Im Bann von Jennifer Egan, Schöffling

Jennifer Egan

Im Bann
(Leseprobe aus: Im Bann, Roman, Schöffling & Co. - Übertragung Gabriele Haefs).

Es bestand eine Verbindung zwischen diesem neuen Howie und dem, an den Danny sich als Kind erinnern konnte, aber es war eine entfernte Verbindung. Zum einen war dieser neue Typ blond. War es möglich, dass Haare zuerst braun waren und dann blond wurden? Von blond zu braun, damit kannte Danny sich aus – die Hälfte aller Mädchen, mit denen er geschlafen hatte, hatte behauptet, sie seien früher total blond gewesen, du hast ja keine Ahnung, wie blond ich als kleines Mädchen war, und deshalb gaben sie ihr halbes Gehalt für Tönungen aus, um den ihnen zustehenden und ursprünglichen Zustand wiederherzustellen. Aber braun zu blond? Das hatte Danny noch nie gehört. Die auf der Hand liegende Antwort war, dass Howie sich die Haare bleichte, aber sie sahen nicht gebleicht aus, und dieser neue Howie (nur war er nicht mehr Howie, er war Howard, das hatte er Danny an diesem Morgen als Erstes gesagt, noch ehe er ihn in eine Bärenumarmung geschlossen hatte) sah nicht aus wie ein Typ, der sich die Haare bleicht.
Der neue Howie war fit. Hatte sogar etwas von einem Bodybuilder. Rettungsringe, Fohlenspeck – alles weg. Fettabsaugen? Training? Der Zahn der Zeit? Schwer zu sagen. Zu allem Überfluss war er auch noch braun. Und das haute Danny wirklich um, denn der alte Howie war weiß gewesen, auf eine Weise, die tiefer saß als nur fehlende Sonne. Er hatte ausgesehen wie einer, den die Sonne nicht berühren mochte. Aber jetzt? Braunes Gesicht, braune Arme, braune Beine (er trug Khakishorts), braune Hände sogar, bewachsen mit blonden Härchen, die mussten also echt sein, oder? Wer würde sich denn die Haare auf den Händen bleichen, zum Teufel?
Die größte Veränderung war nicht körperlich: Howard hatte Macht. Und Macht war etwas, mit dem Danny sich auskannte – das gehörte zu den Fähigkeiten, die er in New York entwickelt hatte, nach Jahren von Studium und Training und Praxis, Fähigkeiten, die zusammengenommen ein so spezielles Ergebnis zeitigten, dass es mit unsichtbarer Tinte geschrieben wurde, so dass sein Vater (zum Beispiel) hinsah und nur ein leeres Blatt Papier entdeckte. Danny konnte ein Zimmer betreten und wissen, wer hier Macht hatte, so wie andere Leute der Luft anfühlen können, dass es schneien wird. Wenn der Mensch mit der Macht nicht im Zimmer war, wusste Danny das auch, und wenn dieser Mensch erschien, konnte Danny ihn (oder sie) normalerweise erkennen, ehe dieser Mensch den Mund aufmachte – manchmal, ehe er die Türschwelle überquert hatte. Das ergab sich aus den anderen im Raum, aus ihren Reaktionen. Und hier sind die Leute, die zusammen mit Howard im Zimmer waren.

1. Ann, seine Frau. Glänzende braune Haare in Pagenschnitt, dreieckiges Gesicht, große graue Augen. Sie war hübsch, aber nicht auf die Art, wie Danny es von der Frau eines Aktienmaklers erwartet hätte. Sie war nicht geschminkt, und ihre Jeans und ihr brauner Pullover waren alles andere als sexy. Sie lag auf dem Rücken auf dem grauen Steinboden und ließ ein Baby in rosa Strampelanzug (woraus Danny auf ein Mädchen schloss) auf ihrem Bauch Schritte versuchen.

2. Arbeiter. Sie waren jung, sie trugen Schutzmasken, sie waren mit irgendetwas beschäftigt, irgendwo, und zwischendurch drängten sie durch mehrere Schwingtüren in die Küche. Manchmal hatten sie Werkzeug bei sich. Howard erklärte Danny, das seien Magisterstudierende von der Universität Illinois und außerdem einige von Cornells Hotelschule. Howards Renovierung war ihr Sommerprojekt – mit anderen Worten, sie sammelten hier Studienpunkte. Aber Danny hatte eher das Gefühl, dass sie hier Tischlerei lernten.

3. Mick, Howards »alter Freund«. Danny war diesem Dussel in der Nacht schon begegnet – er war endlich aufgetaucht, nachdem Danny Gott weiß wie lange in jenem runden Treppenhaus, wo keine Tür eine Klinke aufwies, halloho gebrüllt hatte. Mick strahlte etwas Bedrohliches aus. Er hatte einen drahtigen Körper, stark, aber fast schon ausgezehrt, einfach nackte aneinandergelötete Muskeln. Mick lächelte in der ganzen Zeit, in der er Danny auf sein Zimmer führte, kein einziges Mal, und als er die Arme hob, um einen Samtvorhang vor einem riesigen antiken Bett zurückzuziehen, sah Danny die vielen alten Einstichnarben auf seinen Armen (die waren jetzt versteckt, Mick trug ein Hemd mit langen Ärmeln). Mick war Howards Nr. 2. Danny hatte das sofort gewusst, sowie er sich mit beiden in einem Zimmer befunden hatte. Mächtige Leute hatten entweder eine Nr. 2 oder brauchten eine oder beides – will sagen, sie brauchten eine andere als die, die sie hatten.

Das waren alle im Raum.
Nur ist der Raum noch immer eine leere Stelle. Diese Leute hielten sich in einer großen mittelalterlichen Küche auf. Dort gab es einen mannshohen Kamin, in dem ein Kessel von Badewannengröße an einem Haken hing. Es gab einen Wandteppich, auf dem ein König ein Tier erlegte, unter dem sich damals wohl jemand einen Löwen vorgestellt hatte. Es gab mehrere lange Holztische mit Bänken, auf denen einige der Studenten saßen, ihre Schutzmasken abnahmen und es sich gemütlich machten. Es gab einen hochmodernen deutschen Herd, an dem Howard gerade eine Riesenpfanne Rührei zubereitete.
Ein Windstoß kam durch die vier kleinen Fenster mit aus vielen Karos zusammengesetzten Scheiben. Danny schob eins weiter auf, lehnte sich hinaus, und der Duft von Blumen kam von tief unten zu ihm hoch, wo das Schwarze, das er in der vergangenen Nacht von der Mauer her gesehen hatte, in ein so dichtes Grün verwandelt war, dass er den Boden darunter nicht sehen konnte. Etwas über dreißig Meter weiter erhob sich aus diesem Grün der Turm, den Danny in der vergangenen Nacht schon entdeckt hatte. Er war eckig und gerade und auf seltsame Weise
majestätisch.
Howard erzählte Danny, wie er die Burg von einer deutschen Hotelkette gekauft hatte.
Howard: Sie haben etwa ein Drittel renoviert, oder nicht einmal das, nur zwei Stock mit Zimmern im Südflügel – da schlafen wir jetzt alle –, dann diese Küche, die große Halle und zwei Treppenhäuser in den Türmen. Danach ging ihnen das Geld aus und einige Jahre ging die Arbeit nur phasenweise weiter, und als sie dann endgültig pleite waren, haben sie uns das Grundstück angedient.
Ann (vom Boden her): Für weniger als zwei Drittel von dem, was sie bezahlt hatten, plus allem, was sie schon reingesteckt hatten.
Howard: Das war ein Deal, den wir nicht ablehnen konnten. Aber das bedeutete, dass wir Anns Lieblingsburg aufgeben mussten. In Bulgarien.
Ann: Himmel, die war so schön!
Sie machten Konversation, waren nett zu ihrem Gast, erzählten von sich, wie man das bei der ersten Begegnung eben so tut. Und normalerweise hatte Danny keine Probleme mit anderen Menschen. Auch das gehörte zu seinen unsichtbaren Fähigkeiten: Er hatte ein Radarsystem dafür, wie die Menschen angesprochen werden wollten, und er konnte von der Art des einen auf die Art des anderen überwechseln, ohne nachzudenken. Aber gerade jetzt war Dannys Radar flach, er war nicht auf der richtigen Wellenlänge, oder vielleicht musste er sich einfach neu einstellen und an diesem neuen Ort neu programmieren, wie seine Satellitenschüssel. Bildunterschrift: Danny fühlte sich in Howards Nähe nicht wohl in seiner Haut. Aber nicht wohl in seiner Haut klingt zu milde, und was Danny empfand, war nicht mild, es war miserabel. Er konnte diese Misere nicht in Worte fassen. Er konnte nicht einmal die Symptome benennen, mit einer Ausnahme: Er wollte weg von hier. Sofort.
Das überraschte Danny sehr. Er hatte so oft mit Howard telefoniert und gemailt, um diesen Burgjob zu organisieren, und alles war wunderbar gewesen. Aber wirklich vor dem Mann zu stehen, war etwas ganz anderes. Etwas in Danny war erstarrt, sowie Howard am Morgen den Raum betreten hatte.
Howard: O Mann, nun sieh dich an!
Danny: Sieh du dich an!
Howard: Ich weiß nicht, ob ich dich erkannt hätte, Kumpel.
Ebenfalls.
Gott, ist das lange her. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie lange.
Danny: Erschreckend lange.
Howard: Ich will nicht mal wissen, wie lange – dann komm ich mir so alt vor.
Danny: Dann lassen wir das einfach auf sich beruhen.
Und diese ganze Zeit wurde in Dannys Gehirn ein einziger Satz gebrüllt: Was zum Teufel mach ich eigentlich hier?
Er wusste nicht so recht, wo er sich in Howards mittelalterlicher Küche hinstellen sollte, und deshalb blieb er beim Fenster. Auf seinen Armen fühlte er ein Prickeln, das ihm Hoffnung schenkte. Das war noch eine unsichtbare Fähigkeit (das gibt eine lange Zusammenfassung): Danny konnte auf der Oberfläche seiner Haut spüren, ob ein WLAN-Zugang vorlag. Er spürte das vor allem im Bizeps und im Nacken. Dieses Talent hatte Danny in New York schon gewaltigen Nutzen gebracht, wo er den ganzen Tag E-Mails lesen konnte, ohne dafür zu bezahlen. Und an diesem Morgen war er in seinem riesigen mittelalterlichen Bett aufgewacht und hatte sofort dieses Gefühl gehabt, es war wie eine Gänsehaut oder ein eingeschlafenes Bein. Aber dann musste er feststellen, dass er sich geirrt hatte: Als er seinen Laptop öffnete, gab es keinen Zugang, nicht mal ein Flickern. Und im Zimmer fand er keinen Telefonanschluß. Als Erstes wollte er nach dem Frühstück seine Satellitenschüssel aufstellen – oben auf dem Turm, wenn das möglich wäre.
Neben dem Fenster stand ein Teleskop; Danny drehte es zurecht und schaute hindurch. Der zerfurchte Sandstein des Turms tauchte auf und schien nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt zu sein. Die Ecken sahen aus wie angeknabbert. Die Fenster waren klein und spitz, Danny richtete das Teleskop auf das obere Fenster und suchte nach dem roten Licht, das er nachts gesehen hatte, doch wenn es noch brennen sollte, konnte er es nicht sehen.
Danny: Was ist das da für ein Turm?
Howard hatte das nicht gehört, im Gegensatz zu seinem alten Freund – Mick, der an einem der langen Tische Wasser in Gläser goss. Er kam ans Fenster und schaute hinaus.
Mick: Das ist der Bergfried.
Danny: War das mal ein Kerker?
Diese Frage entlockte Mick das erste Lächeln, das Danny bisher gesehen hatte. Es öffnete sein düsteres Gesicht und ließ ihn gut aussehen, trotz der Jahre des Drogenmissbrauchs.
Mick: Nein, kein Kerker. Der Bergfried ist der Teil, wo sich alle verkrochen, wenn die Burg überfallen wurde. So eine Art Bastion. Für das letzte Gefecht
Danny schaute wieder durch das Teleskop. Er spürte die Spannung, die Mick noch im Stillstehen ausstrahlte. Danny wusste nichts über diesen Typ, abgesehen davon, dass er Howards Nr. 2 war. Auch wenn das etwas war, etwas Großes, denn die Willkürlichkeit und das Chaos (wie sein Vater das ausdrückte) von Dannys achtzehn New Yorker Jahren schwanden dahin, wenn man sie in Bezug zu der Notwendigkeit sah, diese Nummer zu füllen: Er war immer wieder auf den leeren Platz neben einem mächtigen Menschen gerutscht, wieder und wieder, bis es zu seiner zweiten Natur geworden war. Aber Danny hatte die Sache jetzt aufgegeben. Aus irgendeinem Grund hatte es nie geklappt und schien immer gewalttätig zu enden.
Danny sah, wie sich in einem Fenster des Bergfrieds etwas bewegte – nicht ganz oben, sondern einen Stock tiefer. Er verschob das Teleskop ein wenig und wartete. Da war es wieder, ein Vorhang bewegte sich, und dann wurde er zur Seite geschoben und Danny sah ein Mädchen: jung, mit langen blonden Haaren. Nur für einen Moment, dann war sie verschwunden. Er drehte sich um, um Mick nach ihr zu fragen, aber Mick war weitergegangen. Ein kleiner Junge kam in die Küche gerannt, er trug ein graues Plastikvisier und einen Brustpanzer und ein Plastikschwert. Eine Frau, die offenbar seine Babysitterin war, kam gleich hinter ihm her. Howard stellte sie Danny als Nora vor. Sie hatte die Dreadlocks einer weißen Frau und eine gepiercte Zunge – Danny sah das Aufleuchten und hörte das Klicken, als sie hallo sagte. Ihre Hände zitterten heftig. Danny war so erleichtert darüber, einen weiteren Flüchtling seiner Art zu sehen, dass er ein Grinsen unterdrücken musste. Frauen mit Dreads standen nicht auf Grinsen.
Danny: Bin ich dir nicht schon mal irgendwo begegnet?

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