nicht unbedingt widersprechen. Ich wollte
zur früheren Schlichtheit zurück. Mein Leben war mir über den Kopf gewachsen,
und
in diesen Anfangssätzen schien sich zu spiegeln, was falsch gelaufen war. Ich
musste zurück zu den Wurzeln, und obwohl ich hoffte, dass ein schlanker Satz
– »Du siehst dir verblüffend ähnlich« – diesen Prozess in die Wege
leiten würde, war mir doch bewusst, dass mehr als eine Aneinanderreihung von Wörtern
notwendig war, um das Trümmerfeld zu bereinigen, von dem ich mich umgeben sah.
Aber es wäre ein Anfang.
Als ich noch am Camden College in New Hampshire
studierte, belegte ich ein Tutorium über kreatives Schreiben und schrieb im
Winter 1983 einen Text, aus dem dann irgendwann Unter Null entstand. Das Buch
schilderte detailliert die Weihnachtsferien eines reichen, sexuell ambivalenten,
gefühlskalten jungen Manns, der aus seinem College im Osten nach Los Angeles
– genauer gesagt nach Beverly Hills – zurückkommt; es geht also um Partys,
auf denen er sich herumtreibt, um Drogen, die er konsumiert, um die vielen Mädchen
und Jungen, mit denen er Sex hat, und all die Freunde, die er in Drogenabhängigkeit,
Prostitution und völlige Apathie abrutschen sieht, ohne etwas dagegen zu tun;
tagsüber fährt man mit gut aussehenden Blondinen in hochglanzpolierten Cabrios
zu schnell zum Beachclub und ist dabei auf Nembutal; die Nächte vergeudet man
in VIP-Rooms angesagter Clubs und damit, an den Fenstertischen bei Spago Kokain
zu sniffen. Das Buch prangert nicht nur einen Lebensstil an, der mir vertraut
war, sondern die ganze Reagan-Ära – wie ich großspurig glaubte – und etwas
indirekter auch den damaligen Zustand der westlichen Kultur allgemein.
Mein Lehrer war ebenfalls überzeugt, und nach ein
paar flüchtigen Korrekturen und Änderungen (ich hatte das
Manuskript in LA auf dem Boden meines Schlafzimmers
liegend in einem achtwöchigen Crystal-Methedrinexzess
runtergehackt) legte er es seinem Agenten und seinem Verlag
vor, die es beide akzeptierten (der Verlag etwas zögernd –
jemand aus dem Lektorat meinte: »Wenn es tatsächlich ein
Publikum für Romane über koksende, schwanzlutschende
Zombies gibt, dann sollten wir das verdammte Ding auf jeden
Fall rausbringen«), und ich beobachtete mit einer Mischung
aus Angst und Faszination – angereichert mit freudiger Erregung
–, wie aus einer Hausarbeit für die Uni ein schickes Hardcover wurde, das
sich zu einem ungeheuren Bestseller und Meilenstein des Zeitgeists auswuchs, in
dreißig Sprachen übersetzt und mit großem Budget verfilmt wurde, alles
innerhalb von nur rund sechs Monaten. Und im Frühjahr 1985, nur vier Monate
nach der Veröffentlichung des Romans, passierten drei Dinge gleichzeitig: Ich
wurde finanziell unabhängig, irrsinnig berühmt, und, was das Wichtigste war,
ich
entkam meinem Vater.
Mein Vater hatte den Großteil seines Vermögens
mit hochspekulativen Immobiliengeschäften verdient, vorwiegend während der
Reagan-Ära, und die Freiheit, die ihm sein Reichtum verschaffte, hatte ihn
zunehmend labil werden lassen. Mein Vater war von jeher ein schwieriger Fall
gewesen – lieblos, ausfallend, alkoholabhängig, eitel, zornig, paranoid –,
und selbst nachdem sich meine Eltern (auf Wunsch meiner Mutter) hatten scheiden
lassen, als ich noch ein Teenager war, ließ er die Familie (zu der auch noch
zwei jüngere Schwestern gehörten) seine bedrohliche Macht und Kontrollgewalt
spüren, und stets ging es um Geld (endlose Auseinandersetzungen der Anwälte über
Alimente und Unterhalt für die Kinder). Es war eine heilige Mission für ihn,
uns zu schikanieren, uns nachdrücklich bewusst zu machen, dass wir – nicht
etwa sein Verhalten – ihn aus unserem Leben ausgeschlossen hatten. Er zog
unter Protest aus unserem Haus in Sherman Oaks aus und nach Newport Beach, und
seine Wut bildete fortan einen scharfen Kontrast zu unserem ansonsten
friedlichen kalifornischen Leben: Tage, die man träge unter einem unablässig
blauen und klaren Himmel am Pool
verbrachte, gedankenloses Schlendern durch die Galleria, endloses Herumfahren im
Auto – nickende Palmen eskortierten uns an unsere Ziele, müßiges Plaudern
zum Soundtrack von Fleetwood Mac und den Eagles –, all die entspannenden
Vorteile, zu jener Zeit dort aufzuwachsen, wurden durch seine unsichtbare
Gegenwart beträchtlich verdüstert.
Dieser relaxte Lebensstil, dekadent und lässig, hat meinen Vater nie entspannt,
er blieb stets in einem gewissen verrückten
Zorn gefangen, ganz gleich, wie angenehm die äußeren Umstände seines Lebens
auch waren. Und aus diesem Grund hatte die Welt für uns etwas Bedrohliches; auf
eine undefinierbare, abstrakte Weise, aus der wir selbst nicht hinausfanden –
die Landkarte war weg, der Kompass kaputt, wir hatten uns verlaufen. Meine
Schwestern und ich entdeckten in einem ungewöhnlich frühen Alter die dunkle
Seite des Lebens; aus dem Verhalten unseres Vaters lernten wir, dass man sich
auf nichts in der Welt verlassen kann und Menschen in diesem Chaos nur scheitern
konnten, und diese Tatsache trübte alles, was wir anfingen. Einzig und allein
meines Vaters wegen floh ich auf ein College in New Hampshire, statt mit meiner
Freundin in LA zu bleiben und mich wie die meisten meiner Mitschüler nach der
Privatschule, die ich in einem Vorort im San Fernando Valley besucht hatte, an
der USC einzuschreiben.
Es war ein verzweifelter Plan. Und es war zu spät. Mein Vater hatte meine Sicht
auf die Welt eingeschwärzt, seine höhnische, sarkastische Haltung allem und
jedem gegenüber hatte auf mich abgefärbt, und sosehr ich seinem Einfluss zu
entfliehen versuchte, es gelang mir nicht. Er war in mich eingesickert und
machte mich zu dem, der ich wurde. Jedes Quäntchen Optimismus, das ich
vielleicht noch besessen hatte, wurde durch seine bloße Existenz weggewischt.
Die Annahme, dass allein die räumliche Distanz zu ihm irgendetwas ändern würde,
war absurd, und ich brachte mein erstes Jahr in Camden vor Angst und
Depressionen wie gelähmt zu. Was mich an meinem Vater am meisten ärgerte, war,
dass die verbalen und körperlichen Schmerzen, die er mir zugefügt hatte,
letztendlich der Grund waren, dass ich Schriftsteller wurde. (Ergänzende
Information: Er schlug übrigens auch unseren Hund.)
Da mein Vater kein Vertrauen in mein schriftstellerisches Talent besaß, hatte er verlangt, dass ich an der Business School der UCLA studierte (meine Noten waren mies, aber er hatte Beziehungen), während ich auf eine Universität wollte, die geographisch so weit wie nur möglich von meinem Vater weg lag – irgendwas mit Kunst, beharrte ich trotz seines Gebrülls, eine, wo nichts angeboten wurde, was mit BWL zu tun hatte. In Maine fand ich keine, daher wählte ich Camden, ein kleines Liberal-Arts-College, das in die bukolische Hügellandschaft des nordöstlichen New Hampshire gebettet war. Mein Vater, wie üblich rasend vor Zorn, weigerte sich, meine Studiengebühren zu bezahlen. Aber mein Großvater, der von seinem eigenen Sohn gerade wegen einer Geldangelegenheit verklagt worden war – eine derart verwickelte und komplizierte Sache, dass ich heute noch nicht weiß, wie oder warum sie begann –, übernahm die Kosten. Ich bin ziemlich sicher, dass die Tatsache, dass mein Vater sich schrecklich darüber ärgern würde (was er auch tat), meinen Großvater bewog, die unerhört hohen Studiengebühren zu zahlen. Als ich im Herbst 1982 in Camden mein Studium antrat, brachen mein Vater und ich den Kontakt zueinander ab, für mich war es eine Erlösung. Diese beidseitige Funkstille hielt an, bis Unter Null veröffentlicht und zum Bestseller wurde. Seine nihilistische, ablehnende Haltung mir gegenüber schlug durch den Erfolg des Romans in eine seltsam überschwängliche Anerkennung um, was meinen Ekel noch verstärkte.
Mein Vater hatte mich gemacht, mich kritisiert, mich zerstört, und dann, als ich mich selbst neu erschuf und langsam wieder zu mir kam, verwandelte er sich in einen stolzen, großspurigen Dad, der versuchte, sich wieder in mein Leben zu drängen, und das alles innerhalb eines Zeitraums, der mir vorkam, als wären nur ein paar Tage vergangen. Ich fühlte mich unterlegen, obwohl ich durch meine neu gewonnene Unabhängigkeit jetzt selbst die Kontrolle hatte. Telefongespräche nicht entgegenzunehmen und Einladungen auszuschlagen, überhaupt jeden Kontakt zu ihm zu verweigern, brachte mir keine Genugtuung; dadurch wurde es auch nicht besser. Ich hatte im Lotto gewonnen und kam mir immer noch arm und bedürftig vor. Deshalb stürzte ich mich in dieses neue Leben, das sich vor mir ausbreitete, obschon ich es als einer der übersättigten Jugendlichen aus LA, die den Durchblick hatten, eigentlich hätte besser wissen müssen.
Das Buch wurde als Autobiografie missverstanden
(dabei hatte ich vor Unter Null bereits drei autobiografische Romane
geschrieben, alle unveröffentlicht, deshalb hatte Unter Null weitaus mehr
fiktionale Anteile und war in geringerem Maße ein Schlüsselroman als die
meisten Erstlingswerke), und die reißerischen Szenen darin (der Snuff-Film, die
Massenvergewaltigung der Zwölfjährigen, die verwesende Leiche in der Gasse,
der Mord im Drive-in) basierten auf blutrünstigen Gerüchten, die in meiner
Clique in LA die Runde gemacht hatten, nicht auf eigenen Erfahrungen. Aber die
Presse biss sich an den »schockierenden« Stellen des Buches und besonders an
meinem Stil fest – sehr knappe Eindrücke, szenisch und kontrolliert wie
Haikus. Das Buch war kurz und leicht zu lesen (man hatte dieses »schwarze
Zuckerstückchen«, so das New York Magazine, in ein paar Stunden
durch), und aufgrund seiner großen Drucktype (und weil kein Kapitel länger als
ein oder zwei Seiten war) wurde es als »Roman der MTV-Generation« bekannt (mit
freundlicher Genehmigung von USA Today), und ich wurde praktisch von jedermann
zur Stimme dieser neuen Generation stilisiert. Auf den Umstand, dass ich erst 21
war und andere Stimmen sich bislang noch nicht zu Wort gemeldet hatten, kam es
wohl nicht an. Ich bot eine Story mit Sexappeal, und niemand mochte auf das
Defizit an anderen Leitbildern hinweisen. Ich wurde nicht nur in jedem Magazin
und jeder Zeitung porträtiert, sondern auch im Fernsehen interviewt: in der
Sendung Today (rekordverdächtige zwölf Minuten), in Good Morning America, dann
von Barbara Walters, von Oprah Winfrey; ich war Gast bei Letterman. William F
Buckley und ich führten ein recht lebhaftes Gespräch bei »Firing Line«. Eine
geschlagene Woche lang sagte ich Videos bei MTV an. Als ich wieder in Camden
war, verlobte ich mich (kurzfristig) mit vier verschiedenen Mädchen, die vor
dem Erscheinen des Buchs nicht sonderlich an mir interessiert gewesen waren. Bei
der Examensfeier, die mein Vater für mich im Carlyle ausrichtete, erschienen
Madonna, Andy Warhol in Begleitung von Keith Haring und Jean-Michel Basquiat,
Molly Ringwald, John McEnroe, Ronald Reagan Jr., John-John Kennedy, die
komplette Besetzung von St. Elmo’s Fire, diverse VJs und Mitglieder meines
riesigen Fanclubs, der von fünf Schülern der Vassar Senior High School ins
Leben gerufen worden war, ferner eine Filmcrew von 20/20, die alles
aufzeichnete. Ebenfalls zugegen war Jay McInerney, der kurz zuvor mit Ein
starker Abgang einen vergleichbaren Debütroman über junge Leute und Drogen in
New York veröffentlicht hatte, der ihn über Nacht berühmt und zu meinem schärfsten
Ostküsten-Konkurrenten gemacht hatte (ein Rezensent hatte in einem der vielen
Artikel, die die beiden Romane
miteinander verglichen, darauf hingewiesen, dass man nur das Wort »Kokain«
durch »Schokolade« ersetzen müsse, dann würden sowohl Unter Null als auch
Ein starker Abgang als Kinderbücher durchgehen, und da wir beide so oft
zusammen fotografiert wurden, begannen die Leute, uns zu verwechseln; um die
Sache zu vereinfachen, sprachen die New Yorker Zeitungen von uns beiden einfach
als den Toxic Twins). Nach dem Examen im Camden zog ich nach New York und kaufte
mir in der Lower Eastside von Manhattan, einen Block vom Union Square Park
entfernt, eine Eigentumswohnung im selben Gebäude, in dem auch Cher und Tom
Cruise lebten. Und während die Realität langsam zerfloss, wurde ich zum
wichtigsten Mitglied des so genannten literarischen Brat-Pack.
Das Brat-Pack war im Wesentlichen eine Erfindung
der Medien: inszenierte Sensation, Punk und Randale. Es bestand aus einer
kleinen, angesagten Truppe erfolgreicher Autoren und Lektoren (alle unter dreißig),
die einfach abends zusammen abhingen, entweder im Nell’s, im Tunnell oder MK
oder der Au Bar, und die New Yorker Presse war entzückt, ebenso wie die
landesweite und internationale. (Warum? Nun, laut Le Monde »war amerikanische
Literatur noch nie so jung und sexy«.) In Anlehnung an das Hollywood-Rat-Pack
der späten Fünfziger, bestand es aus mir (Frank Sinatra), dem Lektor, der mich
entdeckt hatte, Morgan Entrekin (Dean Martin), dem Lektor, der Jay entdeckt
hatte, Gary Fisketjon (als Peter Lawford), Hepcat-Lektor Erroll McDonald von
Random House (Sammy Davis Jr.) und McInerney (dem Jerry Lewis der Gruppe). Wir
hatten sogar unsere eigene Shirley MacLaine in Gestalt von Tama Janowitz, die
einen Band mit Kurzgeschichten über hübsche, drogenumnebelte Hipster in
Manhattan geschrieben hatte, der monatelang auf der Bestsellerliste der New York
Times stand, zumindest kam es einem so vor. Wir waren auf der Überholspur. Alle
Türen flogen für uns weit auf. Jedermann begegnete uns mit offenen Armen und
strahlendem Lächeln. Ganze Fotostrecken in Modemagazinen zeigten, wie wir sechs
uns in Armani-Anzügen aufreizend auf den Sofas angesagter Restaurants rekelten.
Rockstars himmelten uns an und baten uns hinter die Bühne: Bono, Michael Stipe,
Def Leppard, Mitglieder der E Street Band. Wir bekamen stets die besten Plätze.
Wir saßen immer im ersten Wagen der großen Achterbahn. Nie sagte einer von
uns: »Bestellen wir doch einfach mal keine Flasche Cristal«; nie: »Gehen wir
doch heute mal nicht bei Le Bernardin essen« (wo zu unseren Auftritten
Essensschlachten gehörten, bei denen wir mit Hummer um uns warfen und uns
flaschenweise Dom Perignon über die Köpfe kippten, bis die Belegschaft, die
das ganz und gar nicht lustig fand, uns aufforderte, das Lokal zu verlassen).
Wir wurden die ganze Zeit von unseren Lektoren mit ihren unbegrenzten
Spesenkonten freigehalten, also bezahlten die Verlage praktisch unsere
Ausschweifungen.
Damit begann eine Zeit, in der es einem vorkam, als seien die Bücher selbst ganz ohne Bedeutung. Ein glänzendes, buchartiges Objekt zu veröffentlichen, war bloß ein Vorwand für Partys und Glamour und dafür, dass gut aussehende Schriftsteller ihren punktgenauen Minimalismus Studenten vortrugen, die mit vor Bewunderung aufgesperrtem Mund dasaßen und dachten: »Das kann ich auch, auch ich könnte dazugehören.« Außer natürlich, man war nicht fotogen genug, dann konnte man es vergessen, traurig, aber wahr. Und falls man kein Anhänger des Brat-Pack war, mit uns abfinden musste man sich trotzdem. Denn wir waren allgegenwärtig. Es gab kein Entrinnen vor unseren Gesichtern, die einem aus Magazinen und Fernsehshows, aus Scotch-Anzeigen und aus Reklametafeln auf Bussen entgegenstarrten, aus den Klatschspalten der Zeitungen, unseren ausdruckslosen Gesichtern im kalten Licht der Blitzlichter, in der Hand eine Zigarette, die ein Fan gerade anzündete. Uns gehörte die Welt.
Man stellte mich aus. Alles, was ich tat, kam in die Zeitung. Paparazzi folgten mir auf Schritt und Tritt. Ein bei Nell’s verschütteter Drink wurde in der Gesellschaftsspalte der New York Post als Vollrausch hingestellt, ein Essen mit Judd Nelson und Robert Downey Jr. (dem Co-Star in der Verfilmung von Unter Null) in der Canal Bar als »flegelhaftes Benehmen« (na gut, aber trotzdem). Aus einem harmlosen Lunch zwecks Drehbuchbesprechung mit Ally Sheedy bei Palio konstruierte man eine sexuelle Beziehung. Aber ich hatte mich ja selbst derart exponiert und nicht gerade versteckt – was also hatte ich erwartet?
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