Baudolino
(Leseprobe aus: Baudolino,
Roman, 2001, Hanser)
"In jenen Tagen
des Wartens, Kyrios Niketas, war ich von gegensätzlichen Gefühlen beherrscht. Ich
brannte vor Begierde, sie wiederzusehen, ich fürchtete, sie nie wiederzusehen, ich sah
sie umstellt von tausend Gefahren, mit einem Wort, ich machte alle Gefühle durch, die zur
Liebe gehören, nur nicht die Eifersucht."
"Hast du nicht daran gedacht, daß die Große Mutter sie gerade jetzt zu den
Befruchtern schicken könnte?"
"Ein solcher Zweifel ist mir nie gekommen. Vielleicht dachte ich, weil ich wußte,
wie sehr ich inzwischen der ihre war, sie sei in solchem Grade die meine, daß sie es
ablehnen würde, sich von anderen berühren zu lassen. Ich habe lange darüber
nachgedacht, hinterher, und bin zu dem Schluß gekommen, daß vollkommene Liebe keinen
Platz für Eifersucht läßt. Eifersucht ist Verdacht, Furcht und Verleumdung zwischen
Liebenden, und der Apostel Johannes hat gesagt, daß die vollkommene Liebe alle Furcht
vertreibt. Ich empfand keine Eifersucht, aber ich versuchte ständig, mir ihr Gesicht vor
Augen zu halten, und es gelang mir nicht. Ich erinnerte mich an das, was ich empfunden
hatte, wenn ich sie ansah, aber ich konnte sie mir nicht vorstellen. Dabei tat ich
während unserer Begegnungen nichts anderes, als sie unverwandt anzusehen . . ."
"Ich habe gelesen, daß es heftig Liebenden so ergeht . . .", sagte Niketas mit
der Verlegenheit dessen, der eine so überwältigende Leidenschaft nie selber erfahren
hat. "Ist es dir bei Beatrix und bei Colandrina nicht so ergangen?"
"Nein, nicht in dem Maße, daß es mich so hätte leiden lassen. Ich glaube, bei
Beatrix habe ich vor allem die Idee der Liebe kultiviert, ich brauchte kein reales
Gesicht, und außerdem hätte ich es als Sakrileg empfunden, mir ihre körperlichen Züge
vorzustellen. Was Colandrina betraf, so ist mir klargeworden - nachdem ich Hypatia
kennengelernt hatte -, daß es bei ihr keine Leidenschaft war, sondern eher Freude,
Zärtlichkeit, innigste Zuneigung, wie ich sie, Gott vergebe mir, für eine Tochter oder
eine kleine Schwester hätte empfinden können. Ich glaube, es geht allen Verliebten so,
aber in jenen Tagen war ich überzeugt, daß Hypatia die erste Frau war, die ich wirklich
liebte - und sicher war sie das auch und ist es noch und wird es immer bleiben. Später
begriff ich, daß wahre Liebe ihren Wohnsitz im innersten Herzen aufschlägt und dort Ruhe
findet, aufmerksam für ihre nobelsten Geheimnisse, und daß sie nur selten in die Räume
der Vorstellung zurückkehrt. Deshalb gelingt es ihr nicht, die körperliche Gestalt der
abwesenden Geliebten zu reproduzieren. Nur die Liebe zur Unzucht, die nie bis ins Innerste
des Herzens eindringt und sich allein von lüsternen Phantasien ernährt, vermag solche
Bilder zu produzieren."
Niketas schwieg, doch es fiel ihm sichtlich schwer, seinen Neid zu beherrschen.
Ihre Wiederbegegnung war schüchtern und bewegt. Hypatias Augen strahlten vor Glück, aber
gleich darauf senkte sie schamhaft den Blick. Sie setzten sich ins Gras. Akazio weidete
friedlich in geringer Entfernung. Die Blumen ringsum dufteten mehr als gewöhnlich, und
Baudolino fühlte sich, als hätte er gerade ein Schlückchen burq gekostet. Er wagte
nicht zu sprechen, aber schließlich rang er sich dazu durch, weil die Intensität ihres
Schweigens ihn sonst zu einer unkontrollierten Bewegung hingerissen hätte.
Erst jetzt verstand er, warum er hatte erzählen hören, daß die wahren Liebenden bei
ihrem ersten Liebesgespräch erbleichen, zittern und immer wieder verstummen. Es
geschieht, weil die Liebe, da sie sowohl das Reich der Natur wie das der Seele beherrscht,
alle Kräfte beider auf sich zieht, wie immer sie sich auch bewegt. So bringt die Liebe,
wenn die wahren Liebenden sich begegnen, alle Funktionen des Körpers ins Stocken und fast
zum Stillstand, sowohl die körperlichen wie die geistigen: Die Zunge weigert sich zu
sprechen, die Augen zu sehen, die Ohren zu hören, und jedes Glied entzieht sich seiner
Pflicht. Dies hat zur Folge, daß der Körper, wenn die Liebe sich allzu lange im
innersten Herzen aufhält, seiner Kräfte beraubt verfällt. An einem bestimmten Punkt
jedoch wirft das Herz, wegen der Ungeduld der Liebesglut, die es empfindet, seine
Leidenschaft gleichsam hinaus und erlaubt damit dem Körper, seine Funktionen wieder
aufzunehmen. Und dann spricht der Liebende.
"So ist es", sagte Baudolino, ohne zu erklären, was er empfand und was er
gerade verstanden hatte, "all die schönen und schrecklichen Dinge, die du mir
erzählt hast, sind das, was euch die weise Hypatia gelehrt hat . . ."
"O nein", sagte sie, "ich habe dir gesagt, daß unsere Ahninnen, als sie
fliehen mußten, alles vergessen hatten, was Hypatia sie gelehrt hatte, außer der Pflicht
zur Erkenntnis. Durch Meditation haben wir dann immer mehr von der Wahrheit entdeckt. Jede
von uns hat während dieser Jahrtausende nachgedacht über die Welt, die uns umgibt, und
über das, was sie in ihrer Seele empfand, und so ist unser Bewußtsein Tag für Tag
reicher geworden, und das Werk ist noch nicht vollendet. Vielleicht waren in dem, was ich
dir gesagt habe, auch ein paar Dinge, die meine Gefährtinnen noch nicht verstanden haben
und die mir erst aufgegangen sind, als ich versuchte, sie dir zu erklären. So macht jede
von uns sich weise, indem sie den anderen erklärt, was sie fühlt, und während sie es
erklärt, lernt sie es selber verstehen. Wenn du nicht hier bei mir wärest, hätte ich
mir selbst vielleicht einige Dinge nicht so klar gemacht. Du warst mein guter Geist, mein
gütiger Archont, Baudolino."
"Sind alle deine Gefährtinnen so klar und beredt wie du, meine liebreizende
Hypatia?"
"Oh, ich bin unter ihnen die letzte. Manchmal machen sie sich über mich lustig, weil
ich nicht ausdrücken kann, was ich empfinde. Ich muß noch wachsen, verstehst du? Aber in
diesen Tagen habe ich mich stolz gefühlt, als hätte ich ein Geheimnis, das sie nicht
kennen, und - ich weiß nicht, warum - ich habe es lieber für mich behalten. Ich verstehe
nicht recht, was mit mir geschieht, es ist, als ob . . . als ob ich das alles lieber zu
dir sagte als zu ihnen. Meinst du, das ist etwas Schlechtes, bin ich unlauter zu
ihnen?"
"Du bist lauter zu mir."
"Bei dir ist es leicht. Ich glaube, dir könnte ich alles sagen, was mir durch den
Sinn geht und ins Herz kommt. Auch wenn ich nicht sicher wäre, ob es richtig ist. Weißt
du, was mir in diesen Tagen passiert ist, Baudolino? Ich habe von dir geträumt. Wenn ich
morgens aufgewacht bin, habe ich gedacht, das wird ein schöner Tag, weil du irgendwo in
der Nähe warst. Dann habe ich dich nicht gesehen und dachte, der Tag wird häßlich. Es
ist seltsam, gewöhnlich lacht man, wenn man glücklich ist, und weint, wenn man leidet,
aber mir passiert es neuerdings, daß ich im gleichen Augenblick lache und weine. Bin ich
vielleicht krank? Dann ist es jedoch eine wunderschöne Krankheit. Ist es recht, seine
eigene Krankheit zu lieben?"
"Du bist hier die Magistra, liebste Freundin", sagte Baudolino lächelnd,
"du darfst mich nicht fragen, auch weil ich, glaube ich, dieselbe Krankheit
habe."
Rezension I Buchbestellung III01 LYRIKwelt © Hanser-Verlag