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Homo Novus
(Leseprobe aus: Homo Novus, Roman, 1944/2006, Weidle
Verlag - Übertragung von Berthold Forssman)
»O Lamm, das im Begriff ist, sich
selbst auf dem Altar der Kunst zu opfern, bedenke beizeiten, was du vorhast! Die
Musen sind entsetzliche Frauen. Sie erschlagen einen nicht auf einmal, sondern
ziehen Ader um Ader heraus und häuten einen, Streifen um Streifen. Aber wenn du
nun überhaupt nicht hören willst und wie eine besoffene Kakerlake in die
Pfanne springst, dann merk auf und vergiß nicht, daß dich Orpheus Faustus persönlich
deinem Martyrium geweiht hat!
Was blinzelst du, junger Mann?« fragte Orpheus, als er den verständnislosen
Blick des Gesegneten bemerkte. »Vielleicht bist du ein solcher Hinterwäldler,
daß du mich überhaupt nicht kennst? Orpheus Faustus ist der Name, den ich mir
erwählt habe, weil nicht gewissenlose Eltern, sondern die Künstler selbst das
Recht und die Pflicht haben, sich die Taufe zu geben. Orpheus deshalb, weil ich
am süßesten und am weichesten singe, egal, ob in der Dichtung, in der Musik
oder beim Malen, und Faustus, weil ich ewig und ohne Unterlaß nach neuen
Erkenntnissen, Wegen und Ideen suche. Das Dichten ist nur eines meiner vielen
Talente, ein unbedeutendes Detail, und wenn ich wollte, wäre ich schon lange
ein international berühmter Poet, Maler, Geiger oder Komponist, aber ich will
und forme etwas viel Höheres, noch Ungesehenes, Unerreichtes, ich schaffe die
Kunst der Künste: die Vereinigten Künste. Der Tag ist nicht mehr fern, an dem
Riga mit einer gewaltigen, funkelnden, wunderbaren und prophetischen Parade der
Vereinigten Künste überrascht wird. Riga wird die Erste unter den Städten
sein: Babylon, Memphis, Athen, Rom, Florenz, Paris, immer weiter nach Norden hat
sich der Sitz der Kultur verlagert, und Orpheus Faustus und kein anderer bringt
ihn nach Riga.«
Im Atelier erhob sich ein höllischer Lärm, alle applaudierten, trampelten und
brüllten: »Bravo, Orpheus ! Faustus lebe hoch! Riga lebe hoch!« Orpheus
verneigte sich.
»Schnaps her!« rief Salutaurs und reichte ihm ein Glas. »Stärk dich,
Prophet! Setz dich an den Tisch!«
Rezension I Buchbestellung I home III06 LYRIKwelt © Weidle