Begegnungen in Schwerte, Autorinnen treffen Künstlerinnen, 2009

Luise Elias

Zeitungsenten
(Luise Elias, Zeitgemäße Betrachtungen, erschienen in der Schwerter Zeitung vom 22. Juli 1899, wie alle ihre Betrachtungen unter dem Pseudonym „Ernst Heiter“).


Es kommt seit vielen Jahren schon,
Im Sommer höchst verwogen,
In jeder Zeitungsredaktion
Ein Vogel angeflogen.
Der Vogel ist sehr gut dressiert,
Er hat auch viel Talente,
Und weil er prächtig fabuliert,
Nennt man ihn Zeitungsente. –
Er herrscht ja meist zur Hundstagszeit
Stoffmangel in den Spalten,
Srum soll sie eben weit und breit
Die Leser unterhalten.
Der Enten hört’ ich vielerlei
In diesen letzten Tagen,
Und heut, verzeiht,
Ich bin so frei,
Will ich sie wiedersagen.
Ich hört’ vom Fortschritt dieser Zeit
Die sonderbarsten Dinge,
Zum Beispiel, dass mit Leichtigkeit
Ein Schiff zum Nordpol ginge.
Der Mai war dieses Jahr so heiß,
Die Luft wie glüh’nde Bolzen,
Daß selbst am Nordpol ist das Eis
Totaliter geschmolzen!
Es treten, hörte ich, in Kraft
Auch neue Schulgesetze;
Weil man die Freiheit schätze!
Frag ihr, woran das liegen mag?
Wohlan, so spitzt die Ohren:
Die Kinder werden heutzutag
Schon klug genug geboren!
Es herrscht die schönste Harmonie
Im Reichtag wie im Landtag!
Einstimmig wie bisher noch nie
Geht durch jedweder Antrag.
Herr Ahlwardt sprach: „Verzeihe mir“
Zu Singer dieser Tage,
Und Bebel selbst plaidierte für
Die neu’ste Streitvorlage.
In lebenswerter Konsequenz
Der aufgegeb’nen Pflichten
Gelang’s der Haager Konferenz
Den Völkerstreit zu schlichten.
Sogar La France ergab sich stumm
Und will den Frieden schützen,
Es wandelt die Kanonen um
Bereits zu Feuerspritzen. –
Der Dreyfus-Sturm ist längst verweht,
Nun wird es ruhig bleiben,
Das Reden lässt Paul Deroulede
Und Beaurepaire lässt das Schreiben. 
Dem Dreyfuss wird ein Paradies
In Frankreich aufgeschlagen.
Und Zola hat man in Paris
Auf Händen ’rumgetragen! –
Die ganze äußere Politik
Bewehrt ein freundlich Schweigen,
Es gab die Transvaal-Republik
Old England sich zu eigen.
Als Großbritanniens Gouverneur
Regiert Ohm Krüger weiter!
All’ dieses hört’ ich, und noch mehr
Zur Hundstagszeit.      Ernst Heiter.

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