Die
geheimnisvolle Flamme der Königin Loana
(Leseprobe aus: Die
geheimnisvolle Flamme der Königin Loana, 2004, Hanser,
Übertragung Burkhart Kroeber)
1.
Der grausamste Monat
»Und wie heißen Sie?«
»Warten Sie, ich hab’s auf der Zunge.«
So hatte das Ganze angefangen.
Ich war wie aus einem langen Schlaf erwacht, aber um mich herum lag alles noch
in einem milchigen Grau. Oder ich war gar nicht wach, ich träumte. Es war ein
seltsamer Traum: ohne Bilder, nur Töne. Als
ob ich nichts sah, nur Stimmen hörte, die mir erzählten, was ich se-hen
sollte. Und sie erzählten mir, daß ich noch nichts richtig sah, nur ein
nebliges Wabern längs der Kanäle, wo die Landschaft verschwamm. Brügge, sagte
ich mir, ich war in Brügge. War ich jemals in der toten Stadt Brügge gewesen?
Wo der Nebel zwischen den Türmen wabert wie der träumende Weihrauch? Eine
graue Stadt, traurig wie ein chrysanthemenbekränztes Grab, wo der Nebel
zerschlissen wie ein alter Wandteppich an den Fassaden hängt…
Meine Seele putzte die Scheiben der Trambahnfenster blank, um in den mobilen
Nebel der Ampeln zu tauchen. Nebel, mein kontaminierter Bruder… Ein dichter,
undurchdringlicher Nebel, der die Geräusche dämpfte und formlose Gespenster
auftauchen ließ… Schließlich gelangte ich an einen tiefen Abgrund und sah
eine riesenhafte Gestalt, eingehüllt in ein Grabtuch, und die Hautfarbe dieser
Gestalt glich dem makellosen Weiß des Schnees. Mein Name ist Arthur Gordon Pym.
Ich kaute den Schnee. Die Gespenster zogen vorüber, streiften mich und lösten
sich auf. Die fernen Lampen flackerten wie Irrlichter auf einem Friedhof…
Jemand geht neben mir, lautlos, als wäre er barfuß, er geht ohne Absätze,
ohne Schuhe, ohne Sandalen, ein Nebelschwaden streift mich an der Wange, eine
Handvoll Betrunkener grölt unten, am Ende der Fähre. Fähre? Das sage nicht
ich, es sind die Stimmen.
Der Nebel kommt auf kleinen Katzenpfoten… Es war ein Nebel, der aussah, als hätte
man die Welt weggenommen.
Und doch war mir ab und zu, als öffnete ich die Augen und sähe Lichter. Ich hörte
Stimmen: »Das ist nicht mehr richtiges Koma… Nein, Signora, denken Sie nicht
an das flache EEG, ich bitte Sie… Da ist Reaktionsbereitschaft…«
Jemand leuchtete mir in die Augen, aber nach dem Licht war es wieder dunkel. Ich
spürte den Stich einer Nadel, irgendwo. »Sehen Sie, da ist Bewegungsvermögen…«
Maigret taucht in einen so dichten Nebel, daß er nicht einmal sieht, wohin er
die Füße setzt… Der Nebel wimmelt von menschlichen Gestalten, er brodelt von
einem prallen und geheimnisvollen Leben. Maigret? Elementar, lieber Watson, es
sind zehn kleine Negerlein, es ist der Nebel, in dem der Hund von Baskerville
verschwindet.
Der Vorhang aus grauem Rauch verlor allmählich seine graue Färbung, die
Temperatur des Wassers war sehr gestiegen und seine milchige Tönung deutlicher
denn je… Dann stürzten wir in die Umarmungen des Katarakts, wo sich ein
Abgrund öffnete, um uns zu verschlingen.
Ich hörte Leute um mich her reden, ich wollte rufen und ihnen zu verstehen
geben, daß ich da war. Ein Sirren war zu hören, als würde ich von einer
Foltermaschine mit nadelscharfen Zähnen zerrissen. Ich war in der Strafkolonie.
Ich spürte ein Gewicht am Kopf, als hätte man mir die eiserne Maske angelegt.
Mir war, als sähe ich hellblaue Lichter.
»Da ist Asymmetrie im Durchmesser der Pupillen.«
Bruchstücke von Gedanken schwirrten mir durch den Kopf, sicher wachte ich
gerade auf, aber ich konnte mich nicht bewegen. Wenn ich doch nur wach bleiben könnte.
Habe ich wieder geschlafen? Stunden, Tage, Jahrhunderte?
Der Nebel kam wieder, die Stimmen im Nebel, die Stimmen, die über den Nebel
redeten. Seltsam, im Nebel zu wandern! Mir schien, ich schwamm in einem Meer,
ich war nahe am Strand, aber ich konnte
ihn nicht erreichen. Niemand sah mich, und die Flut trug mich wieder hinaus.
Bitte sagt etwas zu mir, bitte berührt mich. Ich spürte eine Hand auf der
Stirn. Welche Erleichterung! Eine andere Stimme: »Signora, es gibt Beispiele
von Patienten, die plötzlich aufwachen und aus eigener Kraft davonspazieren.«
Jemand störte mich mit einem blinkenden Licht, mit einer vibrierenden
Stimmgabel, es war, als hielte man mir ein Gläschen Senf unter die Nase, dann
eine Knoblauchzehe. Die Erde hat einen Geruch von Pilzen.
Andere Stimmen, aber jetzt von innen: Lange Klagerufe von Dampflokomotiven,
Priester im Nebel, die undeutlich im Gänsemarsch nach San Michele in Bosco
gehen.
Der Himmel ist aschgrau. Nebel überall, Nebel stromauf, Nebel stromab, Nebel,
der in die Hände der kleinen Streichholzverkäuferin beißt. Die Passanten auf
den Brücken der Hundeinsel blicken in einen tiefhängenden Himmel aus Nebel,
selbst eingehüllt in den Nebel, als säßen sie in einer unter dem braunen
Nebel schwebenden Mongolfiere, nie hätt’ ich gedacht, daß der Tod so viele hätt’
hingemacht. Geruch von Bahnhof und Ruß.
Ein anderes Licht, weniger scharf. Mir ist, als hörte ich durch den Nebel den
Klang der schottischen Dudelsäcke über die Heide dringen.
Weiterer langer Schlaf, vielleicht. Dann eine Aufhellung, sembra d’essere in
un bicchiere di acqua e anice – als wär’s in einem Glas Wasser mit
Anisschnaps…
Er stand vor mir, auch wenn ich ihn nur undeutlich sah. Mir brummte der Kopf,
als wäre ich nach einem schweren Rausch aufgewacht. Ich glaube, ich murmelte
etwas mühsam, als ob ich in diesem Moment zum ersten Mal anfing zu sprechen: »Posco,
reposco, flagito regieren den Infinitiv Futur? Cuius regio, eius religio… Ist
das der Augusteische Frieden oder der Prager Fenstersturz?« Und dann: »Nebel
auch auf dem Tratto Appenninico der Autostrada del Sole, zwischen Roncobilaccio
und Barberino del Mugello…«
Er lächelte mir verständnisvoll zu: »Jetzt öffnen Sie mal die Augen richtig
und versuchen, sich umzusehen. Begreifen Sie, wo wir sind?« Jetzt sah ich ihn
deutlicher, er trug einen weißen – wie sagt man? – Kittel. Ich drehte die
Augen, und es gelang mir, auch den Kopf zu bewegen: Der Raum war nüchtern und
sauber, wenige kleine Möbel, aus Metall und in hellen Farben, ich lag in einem
Bett, mit einer Kanüle im rechten Arm. Ein Sonnenstrahl kam durchs Fenster
herein, zwischen den Stäben der heruntergezogenen Jalousie, Frühling glänzt
ringsum in der Luft und frohlocket über den Feldern. Ich murmelte: »Wir
sind… in einer Klinik, und Sie… Sie sind ein Arzt. Ist es mir schlimm
ergangen?«
»Ja, ziemlich schlimm, ich erklär’s Ihnen später. Aber jetzt sind Sie
wieder zu Bewußtsein gekommen. Machen Sie sich keine Sorgen. Ich bin Doktor
Gratarolo. Entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen ein paar Fragen stelle. Wie viele
Finger zeige ich Ihnen hier?«
»Das ist eine Hand, und das sind Finger. Und es sind vier. Sind es vier?«
»Richtig. Und wieviel ist sechs mal sechs?«
»Sechsunddreißig, das ist doch klar.« Die Gedanken purzelten mir durch den
Kopf, aber sie kamen ganz von allein. »Die Summe der Flächeninhalte der
Quadrate… über den Katheten… ist gleich dem Flächeninhalt des Quadrates über
der Hypothenuse.«
»Kompliment. Ich glaube, das ist der Satz des Pythagoras, aber in Mathematik
hatte ich im Gymnasium eine Fünf…«
»Pythagoras von Samos. Die euklidischen Elemente. Die verzweifelte Einsamkeit
der Parallelen, die sich niemals begegnen…«
»Ihr Gedächtnis scheint ja in bester Verfassung zu sein. Bei der Gelegenheit
übrigens: Wie heißen Sie?«
Das war’s, hier zögerte ich. Dabei hatte ich’s auf der Zunge. Nach einer
kurzen Pause gab ich die selbstverständlichste Antwort.
»Ich heiße Arthur Gordon Pym.«
»Nein, so heißen Sie nicht.«
Sicherlich war Arthur Gordon Pym ein anderer. Er ist nicht zurückgekommen. Ich
versuchte, mit dem Doktor eine Vereinbarung zu treffen.
»Nennt mich… Ismael?«
»Nein, Sie heißen nicht Ismael. Strengen Sie sich an.«
Ein Wort, ein Name. Wie wenn man gegen eine Wand hämmert. Euklid oder Ismael zu
sagen war mir leichtgefallen, wie wenn man Rumpelstilzchen sagt, oder Ambarabà
ciccì coccò, drei Käuzchen auf dem Vertiko… Aber zu sagen, wer ich war –
das war, wie sich umzudrehen, und hinter mir war die Wand. Nein, keine Wand,
etwas anderes, ich versuchte es zu erklären: »Es ist nichts Festes, nichts
Hartes, es ist, als wenn man im Nebel geht.«
»Wie ist der Nebel?« fragte er.
»La nebbia agli irti colli piovigginando sale e sotto il maestrale urla e
biancheggia il mar… Der Nebel steigt nieselnd die stachligen Hügel hinauf,
und unter dem Mistral brüllt und gischtet das Meer… Wie ist der Nebel?«
»Bringen Sie mich nicht in Verlegenheit, ich bin nur ein Mediziner. Außerdem
haben wir April, ich kann Ihnen keinen Nebel vor Augen führen. Heute ist der
25. April.«
»April ist der grausamste Monat.«
»Ich bin nicht sehr belesen, aber das klingt wie ein Zitat. Sie hätten auch
sagen können, heute ist der Tag der Befreiung, il giorno della Liberazione, der
Tag der Befreiung vom Faschismus. Wissen Sie, welches Jahr wir haben?«
»Sicher eines nach der Entdeckung Amerikas…«
»Erinnern Sie sich nicht an ein Datum, irgendein Datum vor… vor Ihrem
Aufwachen?«
»Irgendein Datum? 1945, Ende des Zweiten Weltkriegs.«
»Das ist mir zuwenig. Heute ist der 25. April 1991. Sie sind Ende 1931 geboren,
wenn ich nicht irre, also sind Sie jetzt annähernd sechzig.«
»Neunundfünfzigeinhalb, noch nicht mal ganz.«
»Mit Ihrer Rechenfähigkeit steht es bestens. Sie müssen wissen, Sie haben –
wie soll ich sagen? – einen Unfall gehabt. Sie sind mit dem Leben
davongekommen, gratuliere. Aber ganz offensichtlich ist da noch etwas zurückgeblieben,
ein Funktionsdefizit. Eine kleine Form von retrograder Amnesie. Keine Sorge, das
dauert manchmal nur kurz. Bitte seien Sie so freundlich und beantworten Sie mir
noch ein paar Fragen. Sind Sie verheiratet?«
»Sagen Sie’s mir.«
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