Schüsse mit Empfangsbescheinigung von Umberto Eco, 2006, hanserUmberto Eco

Schüsse mit Empfangsbescheinigung, Neue Streichholzbriefe
(Leseprobe aus: Schüsse mit Empfangsbescheinigung, Neue Streichholzbriefe, 2006, Hanser - Übertragung Burkhart Kroeber)

Die Wunder des Dritten Jahrtausends. Drei Prophezeiungen gratis, vielleicht falsche

Die Debatte über den wahren Beginn des neuen Jahrtausends ist noch längst nicht zu Ende, man braucht nur die Zeitungen und Magazine durchzublättern. Also treffen wir eine drakonische Entscheidung. Ich lese gerade wieder einmal den 1903 erschienenen Zukunftsroman Le meraviglie del Duemila (»Die Wunder des Dritten Jahrtausends«) von Emilio Salgari, dem »italienischen Jules Verne«, wie er gern genannt wird. Darin werden zwei Personen in so etwas wie einen Winterschlaf versetzt und wachen im Jahre 2003 wieder auf. Was finden sie dort? Flugboote mit schlagenden Flügeln, riesige stählerne Elefanten, die mit ihren Rüsseln den Müll in den Städten aufsaugen, Züge, die mit hundert Kilometer pro Stunde durch unterseeische Tunnel rasen, pneumatische Rohrpost, die schnell wie die E-Mail ans Ziel gelangt, vollautomatisierte Fabriken, die allein mit Elektrizität betrieben werden, und – hört, hört – eine Krise des Sozialismus.

Salgari spricht von Duemila für das Jahr 2003, aber er wäre offensichtlich bereit, auch das Jahr 2999 ins Duemila zu setzen. So wie wir, wenn wir von den dreißiger Jahren sprechen, die Zeit von Januar 1930 bis Dezember 1939 meinen. Voilà, das ist die Lösung: Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrtausende werden zwar anders »numeriert«, aber in der Alltagssprache von Null an gezählt: die Fünfzigerjahre, das Zwanzigste Jahrhundert. Vor wenigen Tagen hat nun das Dritte Jahrtausend begonnen, und so werden wir es tausend Jahre lang nennen, in gleicher Weise, wie wir jemanden Philipp oder Emanuel nennen.

Nachdem dies also geklärt ist, bleibt noch die zweite große Plage der letzten zwölf Monate, nämlich daß man von allen Seiten aufgefordert wird, Prophezeiungen für das Dritte Jahrtausend zu machen. Prophezeiungen sollte man niemals machen, es sei denn, man hat göttliche Ein gebungen. Aber man kann, wie es jeder tut, der zum Beispiel eine Urlaubsreise antritt und sich überlegt, wie das Wetter sein wird oder was er am Strand von Varazze finden könnte, ein paar vorsichtige Prognosen wagen.

Vorsichtige, denn es braucht bloß in sechs Monaten ein riesiger Meteorit ins Mittelmeer zu stürzen, und Ligurien wird zu einem Taucherparadies, während Basel sich in den schönsten Strand der Schweiz verwandelt.

Hier also drei Prognosen für das Dritte Jahrtausend. Erstens: Verblassen der Vorstellung und des Begriffs von Brüderlichkeit. Wenn die westliche Zivilisation sich immer spärlicher fortpflanzt und China schon jetzt nur ein Kind pro Familie erlaubt, werden die Kinder des Dritten Jahrtausends nicht mehr wissen, was ein Bruder und eine Schwester sind, und nur noch in Fabeln und Märchen davon lesen, so wie man heute von Wolfsjungen und vom Flachsspinnen liest. Beziehungsweise, Familien mit mehreren Kindern wird es auf die Dauer nur noch in der hintersten Dritten Welt geben, so daß eine Kinderschar als etwas sehr Exotisches angesehen wird, wie ein Harem oder ein Ring in der Nase – nein, sorry, das nicht, denn alle Prognosen benennen den Ring in der Nase als eine Zierde, die sich unter den Jugendlichen der hochentwickelten Länder immer mehr ausbreiten wird.

Zweite Prognose: Verschwinden der Nationalstaaten und der Archipele von »Zwillingsstädten«, die durch gemeinsame Produktions- und Handelsinteressen zusammengehalten werden, wie Biella und Kuala Lumpur oder München und Harare. Verschwinden werden damit auch die Nationalsprachen als etwas, das man in der Schule lernt, aber es wird auch nicht eine gemeinsame Weltsprache übrigbleiben, sei sie nun das Englische oder das Chinesische. Wir werden es eher so machen wie im Römischen Reich.

Nehmen wir den Apostel Paulus. Geboren in Kilikien (heute wäre er also ein Türke), war er dazu erzogen worden, griechisch zu sprechen und zu schreiben, doch er besuchte die Synagoge und hatte gelernt, die Torah auf hebräisch zu lesen. In Jerusalem sprach er dann aramäisch, aber wenn er nach seinem Paß gefragt wurde, antwortete er auf lateinisch »civis romanus sum«, und ich weiß nicht, in welcher Sprache er am Ende (so heilig er war) seine Henker verflucht haben wird.

Letzte Prognose: Ende der Ethik. Eine Ethik verlangt ein Modell des Lebens, das zu befolgen schwierig ist und eine gewisse Anstrengung erfordert. Die Medien werden jedoch als Lebensmodelle immer mehr Personen mit sehr wenig heroischen Tugenden propagieren, die jedoch für alle zum Vorbild geworden sind, weil sie unentwegt im Fernsehen, in der Presse oder im Internet erscheinen. Nicht die heilige Katharina oder Florence Nightingale, sondern Lady Di oder Monica Lewinsky. Alle auf die Altäre! Prost Neujahr.

(6. Januar 2000)

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