Stadtrundfahrt von Dietmar Eder, Klett-Cotta

Dietmar Eder

Stadtrundfahrt
(aus: Stadtrundfahrt, Roman, 2003, Klett-Cotta)

Mutter trug ein schwarzes, hochgeschlossenes Kostüm und hatte die Haare nach oben gesteckt. Ihre Haut schimmerte aschfahl, sie weinte. Wir saßen im kleinen Büro eines Anwaltes, einem engen Freund meines Vaters. Vater war zum damaligen Zeitpunkt schon einige Stunden tot. Ich habe nicht mitgezählt.
    Der Anwalt - seinen Namen habe ich vergessen - rief meine Mutter an, nachdem er erfahren hatte, daß Vater gestorben war. Sie solle in seine Kanzlei kommen, mit mir, mein Vater hätte ihm aufgetragen, seinen Nachlaß zu regeln.
    Ich ging direkt von meinem Hotel in die Kanzlei. Ich wollte nicht mit Mutter in einem Wagen sitzen und ihre erzwungenen, erspielten Tränen ertragen.
Ich glaube, daß ich es nicht ausgehalten hätte.
    Der Weg von meinem Hotel zur Kanzlei war ein kurzer, ich nutzte die Zeit, um die Straßen mit Bildern aus meiner Jugend zu vergleichen. Ich ging in dieser Stadt zur Schule, acht lange Jahre, ich kannte jeden Winkel. Die Stadt hatte sich bewegt in den vergangenen Jahren, ich erkannte nur wenige Fixpunkte wieder. Den meisten Lokalen verpaßten eifrige Wirte neue Namen, das Trachtengeschäft, in dem Mutter ihre geschmacklosen Schürzen kaufte, mußte einer amerikanischen Kindermodenkette weichen. Yes!
    Ich ging langsam und wollte die Minuten in dieser Stadt inhalieren, so wie ich es auch in Barcelona oder Rom gemacht hatte, ich ließ mich zu dem Haus, in dem sich die Kanzlei des Anwaltes befand, treiben. Auf einer dunkelbraunen Hausmauer klebte ein Plakat, das ein Konzert der Philharmoniker ankündigte. Ein junger schwedischer Pultstar grinste mich an, den Taktstock zwischen seinen frisch polierten Zähnen. Brahms, Erste Symphonie, stand auf dem Programm.
    Ich erinnerte mich an meinen Cellolehrer, der zwei Jahre lang bei den Symphonikern in Wien gespielt hatte. Mir ist jeder Dorfkapellmeister bei allen nur erdenklichen Körperteilen lieber, als die Herren Pultstars beim Gesicht, hat er einmal gemeint.
    Ich war in den 18 Jahren, die ich in dieser Stadt ausgehalten habe, nur zwei Mal im Klassiktempel der Stadt. Einmal dirigierte Lorin Maazel eine Beethoven-Symphonie, beim zweiten Mal konzertierte ein norwegischer Pianist, der höchstens dreizehn oder vierzehn Jahre alt war. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was er gespielt hat, Mozart vielleicht, Liszt?
    Ich habe mir Musik immer lieber im Radio oder auf Schallplatte angehört als zwischen gestriegelten und gut riechenden Menschen. Als Jugendlicher lag ich auf meinem zu kurzen Bett und hörte die abendlich wiederkehrenden Musiksendungen auf Radio M.: Restaurierte Klassiker alter Meister, Alte Musik neu interpretiert, Verjazzte Militärmärsche, Die größten Stimmen der italienischen Oper.
    Ich habe meine Zimmertür abgeschlossen und das Licht ausgemacht, um jeden einzelnen Ton aufzusaugen.

Das Interesselose in der Musik,
diese Entfernung von Gier, Futterneid,
Vernichtungsdrang,
hat mich Ton für Ton eingenommen.

Einmal schleppte mich Vater zu einem Konzert auf den Königsplatz, ein dicker Sänger und ein schlechtes Orchester versuchten sich an abgedroschenen Arien und schmalzigen Volksliedern. Das Konzert dauerte fast drei Stunden, hätte es kurz nach elf nicht zu regnen begonnen, hätte sich der dicke Sänger weit nach Mitternacht immer noch durch die Untiefen der C-Dur-Tonleiter gequält.

In einer engen Seitengasse standen zwei oder drei Holztische vor einem unscheinbaren Lokal, dessen Namen ich längst vergessen hatte. Ich bestellte ein Glas Rotwein und starrte auf die zerfledderte Plakatwand auf der anderen Seite der Gasse.
M. wir-.
Dahinter erkannte ich den Oberschenkel einer blassen, dünnen Frau, Reste grüner Unterwäsche. Auf einem Plakatständer forderte ein braun gebrannter Politiker mehr Geld für Bildung, ein paar Meter weiter kündigte ein roter Schriftzug eine Wahlkampfveranstaltung der Bürgermeisterpartei an.

Der Freund meines Vaters verspätete sich, ich saß in einem unbequemen Stuhl, dessen Lehne gegen meine Wirbel drückte, unangenehm. Mutter saß in Hörweite.
Ich sah sie nicht an.
Ich mußte an Sara denken, sie war noch in F. geblieben, wollte aber rechtzeitig zur Beerdigung bei mir sein.
Als der Anwalt ins Zimmer trat, stand Mutter langsam auf, zittrig, verkatert, wie immer in den vergangenen Jahren, um ihn zu umarmen. Sie sprachen nicht miteinander.
Ich begrüßte ihn knapp, fragte ihn, ob er Klavier spielen könne. Er verneinte.
Er setzte sich schnell und holte ein Blatt Papier aus einer schwarzen Ledermappe.
Die Szenerie erinnerte mich an einen billigen Mafia-Film. Don Kasfy und die 40 Räuber.
Er begann zu lesen, ich hörte zu. Ich ahnte, besser: ich wußte, was kommen würde: Vater überschreibt mir die Firma, Mutter geht leer aus. Ich verkaufe die Firma und investiere das Geld in eine satte Villa, in der ich mit Sara residieren würde. Irgendwo.

Liebe Eleonore, lieber Xaver,

Wie geht es Euch heute? Ganz ohne mich, auf Euch alleine gestellt? Seid Ihr glücklich, daß ich nicht mehr unter Euch bin?
Wie Ihr wißt, habe ich lange auf diesen Augenblick gewartet. Die Jahre vergingen nur langsam, die Bilder blieben immer in mir. Schmerzhaft - auch wenn Ihr mir das nicht glaubt.
Xaver: ich habe nichts, was ich Dir auf den Weg mitgeben könnte. Keine Sorge: Geld ist genug da. Daran hat es nie gemangelt. Mutter wird Dir jeden Betrag, den du wünschst, zur Verfügung stellen. Sie wird Dir helfen.
Lore: Behalte das Haus. Freu Dich über das Auto. In deinem Alter solltest du allerdings nicht mehr selber hinter dem Steuer sitzen. Gönne Dir einen Chauffeur. Einen Hausfreund. Vielleicht hast Du Glück, und er kann Klavier spielen.

Ich werde euch nicht vermissen.

Xaver: Du weißt, ich habe nie etwas von Dir erwartet. Ich wußte, Du kannst es mir nicht erfüllen.
Es klingt kitschig, ich weiß, laß es mich doch anbringen. Ich habe einen letzten Wunsch: Ich möchte, daß Du mir eine letzte Stadtrundfahrt schenkst. Einen Totenwagen wird Dir einer meiner Freunde zur Verfügung stellen. Keine Angst: Der Wagen wird unauffällig sein. Eine Liste mit den Stationen, an denen ich verweilen möchte, bekommst Du, nachdem dieser Wille verlesen wurde.
Nimm Dir Zeit.

Als der Anwalt das Blatt Papier zur Seite gelegt hatte, mußte ich auflachen. Es war ein lautes, schallendes Lachen. In schlechten Momenten hätte ich mich dafür geschämt, ach, wie unpassend.
Mutter war in sich zusammengesunken, ich suchte Tränen in ihren Augen.
Eine Stadtrundfahrt mit einem Toten: Angesichts solcher Aussichten wollte sich bei mir keine Trauer einstellen.

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