Wie ich schreibe
(aus: Die Bücher und das
Paradies, 2003, Hanser)
Die frühen Anfänge
Als Autor narrativer Werke bin ich ein eher
anomales Subjekt. Denn ich habe im Alter von acht bis fünfzehn angefangen, Erzählungen
und Romane zu schreiben, dann habe ich aufgehört, um es erst mit annähernd fünfzig
neu zu versuchen. Vor diesem Ausbruch lange gereifter Schamlosigkeit habe ich
mehr als dreißig Jahre in vorgeblicher Scham gelebt. Ich sage »vorgeblich«.
Dazu gleich mehr. Aber gehen wir der Reihe nach vor, also machen wir, wie es
meine erzählerische Gewohnheit ist, einen Schritt zurück.
Angefangen mit dem Romanschreiben habe ich so: Ich nahm ein Heft und schrieb die
Titelseite. Der Titel klang nach Salgari, denn seine Romane waren meine Quellen
(zusammen mit denen von Verne,
Boussenard und Jacolliot in den Jahrgängen 1911– 1921 des Giornale illustrato
dei viaggi e delle avventure di terra e di mare, die ich in einer Kiste im
Keller entdeckt hatte). Also Titel wie Gli scorridori del Labrador (Die
Kundschafter von Labrador) oder Lo sciabecco fantasma (Der Geisterkahn). Dann
schrieb ich unten den Verlag hin, er hieß Tipografia Matenna (eine kühne
Zusammenziehung von matita und penna, Bleistift und Feder). Danach machte ich
mich an die Auswahl der Illustrationen, die alle zehn Seiten eingefügt werden
sollten, nach dem Muster der Illustrationen von Della Valle oder Amato in den
Salgari-Ausgaben.
Die Auswahl der Illustrationen bestimmte die Geschichte, die ich dann schreiben
mußte. Tatsächlich schrieb ich einige Seiten des ersten Kapitels. Doch um die
Sache richtig professionell aussehen zu lassen, schrieb ich in Blockschrift,
ohne mir irgendwelche Korrekturen zu erlauben. Versteht sich, daß ich das
Unternehmen nach einigen Seiten abbrach. So war ich zu jener Zeit nur der Autor
großer unvollendeter Romane.
Von dieser Produktion (die bei irgendeinem Umzug verlorengegangen ist) habe ich
nur noch ein Werk, das zwar vollendet, aber von unbestimmter Gattung ist. Ich
hatte eine Art großes Schreibheft geschenkt bekommen, dessen Seiten feine
waagerechte Linien und breite veilchenblaue Ränder aufwiesen. Das brachte mich
auf die Idee (auf der Titelseite steht das Datum 1942, XXI Era Fascista, wie es
damals Pflicht und Brauch war), ein Werk namens In nome del »Calendario« zu
schreiben, das Tagebuch eines Zauberers Pirimpimpino, des Entdeckers,
Kolonisators und Reformators einer Insel im Arktischen Eismeer namens Ghianda,
deren Bewohner den Gott Calendario anbeteten. Dieser Pirimpimpino notierte Tag für
Tag mit großer dokumentarischer Pingeligkeit Fakten und (wie ich heute sagen würde)
sozio-ethnologische Strukturen seines Volkes, wobei er diese trockenen Aufzählungen
mit kleinen literarischen Übungen auflockerte. Zum Beispiel finde ich da eine
»futuristische Erzählung«, die so geht: »Luigi war ein tapferer Mann,
weshalb er sich, nachdem er die Teller der Häsinnen geküßt hatte, in den
Lateran begab, um das passato prossimo zu kaufen [...] Doch unterwegs fiel er in
einen Berg und starb. Erschütterndes Beispiel für Heroismus und Philanthropie,
wurde er von den Telegrafenmasten beweint.«
Im übrigen beschrieb (und zeichnete) der Ich-Erzähler die Insel, über die er
herrschte, mit Wäldern, Seen, Küsten und bergigen Gegenden, erging sich über
seine sozialen Reformen, über Riten und Mythen seines Volkes, stellte seine
Minister vor, berichtete von Kriegen und Pestilenzen... Der Text alternierte mit
Zeichnungen, und die Erzählung (die keinerlei Regeln irgendwelcher Gattungen
gehorchte) mündete in die Enzyklopädie – und mit dem Wissen von heute sieht
man, wie die Kühnheiten der Kindheit die Schwächen des Erwachsenen
determinieren können.
Als ich nicht mehr wußte, was ich der Insel und ihrem Herrscher noch
widerfahren lassen sollte, ließ ich ihn auf Seite 29 mit den Worten schließen:
»Ich werde eine lange Reise unternehmen... Vielleicht werde ich auch nicht
wiederkommen. Ein kleines Geständnis: In den ersten Tagen habe ich mich als
Zauberer bezeichnet. Das war gelogen, ich heiße nur Pirimpimpino. Verzeiht mir.«
Nach diesen Versuchen beschloß ich, mich auf Comics zu verlegen, und brachte
tatsächlich einige zustande. Hätte es damals schon Fotokopierer gegeben, ich hätte
sie weit verbreitet. Statt dessen schlug ich meinen Schulkameraden vor, um der
Ressourcenknappheit meiner Schreibwerkstatt abzuhelfen, mir so viele Lagen
Karopapier zu geben, wie das Album Seiten enthielt, plus einige zur Kompensation
der aufgewandten Mühe und Tinte, und versprach ihnen, entsprechend viele Kopien
des Abenteuers zu produzieren. Ich fertigte alle Verträge aus, ohne mir bewußt
zu machen, wie mühsam es sein würde, zehnmal denselben Comic zu zeichnen. Am
Ende mußte ich das Papier beschämt zurückgeben, gedemütigt für mein
Scheitern nicht als Autor, sondern als Verleger.
In der Unterstufe des Gymnasiums schrieb ich Erzählungen, weil damals die
traditionellen Schulaufsätze mit vorgegebenen Themen durch sogenannte »Chroniken«
ersetzt worden waren, in denen man frei gewählte Erlebnisse erzählen sollte.
Ich glänzte mit humoristischen Stücken. Mein Lieblingsautor war damals P.
G. Wodehouse. Mein Meisterwerk besitze ich noch: die Beschreibung, wie ich
einmal vor Nachbarn und Verwandten, nach langer Vorbereitung und vielen
Versuchen, ein technisches Wunderwerk vorgeführt hatte: eines der ersten
unzerbrechlichen Gläser, das ich triumphierend zu Boden fallen ließ, wo es natürlich
in Scherben ging.
Rezension I Buchbestellung II03 LYRIKwelt © Hanser-Verlag