Bekenntnisse eines jungen Schriftstellers von Umberto Eco, 2011, HanserUmberto Eco

Weinen über Anna Karenina
(Leseprobe aus: Bekenntnisse eines jungen Schriftstellers, Vorlesungen, 2011, Hanser - Übertragung Burkhart Kroeber).

Im Mai 1860, als Alexandre Dumas père sich anschickte, übers Mittelmeer zu segeln, um sich zu Garibaldi nach Sizilien zu begeben, machte er in Marseille Station und besuchte die Festung des Chateau d’If, wo sein Held Edmond Dantes – der spätere Graf von Monte Christo – vierzehn Jahre als Häftling verbracht hatte und von einem Mithäftling, dem greisen Abbe Faria, in seiner Zelle besucht und auf seine künftige Rolle vorbereitet worden war.

Bei dieser Gelegenheit entdeckte Dumas, dass den Besuchern der Festung regelmässig gezeigt wurde, was angeblich die reale Zelle des Grafen von Monte Christo gewesen war, und dass die Führer ständig von Dantes, Faria und den anderen Romanfiguren sprachen, als hatten sie wirklich existiert. Dagegen erwahnten dieselben Führer nie, dass im Chateau d’If auch bedeutende Personen der realen Geschichte wie Mirabeau eingekerkert waren. Dumas kommentiert das in seinen Memoiren so: "Es ist das Privileg der Romanciers, Personen zu erschaffen, die diejenigen der Historiker töten. Der Grund dafür ist, dass die Historiker bloße Phantome heraufbeschwören, wahrend die Romanciers Menschen aus Fleisch und Blut erschaffen."

Ein Freund von mir hat mich einmal gedrängt, ein Symposium über folgendes Thema zu organisieren: Wenn wir wissen, dass Anna Karenina eine fiktive Person ist, die in der realen Welt nicht existiert, warum weinen wir dann über ihre Not oder sind zumindest tief bewegt angesichts ihres Unglücks?

Vermutlich gibt es viele hochgebildete Leser, die über das Schicksal von Scarlett O’Hara keine Tränen vergießen, aber dennoch bestürzt über Anna Kareninas Los sind.

Mehr noch, ich habe hochkarätige Intellektuelle gesehen, die sich am Ende von Cyrano de Bergerac heimlich eine Träne zerdrückten – was niemanden erstaunen sollte, denn wenn die Strategie eines Dramas bewusst und gekonnt darauf abzielt, das Publikum zu Tränen zu rühren, bringt sie die Leute ungeachtet ihres Bildungsstandes zum Weinen. Das ist kein ästhetisches Problem: Grosse Kunstwerke müssen nicht unbedingt eine Gefühlsreaktion hervorrufen, während das vielen schlechten Filmen und Groschenromanen sehr wohl gelingt. Und erinnern wir uns, dass Madame Bovary, eine Figur, die viele Leser zu Tränen gerührt hat, über die Liebesgeschichten, die sie las, zu weinen pflegte.

Im ersten Moment erwiderte ich meinem Freund damals, dieses Phänomen habe weder ontologische noch logische Relevanz und sei nur fur Psychologen von Interesse.

Wir konnen uns mit fiktiven Personen und ihren Taten identifizieren, sagte ich, weil wir, wenn wir ihre Geschichte lesen, gemäß einer narrativen Übereinkunft in ihrer möglichen Welt zu leben beginnen, als ware sie unsere wirkliche Welt. Aber das geschieht nicht nur beim Lesen von erzahlender Literatur.

Viele von uns denken manchmal daran, dass eine geliebte Person plotzlich sterben konnte, und sind dann tief bewegt, wenn nicht zu Tranen geruhrt, obwohl sie wissen, dass die Sache nur vorgestellt und nicht wirklich geschehen ist. Solche Identifikations- und Projektionsphanomene sind vollig normal und eben nur – wiederholte ich – ein Thema für Psychologen. Wenn es optische Tauschungen gibt, bei denen wir eine bestimmte Form größer als eine andere sehen, obwohl wir wissen, dass sie genau gleich gros sind, warum soll es dann nicht auch emotionale Tauschungen geben.

Ich versuchte meinem Freund auch zu zeigen, dass die Fahigkeit einer fiktiven Person, Leser zum Weinen zu bringen, nicht allein von ihren Eigenschaften abhängt, sondern auch von den kulturellen Gewohnheiten der Leser – oder vom Verhältnis ihrer kulturellen Gewohnheiten zur narrativen Strategie. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts weinten, ja schluchzten die Leser uber das Schicksal von Eugene Sues Fleur-de-Marie, wahrend uns heute das Ungluck dieses armen Madchens zynisch kaltlasst. Dagegen waren vor ein paar Jahrzehnten viele Menschen sehr geruhrt uber das Schicksal der Jenny in Erich Segals Love Story, sowohl dem Roman wie dem Film.

Allmählich kam ich dann aber zu der Einsicht, dass man die Frage nicht so leicht abtun kann. Ich musste zugeben, dass es einen Unterschied zwischen dem Weinen uber den vorgestellten Tod einer geliebten Person und dem Weinen über den Tod der Anna Karenina gibt. Zwar nehmen wir in beiden Fallen etwas fur gegeben, was in einer moglichen Welt geschieht: in der Welt unserer Vorstellung im ersten Fall und in der von Tolstoi entworfenen Welt im zweiten. Doch wenn wir später gefragt werden, ob wir die geliebte Person tatsachlich verloren haben, können wir das erleichtert verneinen – so wie man erleichtert aus einem Albtraum erwacht. Werden wir dagegen gefragt, ob Anna Karenina gestorben ist, so müssen wir immer mit Ja antworten, denn dass Anna Karenina Selbstmord begangen hat, ist in allen möglichen Welten wahr.

Mehr noch, wenn es um romantische Liebe geht, leiden wir bei der Vorstellung, von unserer geliebten Person verlassen zu werden, und manche, die tatsächlich verlassen worden sind, sehen sich zum Selbstmord getrieben. Aber wir leiden nicht allzu sehr, wenn einer unserer Freunde von seiner Liebsten verlassen wird. Gewiss haben wir Mitleid mit ihm, aber ich habe noch nie gehoört, dass jemand Selbstmord begangen hatte, weil einer seiner Freunde verlassen worden ist. Daher klingt es schon recht seltsam, dass nach Erscheinen von Goethes Leiden des jungen Werther, dessen Held aus Liebeskummer Selbstmord begeht, viele romantische junge Leser ebenfalls Selbstmord begingen. Das Phänomen ist als "Werther-Effekt" bekannt geworden. Was bedeutet es, wenn die Leute auf den Hungertod von Millionen real existierender Menschen – darunter vieler Kinder – nur leicht verstört reagieren, aber großen persönlichen Kummer über den Tod der Anna Karenina verspüren? Was bedeutet es, wenn wir tiefes Mitgefühl mit einer Person empfinden, von der wir wissen, dass sie nie existiert hat?

Rezension I Buchbestellung 0I12 LYRIKwelt © Hanser