Liebe Olive von Ralph Dutli, 2009, Ammann

Ralph Dutli

Letzte Ölung für Somerset Maugham
(Leseprobe aus:
Liebe Olive, Eine kleine Kulturgeschichte, 2009, Ammann).

D
as Entzünden einer Lampe signalisierte in der Antike einen Anfang oder einen Übergang, bezeichnete einen wichtigen Moment im Leben oder im Jahr. Es geschah am Tag der Geburt, der Hochzeit, der Ernte, des Todes... Bei Taufe und Tod kam Olivenöl ins Spiel. Im alten Rom wurden kurz vor einer Geburt mehrere Lampen für das Kind entzündet, von denen jede einen eigenen Namen hatte. Den Namen der Lampe, die am längsten brannte, gab man schließlich dem Neugeborenen: Es war ein Omen für ein langes Leben. Noch heute wird in Griechenland während der Taufzeremonie der ganze Körper des Babys mit Olivenöl gesalbt.
Bei Griechen und Römern schmückte man die Türen der Häuser, in denen ein Neugeborenes oder ein Brautpaar wohnte, mit Olivenzweigen, um die Dämonen zu verscheuchen. Türen und Schwellen wurden symbolisch mit Olivenöl gereinigt. Der Ölbaum gehörte seit je den Lebenden wie den Toten. Er bedeutete gemeinsamen Reichtum, aber auch getrennte Wege. Öl und Olivenzweige waren ein unabdingbarer Bestandteil der Totenrituale der antiken Welt. Die Toten wurden mit Olivenöl gesalbt und rituell »gereinigt«, auch die Salbung von Grabmälern war ein Akt sakraler Reinigung. Olivenkränze um den Kopf der Leichname sollten Dämonen bannen, von der Welt der Lebenden fernhalten. Der Olivenkranz »bändigte« die Dämonen und band sie an den Toten, damit die um das Totenlager versammelten Hinterbliebenen vor ihnen geschützt waren.
Laut Plutarch begruben die Spartaner ihre Toten in Ölbaumblättern. Olivenzweige bildeten das Material für die Totenkränze, die im gesamten hellenistisch geprägten Mittelmeerraum verwendet wurden. Für besonders begüterte Tote gab es eine Art Luxusausführung: Kränze aus Goldblättern, in Form von stilisierten Ölbaumblättern. Besonders schöne aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. sind im Museum von Tarent zu bestaunen, in Süditalien, in der Nähe der alten griechischen Kolonien.
Aber der Olivenkranz war auch ein Symbol für die Auferstehung von den Toten, für Wiederkehr, neues Leben. Verstorbenen wurden im alten Ägypten Oliven als Wegzehrung für die Reise ins Totenreich mitgegeben. Olivenbaumblätter galten als Symbol des Himmels. Aus ihnen stellten die Ägypter das Öl her, das für die Mumifizierung der Pharaonen verwendet wurde. Sie versprachen sich davon besonderen Schutz vor bösen Keimen. Nach neuesten Studien zu Recht: Öl und Blätter des Olivenbaums schützen vor schädlichen Pilzen, Bakterien und sogar Viren.
Als 1922 Howard Carter das Grab von Tut-Anch-Amun entdeckte, dem 1338 v. Chr. mit neunzehn Jahren verstorbenen Pharao, fanden sich Olivenblätter auf dem Herrscherhaupt. Sie galten als »Kranz der Rechtfertigung «, waren ein Zeichen für das bestandene Jenseitsgericht, die Psychostasis, das Wägen der Seele auf der Jenseits-Waage. Es fand statt unter Vorsitz der Göttin Maat, die für das »Gleichgewicht der Welt« zuständig war, und des Totengottes Osiris, der über die Aufnahme des Verstorbenen im Reich des Westens entschied oder ihn in das schreckliche Reich der Dämonen verbannte.
Das Chrisam-Salböl der katholischen Kirche findet bei der »Letzten Ölung« noch heute Verwendung: eine merkwürdig konstante Anwendung uralter heidnischer Bräuche. Zudem wird dem Sterbenden als »Viatikum«, als Wegzehrung, die letzte Kommunion gereicht. Mit der Olive und deren Öl verknüpfte Totenrituale haben in der Moderne bisweilen bizarre Entsprechungen. Beharrlich hält sich die Legende, daß der englische Schriftsteller William Somerset Maugham (1874 bis 1965) im Sessel sitzend gestorben sei, in der Hand eine Olive als Symbol und Fetisch für den geliebten italienischen Süden. Sie – die anrührende Anekdote, nicht die Olive – wird meist von Schriftstellern weitergereicht, zu finden ist sie noch in den 2005 postum erschienenen Pariser Libertinagen der 2002 verstorbenen Schriftstellerin Undine Gruenter, in ihrem Text Olivenbaum.
In der sehr detaillierten Maugham-Biographie von Ted Morgan (1980) läßt sich beim besten Willen nichts darüber finden, kein gemütlicher Tod im Sessel, keine Olive. Da ist von einer doppelten Lungenentzündung die Rede, Maughams düsterem Brüten vor dem Tod, von seiner geistigen Verwirrung nebst Hör- und Sehschwäche, von seiner Unausstehlichkeit. Kurz vor seinem 92. Geburtstag stürzte er am 8. Dezember 1965 im Garten seines Anwesens an der Côte d’Azur, der Villa Mauresque in Cap Ferrat. Am 12. Dezember stolpert er über einen Teppich und zieht sich eine Kopfwunde zu. Nach einem erneuten Sturz wurde er ins anglo-amerikanische Hospital in Nizza verbracht, am 13. Dezember fiel er ins Koma, am 15. starb er im Krankenhaus, am 20. wurde er in Marseille kremiert.
Die Realität sieht bedeutend nüchterner aus als die berückende Legende vom uralten Geschichtenerzähler, der im wohnlichen Sessel stirbt und sich mit dem Olivchen in der Hand hinüberträumt in ein Jenseits, das am liebsten die Züge des italienischen Südens trägt und für Wärme, Fülle und mediterrane Lebenskunst steht. Natürlich ist die Olive ein wunderbar poetisches Pfand, ein exquisites Viatikum, eine vorzügliche Wegzehrung für die Reise ins Totenreich, zur Insel der Seligen, in den Hades, den Himmel, die Ewigen Jagdgründe usw. Noch einmal lauert der Olivenkitsch in dieser sentimentalen Legende. Hier ein persönliches Geständnis: Auch der Autor dieser Seiten hat die bizarre Anekdote lange und gern geglaubt, weil sie einfach schön war und sich vorzüglich eignete für das Kapitel der Jenseitsriten, der Abschiedsmagie.
Zu schön, um wahr zu sein. Somerset Maugham schrieb bereits 1938 seinen Lebensrückblick The Summing Up, also mit vierundsechzig Jahren, und mithin siebenundzwanzig Jahre vor seinem Ableben. Die neueste deutsche Übersetzung erschien unter dem Titel Die halbe Wahrheit. Keine Autobiographie (Diogenes 1997). Ein passender Titel für einen Autor, der gern mit biographischen Versatzstücken arbeitete und dabei nur allzu gern flunkerte. Das ist eines Schriftstellers gutes Recht.
Aber vielleicht steckt in der Legende doch eine »halbe Wahrheit«? Hier eine kleine Spekulation: Vielleicht war der steinalte Maugham tatsächlich einmal in seinem Sessel eingenickt und hatte eine Olive in der Hand – die für seinen Drink bestimmt war. Vielleicht stand neben seinem Sessel auf dem Beistelltischchen ein Dry Martini, den er besonders gerne trank? Jeder inspirierte Barkeeper weiß, daß da eine Olive hineingehört. William Somerset Maughams letzte Olive war also vielleicht nur ein Cocktail-Zubehör, und der Tod noch in einiger Ferne. Ein Dry Martini statt der voreiligen Letzten Ölung? Als er so eingenickt dasaß, fand ihn sein Sekretär und Lebensgefährte Alan Searle. Und Maugham sah in dem Moment vielleicht wirklich aus wie ein selig Entschlafener. Seine Olive hat den Privatsekretär und uns ein bißchen zum Narren gehalten. Schön ist die Legende trotzdem.

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