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Regenroman
(Leseprobe aus: Regenroman, 2001, Eichborn)
Starke Bewölkung und vereinzelte, zum Teil heftige Schauer, Höchsttemperaturen zwischen 11 und 14 Grad. Wind aus Nord-West, abnehmend 2 bis 3.
»Was sagst du? Was ...?«
Die dünne junge Frau sah angestrengt die Böschung hinunter und lauschte. Sie
stand allein auf dem öden Parkplatz einer Landstraße, allein mit einem
schwarzen 300er Mercedes, einer überquellenden Mülltonne und einem
zugenagelten Wohnwagen ohne Räder, auf dessen Dach ein Holzschild mit der
Aufschrift IMBISS befestigt war. Die dünne jünge Frau hieß Martina Ulbricht.
Sie hatte vor wenigen Wochen geheiratet, und ihr Mann, Leon Ulbricht, mit dem
sie unterwegs war, um ein Haus zu besichtigen und eventuell zu kaufen, war vor
einer Viertelstunde im Gebüsch verschwunden und nicht wieder aufgetaucht. Sie
hatte im Auto gewartet, weil es stark regnete. Aber dann hatte sie sich Sorgen
gemacht, und als der Regen etwas nachließ, war sie ausgestiegen. Es war kalt. Für
Ende Mai war es sogar entschieden zu kalt. Martina trug bloß einen kurzen
gelben Wildlederrock (einen von der Sorte, die mit einer Druckknopfleiste
zusammengehalten wird), dünne Nylonstrumpfhosen und ein viel zu großes
lappiges grünes Sweatshirt. FIT FOR LIFE stand auf der Rückseite des
Sweatshirts. Schon nach einer Minute klebten Martina die kinnlangen, roten Haare
im Gesicht. Aus dem kalligraphischen Schnörkel, den eine Strähne auf ihrer
Stirn beschrieb, leckte Wasser auf ihren Mund herunter. Sie hatte einen großen
Mund - Zähne wie Würfelzucker, die Lippen in den Winkeln wund und ein bißchen
ausgefranst. Er gab ihrem Gesicht einen beängstigenden Zug ins Raubtierhafte.
Aber über diesem Mund saß eine ganz gerade und durchschnittlich große Nase.
Und die Augen lagen so nackt und verschreckt in ihren Höhlen, als wären diese
nicht ihr angestammter Platz, sondern nur ein vorläufiger Zufluchtsort, und es
könnte jederzeit der rechtmäßige Besitzer kommen, Ansprüche geltend machen
und sie wie zwei Murmeln in die Tasche stecken. Alle Details ihrer Physiognomie
zusammengenommen erweckten einen derart vorteilhaften Eindruck, daß wo immer
Martina erschien, die Männer sich strafften wie Vorstehhunde, die Witterung
aufnehmen, während die Frauen bei ihrem Anblick zusammensackten wie mißratene
Kuchen.
Der Regen fiel jetzt leise und gleichmäßig und
verteilte sich auf dem glatten Belag, ohne Pfützen zu bilden. Der Parkplatz war
erst vor kurzem geteert worden. Als Martina zu der Stelle ging, wo Leon mit
einer Packung Tempo-Taschentüchern in der Faust verschwunden war, knirschte
Rollsplit unter ihren Schuhen. Hinter einer kniehohen Abzäunung aus einfachen
Holzbalken führte ein Trampelpfad abwärts. Er war so schmal und überwuchert,
daß man nicht erkennen konnte, ob er schon nach wenigen Metern endete, oder ob
er die steile Böschung hinunter bis zu dem Fluß reichte, der die Landstraße
seit einigen Kilometern begleitete. Martina rief nach Leon. Aus unerwartet großer
Entfernung kam eine Antwort, die so ähnlich wie »Komm runter« klang.
»Was sagst du? Was ... ?«
Er rief noch einmal etwas, aber im selben Moment ratterte auf der anderen Seite
des Flusses ein Zug vorbei, und Martina verstand wieder nichts. Unschlüssig
schabte sie mit einer nylonbestrumpften Wade über die andere und stellte ein bißchen
Reibungswärme her. War es ein Fehler, den Mercedes unbewacht zurückzulassen?
Er stand offen; den Schlüssel hatte Leon eingesteckt. Martina lief ein paar
knirschende Schritte auf die Kurve zu, in der die Landstraße auf den Parkplatz
abzweigte, und reckte den Hals, ob nicht gerade ein Auto mit einem möglichen
Dieb darin einbog. Ein weißer Kleinbus näherte sich - hektische
Scheibenwischer, Gardinen vor den Seitenfenstern - und rauschte Fontänen
spritzend vorbei. Dann war es wieder still bis auf den Regen und das Klopfen des
Eisenbahnzugs in der Ferne. Martina ging zur Böschung zurück und machte sich
an den Abstieg. Der Weg war so zugewachsen, daß sie unter einem Dach aus
triefendem Laub und zwischen Wänden aus Brennesseln, Holunder und riesigen
rhabarberähnlichen Blättern ging. Ein Tunnel, eine grüne Röhre. Tropfen
raschelten in den Blättern. Fette, kalte Pflanzenstengel streiften ihre Hände.
Es roch nach Schlamm, verfaultem Holz und Pilzen. In dem breiweichen Lehmboden
hatte sich das Profil von Leons Stiefeln erhalten wie das geriffelte Fossil
eines Gliederfüßlers aus dem Paläozoikum. Martina faßte rechts und links in
die Büsche, hielt sich an den Zweigen der kleinen Birken fest, damit ihre
flachen, gelben Wildlederschuhe beim Auftreten möglichst wenig einsanken. Aber
ihre Sohlen waren glatt, und sie hatte kaum zehn Schritte auf dem steilen Abhang
zurückgelegt, da rutschte sie auch schon aus. Sie fiel in weiches, altes Laub
und glitschigen Lehm, landete auf dem Rücken, die Beine idiotisch verdreht, den
Rock bis über die Hüften hochgeschoben, zwischen Fanta-Dosen, grauen
Papierklumpen, leeren Haribo-Tüten und halbverwesten Kothaufen.
Einen Moment blieb sie betäubt liegen, biß sich auf die Unterlippe und
betrachtete den Zweig, den sie mit der rechten Hand umklammert hielt. Als sie
ihn losließ, schnellte er zurück, und ein Trommelfeuer schwerer Wassertropfen
prasselte auf sie herunter. Martina rappelte sich hoch, zog den Rock zurecht und
begutachtete den Schaden. Das Sweatshirt klebte ihr wie eine Fangopackung auf
dem Rücken, ihre linke Seite war von oben bis unten verschmiert: ihr Arm, der
Rock, die Strumpfhose - alles! Der linke Schuh war vermutlich ruiniert. Er hatte
sich regelrecht in den Boden hineingebohrt und sah jetzt aus, als hätte sie ihn
als Förmchen benutzt, um Schlammkuchen zu backen.
»Verdammte Scheiße«, murmelte Martina und wischte die linke Hand an einem weißen
Baumstamm ab, dessen unteres Ende mit Pilzen in Farbe und Form von Kinderohren
bewachsen war.
Weniger vorsichtig und ohne sich noch an irgendwelche Pflanzen zu klammern ging
sie weiter. Als der Weg nicht mehr steil bergab führte, sondern eben wurde,
endete auch das Dickicht. Danach waren es nur noch ein paar Meter über Sand und
Steine bis zu dem Fluß. Breit und glanzlos schleppte er sich unter dem
Regenhimmel dahin, und seine Oberfläche krausten unzählige, sich zitternd von
ihren Mitten entfernende Ringe. Am Ufer, fast im Wasser, stand Leon. Er trug
klobige, schwarze Stiefel mit Metallringen an den Seiten, eine schwarze Jeans
und einen schwarzen Anorak, dessen Kapuze er unter dem Kinn fest zugeschnürt
hatte. Er wirkte vor der Landschaft wie ein Tintenfleck auf einem Foto. Leon
hielt einen abgebrochenen Ast in der Hand und betrachtete etwas, das vor ihm im
Fluß lag. Überrascht wandte er sich zu Martina um. Über sein rundes Gesicht
und die runden Brillengläser, die darin steckten, rannen Tropfen. Er war
achtunddreißig Jahre alt. Martina war vierundzwanzig.
»Ich habe doch gerufen, daß du nicht herunterkommen sollst. Wieso bist du
jetzt trotzdem hier?«, sagte er.
»Ich habe ewig auf dich gewartet. Ich dachte schon, dir wäre etwas passiert.
Was hast du denn die ganze Zeit gemacht ?«
Martina wischte sich mit dem Handrücken eine Haarsträhne aus dem Gesicht und
hinterließ einen braunen Streifen auf ihrer Stirn. Sie sah an Leon vorbei, sah
in das Wasser hinter ihm, ins Schilf, dorthin, wo monströs und ekelhaft ein großes,
weißes, weiches Etwas lag.
»Was ist das ?«
Leon wendete den Kopf, als müßte er sich vergewissern, was sie meinte, und
antwortete nicht. Das war auch nicht nötig. Martina sah selber sehr gut, was da
ins Schilf geschwemmt war: eine nackte Frau.
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