Weihnachtsmeerchen
(Auszug)
An der Innenseite der Fensterscheiben lief Atem
als Wasser in kleinen Rinnsalen herab. Draußen regnete es. Die Lehrerin blickte
auf den winterkahlen Schulhof und lauschte der Stille im Klassenzimmer. Sie
konnte das Ticken ihrer Armbanduhr hören. Die Klasse hatte sich in ein
Eisschollenbild verwandelt, als sie sich ihr wieder zuwandte. Ihr Arm beugte
sich im Ellenbogen, die Starre der Hand löste sich.
"Wünschst du dir deswegen jemanden, der Märchen erzählt?" Die
Lehrerin deutete mit dem Kopf in die schweigsame Runde. Ihre Stimme war wieder
ihre Stimme. Und ihre Stimme klang so klar und deutlich im Raum wie noch
nie.
Josephine nickte.
Ein elektronischer Dreiklang beendete die Stunde. Nicht einmal Ronni stand auf.
"Und Sie", fragte Josephine.
"Und ich?"
"Was wünschen Sie sich denn?"
"Als Mädchen habe ich mir jedes Jahr zu Weihnachten einen Seesack
gewünscht."
"Haben Sie einen bekommen?"
"Mädchen fahren nicht zur See."
"Und jetzt?"
"Jetzt bin ich Lehrerin."
"Ich meine, was wünschen Sie sich jetzt?"
Die Lehrerin sah auf ihre Armbanduhr. "Ich wünsche mir, dass ich meinen
Bus noch erwische." Sie packte ihre Sachen zusammen und ging. Sie war die
erste, die das Klassenzimmer verließ.
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