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Beim Hute meiner Mutter
(Leseprobe aus: Beim Hute meiner Mutter,
Erzählungen, 2004, Nagel&Kimche,
hrsg. von Peter von Matt)
Kaspar liebte es nicht, wenn der Nebel die Kronen der Bäume
versteckte und der Wind den Blumen den Mund zuhielt, so daß sie
wie tote Vögel auf der Erde lagen, wohl aber liebte er das
radschlagende Licht über den Kirchturmspitzen, die tanzenden
Wellen des Flusses, die die Bäuche der Schiffe an sich preßten, den
durchdringenden Gesang der Vögel. Als Kind, so wenigstens zeigte
es ihm die Erinnerung, saß er in einem Zimmer und aß, und seine
Mutter, auf deren Kopf ein großer Hut thronte, näherte sich jede
Minute, um zu sehen, ob es ihm schmecke. Manchmal, wenn es
finster wurde, die Uhr nicht mehr tickte und der Himmel zum Fenster
hereinzufallen drohte, flogen weiße Blumen vorbei.
Einmal, als Kaspar kein Kind mehr war, flatterte eine Fledermaus
zum Fenster herein. Ihre Augen waren zart und leuchtend, ihre
Stimme glich dem Orgelspiel des Satans, sie hatte gelbe Zähne, ihre
Bewegungen waren fremdartig, tänzerisch, ihr Lächeln rein wie der
Morgenhimmel. Sie sprach: ";Guten Abend"; und bat,
sich setzen zu dürfen. Sie aß Weißbrot, trank Milch und blickte zum
Fenster hinaus, wo Schneeflocken um eine großäugige Winternacht
wirbelten und Bäume wie die Hände Verschütteter aus der Erde
ragten. Das Fenster stand offen, denn Kaspar fürchtete immer zu
ersticken. Nun betrachtete er den Besuch beunruhigt, denn es hatte
ihn noch nie jemand von ähnlicher Art besucht. (Die gelegentlichen
Visiten des Betreibungsbeamten nahm er nicht ernst.) Er fragte:
";Wer bist du?";, was beweist, daß er versuchte, seinen
angeborenen Hang zur Höflichkeit zu unterdrücken, der ihm geboten
hätte, die Fledermaus mit ";Sie"; anzureden. Es ist
möglich, daß er dadurch das Befremdende, Unglaubliche entzaubern
wollte, vielleicht hielt er auch deshalb in seiner Arbeit nicht inne,
sondern fuhr fort, weibliche Figürchen aus Ton zu formen, die er
jeweils verkaufte. Seine Mutter saß neben dem Ofen, wo sie die
Zeitung gelesen hatte. Ihr Hut war von grellroter Farbe, und sie
blickte recht selbstsicher darunter hervor, wahrscheinlich liebte sie
es, sich und ihren Sohn unter seinem Schutz zu wähnen. Die
Fledermaus räusperte sich, beugte sich über den Tisch und sprach
einige geflügelte Worte, worauf das Figürchen, das Kaspar eben
tüchtig und liebevoll geknetet hatte, wuchs, rostbraunes Haar bekam
und blaue Augen, einen lächelnden Mund, niedliche Händchen und
Füßchen, die sich bewegten. Da es möglicherweise schamhaft war,
wurde es in ein weißes Spitzenkleid gehüllt, das, einer Schneewolke
gleich, zum Fenster hereinschwebte. Kaspar, der nicht wußte, wie
ihm geschah, stammelte: ";Wie schön du "; und
betrachtete das Wunder von allen Seiten, als ob er seine
Vollkommenheit anzweifelte. Während er noch von einem Fuß auf
den andern trat, ohne sich dieser kindlichen Angewohnheit bewußt zu
werden, erhob sich die Mutter aus ihrer Ecke, in welcher sie wie ein
Pilz im finstern Wald gesessen hatte, öffnete ihren Mund, auf
welchem Staub lag, und meinte, diese Figur sei ihrem Sohn
besonders gut gelungen, und er werde sie wohl teuer verkaufen
können. Das schöne Mädchen lächelte, als Kaspar sagte: ";Ja,
Mama";, denn es schien, als wäre nicht er es, der diese Worte
sprach, da seine Zunge sich nicht bewegte, sondern auf seiner Lippe
lag. Er erinnerte sich, daß er bis jetzt Frauen geküßt hatte, wie man
sonderbare Tiere streichelt, um sie, mehr noch sich selbst, zu
beschwichtigen. Noch während verschiedene, nicht unangenehme
Gedanken durch seinen Sinn gingen, begann der Hut der Mutter zu
wanken, neigte sich wie ein Schneemann, den die Sonne streichelt,
wurde weich, es bildeten sich Tropfen, die zu Boden fielen, doch er
schmolz nicht, wie Kaspar erwartete, sondern hob sich, flog
majestätisch zum Fenster hinaus, immer höher und höher, mitten in
den weißen, wirbelnden Himmel hinein, wo er einen Augenblick lang
stillstand, einen blutroten Mond vortäuschte und dann erlosch.
Die Fledermaus flatterte still davon, und Kaspar, verwirrt, trunken
vor Glück und Verwunderung, nahm das Mädchen bei der Hand.
Draußen kauerten die Wälder wie dicke, weiße Bären, der Himmel
schlug wütend gegen die Fenster des Hauses, in welchem die Mutter
verblüfft in ihrer Ecke stand und in einer Mischung von Wohlwollen
und Mißbilligung murmelte: ";Mein Sohn, mein Sohn, welch
seltsame Dinge tragen sich zu – ob sie wohl zu unserem Besten
sind?";
Jahre später, als die alte Mutter, die den Verlust ihres Hutes nie ganz
verschmerzen konnte, gestorben war und Kaspar mit seiner jungen
Frau in ein helleres Land gezogen war, in ein Land, wo die Gewitter
fröhlich über den fetten Bäumen trommelten, wo der Nebel golden
war und wo die Winde Liebesworte flüsterten, wo die Blumen mit
steifen Seidenkleidchen tanzten und die Vögel den ganzen Tag
sangen, konnte es vorkommen, daß der junge Ehemann mitten in
einem Gespräch plötzlich gen Himmel blickte und beschwörend
sagte: «Beim Hute meiner Mutter», so, wie andere
Leute zu sagen pflegen: «Bei Gott.» Jedermann
wunderte sich ob dieser Redeweise, nur seine Frau zwinkerte ihm zu,
so, als wüßte sie mehr als andere – aber über die Fledermaus wußte
sie eigentlich ebensowenig wie ihr Gatte.
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