Taxi von Karen Duve, 2008, Eichborn

Karen Duve

Taxi
(Leseprobe aus: Taxi, Roman, 2008, Eichborn)

"Ich meldete mich auf eine Anzeige, in der nicht nur Taxifahrer, sondern ausdrücklich auch Taxifahrerinnen gesucht wurden. 1984 war es in Stellenanzeigen noch nicht üblich, jedem Beruf auch eine weibliche Endung anzufügen. Man tat es nur, wenn man andeuten wollte, dass man praktisch jeden nahm."

"Ich hatte trotzdem zugesagt, weil ich fand, dass ich so schnell wie möglich wieder jemanden küssen sollte. Das letzte Mal war jetzt schon über ein Jahr her. Die ganze Zeit, während ich in der Versicherung gearbeitet hatte, war nichts gelaufen. Diese Versicherungspolicen hatten mich richtiggehend gelähmt. Einmal nicht aufgepasst, den falschen Beruf gewählt, und schon hatte ich das Leben eines Mauerblümchens geführt."

"Normalerweise fand ich es aufregend, wenn ich jemanden zum ersten Mal küsste. Vielleicht war ich mir meiner Sache diesmal einfach zu sicher gewesen. Ich küsste höflicherweise noch bis Viertel nach zehn weiter, damit es so aussah, als fiele es mir schwer zu gehen. Aber dann stand ich endgültig auf, um wenigstens noch die Staatsoper mitzunehmen."

"Bevor ich den Taxameter einschalten konnte, drückte er mir vierzig Mark in die Hand.

'Stört es, wenn ich rauche?' Er steckte sich eine an. Nicht genug, dass die Fahrgäste einen vollrauchten, nein, sie zwangen einen noch jedes Mal, zu behaupten, dass es einem nichts ausmachte."

"Und dann waren fünf Jahre um und ich fuhr immer noch Taxi. Zur Reeperbahn. Zum Flughafen. Zum Mittelweg. Ich wartete vor Ampeln. Ich wartete darauf, dass die Fahrgäste endlich ausstiegen. Natürlich gab es noch viel schlimmeres, als Taxifahrerin zu sein, mir fiel bloß nichts ein."

"'Ach, du bist die legendäre Zwodoppelvier? Na endlich. Dich wollte ich schon immer mal kennenlernen.' Taxifahrer haben keine Zeit für lange Einleitungen und subtile Annäherungen. Jeden Moment kann ja ein Fahrgast auftauchen und das Gespräch abrupt beenden. Und bis dahin muss alles gesagt sein."

"Fahrgäste waren Gesindel. Reiche Fahrgäste waren vergoldetes Gesindel. Nette Menschen fuhren nicht Taxi."

"Ich fing an zu weinen. Was ich Dietrich antat, war nicht wieder gutzumachen. Jemanden wie mich würde er nie wieder finden."

"Sowie Majewski das Interesse an mir verloren hatte, würde Dietrich bereitstehen, um mir zu verzeihen und mich mit ausgebreiteten Armen wieder aufnehmen. Ich durfte Majewski auf keinen Fall verlassen. Er war so etwas wie eine Schutzimpfung."

"Es hatte keinen Zweck. Wenn Realitätswahrnehmung und Selbstachtung sich gegenseitig ausschlossen, dann entschieden sich die meisten Leute eben gegen die Realität."

"Wenn man sich erst einmal überwunden hatte, brachte Wegwerfen viel mehr Spaß, als etwas zu kaufen. Und billiger war es auch."

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