Begegnungen in Schwerte, Autorinnen treffen Künstlerinnen, 2009

Luise Elias

Zum Frauen-Kongreß
(Luise Elias, Zeitgemäße Betrachtungen, erschienen in der Schwerter Zeitung vom 22. Juli 1899, wie alle ihre Betrachtungen unter dem Pseudonym „Ernst Heiter“).


Und wieder tagte ein Konkreß
In diesen Frühlingstagen,
Bei dieser „Tagung“ hat indeß
Lein Mann ein Wort zu sagen,
Denn durch die Welt klang’ s hell und weit:
Die größte Frage dieser Zeit,
Wie auch der künftgen Tage
Bleibt doch die Frauenfrage!

Drum sah man unlängst in Berlin
Und zwar aus allen Ländern
Viel Frauen zum Kongresse ziehn,
Wohl in „Reform“ Gewändern.
Denn nach „Reform“ lechzt allerwärts
Das sehnsuchtsvolle Frauenherz,
Seit sich der Wunsch bemächtigt
Des Wörtchens „gleichberechtigt“!

Nun ruft zum Kampf der Frauenbund,
Der internationale:
Es hebt der Gleichberecht’gungs-Grund
Die Stellung, die soziale,
Drum Schwestern, all’, seid auf dem Damm!
Dem alten Satz: Du est la femme
Soll neue Antwort werden
In jedem Land auf Erden!

Manch Ehemann sitzt still beiseit
Und singt von schönen Stunden:
O alte Burschenherrlichkeit,
Wohin bist du entschwunden!
Die Frau indeß zu selben Zeit
Beginnt: O Frauenherrlichkeit,
Wie bist du im Entstehen,
Die Welt wird Wunder sehen!

O neue Frauenherrlichkeit,
O neue Zukunftssonne!
Bald leuchtest du der jüngsten Maid
Zu neuer Daseinswonne,
Es geht im neuen Säkulum
Das Mädchen auf’ s Gymnasium,
Es darf auch schon studieren
Und hier und da amtieren!

Die Mägdlein sind sehr „wählerisch“
Viel mehr noch als die Knaben,
Drum wollen sie vom „Grünen Tisch“
Das „Wahlrecht“ schriftlich haben,
Indeß wenn man’s bei Licht besieht:
(Es ist kein Malheur, wenn’ s nicht geschieht)
Dem weiblichen Geschlechte
Gebühren andre Rechte!

O stolze Frauenherrlichkeit,
Warst du nicht stets vorhanden.
Zwingt nicht die Frau zu jeder Zeit
Den stärksten Mann in Banden?
Seufzt nicht manch schwacher Ehemann:
Jetzt hat die Frau die Hosen an!
Was auch der Gatte leiste.
Gilt nicht ihr Wort das meiste?

Der Jüngling liebt den rauen Pfad
Und Kühnheit ziert sein Treiben.
Der Jüngling stellt sich als „Soldat“,
Die Jungfrau lässt dies bleiben,
Hier führt die Gleichberecht’gung nur
Zu einem Zwiespalt der Natur!
„Bis hierher und nicht weiter“
Dröhnt’ s dann mit Macht!
                                   Ernst Heiter

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