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Das entfernte Ufer
(Leseprobe aus:
Das entfernte Ufer, Roman, 2008, Tropen-Verlag
- Übertragung Bettina Abarbanell).
Es war völlig dunkel, Mitternacht, die Hitze hätte längst nachgelassen haben müssen. Dann fielen die ersten Bomben. Die armen Seelen da unten, diese armen Schweine hatten keine Ahnung, dass wir sie vom Dach des höchsten Gebäudes der Stadt aus beobachteten, sechs Paar Augen in der Nacht, und den am Himmel kreisenden AC -130-Phantomen Schützenhilfe leisteten. Wenn sie zu dicht am Stadtrand feuerten, wiesen wir sie an, sich ein wenig zurückzuziehen. Drehten sie ihre Runden dagegen zu weit draußen über der Wüste, so dass die Stadt die Erschütterungen nicht mehr spürte, lotsten wir sie wieder näher heran. Es war eine Gratwanderung, ein Drahtseilakt , eine Herausforderung, die wir liebten. Wir waren Späher auf dem Dach, Aufklärer in einer Stadt, die von Kriegsherren und ihren Klans beherrscht wurde.
Mir war wieder übel von der Hitze. Wir hockten seit vor dem Morgengrauen hier oben auf dem Dach, und jetzt war es Mitternacht, und ich konnte die Augen kaum noch offen halten.
Fizer und Heath passten im Treppenhaus auf, ob irgendjemand das Gebäude betrat, der uns gefährlich werden konnte. Ständig landeten Fliegen auf meinen Händen und meinem Gesicht, liefen hin und her und versuchten, mir in Mund, Nase, Augen und Ohren zu krabbeln.
Die vom Meer abgewandte Seite des Gebäudes war mit einem riesigen Bündel Bananen bemalt, die Meerseite mit einer Bananenstaude, an der büschelweise reife, gelbe Früchte hingen. Die Bilder waren durch den ganzen Sand und die Sonne verblasst . Das Gebäude, ausgeplündert und dem Krieg überlassen, stand vollkommen leer.
Jeder von uns hatte einen »Kampfkumpel«: Fizer und Heath bildeten ein Paar, Cooper und ich, Santiago und Zeller. Ich lag auf dem Bauch, den Osten der Stadt im Visier, und spürte, wie die vom Tag übriggebliebene Hitze aufstieg und meinen Körper durchdrang. Irgendwo da draußen jenseits der Stadt, vielleicht acht Kilometer entfernt, war das Meer, doch ich konnte es in der Dunkelheit nicht sehen. Die Stadt selbst war nur als ein Schatten erkennbar, ein wenig dunkler als der nächtliche Himmel. Es war eine ziemliche Distanz vom siebzehnten Stock bis zum Boden, und abgesehen vom Leuchten der Sterne gab es nichts, was die Welt dort unten erhellte. Ich steckte die Nachtsichtbrille wieder ins Etui. Ich bekam Kopfschmerzen, wenn ich sie trug.
Cooper lag rechts von mir, bäuchlings wie ich, und beobachtete durchs Fernglas den südlichen Teil der Stadt. Es war ein großes Gebiet, das er überwachte, von den Flugzeugen in der Ferne bis zur Dunkelheit auf der Straße unter uns. Zeller war für den Norden zuständig und Lieutenant Santiago für den Westen, meistens marschierte er aber zwischen uns auf und ab. Vielleicht hielt er das für die Aufgabe eines Anführers: zwischen den Positionen hin und her laufen, nach dem Rechten sehen, Mut zusprechen. Er ging gebückt, damit keiner, der unten vorbeikam und zufällig nach oben schaute, seinen Umriss sah. Doch in dieser gottverlassenen Stadt schaute anscheinend nie jemand nach oben.
Fast eine Million Menschen lebten da unten, und die meisten waren vermutlich gerade aus dem Schlaf hochgeschreckt . Die Stadt selbst hatte von Westen nach Osten eine Ausdehnung von vielleicht sechzehn Kilometern, aber außerhalb ihrer Grenzen standen die Hütten und Zelte bis fast an den Horizont. Es gab keinen Strom, daher war es nachts stockdunkel. Ein Großteil der Bevölkerung hungerte. In der Vorbesprechung für diesen Einsatz hatte man uns gesagt, dass jeden Tag um die zweihundert Menschen an Hunger stürben und dass die Sterbenden durch einen steten Zufluss von Menschen ersetzt würden, die auf der Suche nach einem besseren Leben vom Land in die Stadt drängten. Beim Gedanken an all diese Menschen, die da verzweifelt und verängstigt in der Dunkelheit träumten, kam ich mir klein vor.
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