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aus: Letzte Stunde
Éric Capadis starb am Montag, dem 20. Februar 1995,
um 17.00 Uhr in der Notaufnahme des Trousseau-Krankenhauses.
Während der kurzen Zeit, die er im Klassenzimmer 109 verbrachte, schaute er
vermutlich sehr oft durch das Fenster – aus dem zu springen er sich schließlich
nicht enthalten konnte – zu der Kastanie, vor der er im Verlauf des
Schuljahres aufprallen sollte. Der Vorfall ereignete sich um 13.30 Uhr, kurz
nach dem zweiten Klingeln, während die Schüler seiner Siebten vor dem
Klassenraum darauf warteten, dass er sie hereinrief. Später erklärten sie der
Polizei, sie hätten aus dem Raum kein Geräusch gehört und deshalb angenommen,
ihr Lehrer sei abwesend.
Trauben von Kindern drängten sich noch um den Körper, als ich eine
Viertelstunde später versuchte, mir zwischen ihnen einen Weg zu bahnen. Mit
ihren verkrampften Gesichtern und der gespenstischen Reglosigkeit, die von den
am helllichten Tag brennenden Scheinwerfern der Polizeiautos noch unterstrichen
wurde, erinnerten sie an fassungslose Überlebende einer Umweltkatastrophe. An
den Arm des Sportlehrers geklammert stand etwas abseits im Blaulicht des
Krankenwagens, der gerade in den Schulhof eingefahren war, Capadis’ Mentorin
Christine Cazin. Mit der blonden, etwa dreißigjährigen Frau hatte Capadis von
Anfang an folgenlose Machtkämpfe geführt. Als sich die stellvertretende
Direktorin gleichzeitig mit ihr über den Körper beugte, hielt sich Christine
Cazin zitternd die Hand vor den Mund, als müsste sie sich übergeben.
Ein junger pausbäckiger Polizist machte sich Notizen, gleichgültig gegenüber
der Aufregung jenseits des Rechtecks seines Heftes. Er drückte den
Kugelschreiber so fest auf das Papier, dass sich sein Unterarmmuskel rhythmisch
verkrampfte und entspannte. Kurz darauf bat er die Erziehungsberaterin, Personal
zu holen, um die Schüler aus dem Unfallbereich zu entfernen. Die zur Verstärkung
herbeigerufenen Lehrer bildeten sogleich einen Sperrgürtel um den Körper,
indem sie einander an den Händen fassten. Ihre Ähnlichkeit mit einem Kreis in
stummem Protest erstarrter Aktivisten verlieh der Szene die Unbewegtheit einer
Burleske. Die Ereignisse schienen mit der Langsamkeit eines Gletschers
stattzufinden, als strömten die Protagonisten dieser Tragödie in alle
Richtungen, aber im Innern ihrer selbst.
Die Sanitäter, ein Mann und eine Frau mit an den Knien zerrissenen Jeans,
stiegen aus ihrem Wagen und näherten sich dem Körper in einer Haltung lässiger
Kompetenz und mit entspannten Schritten, die Vertrautheit mit dem gewaltsamen
Tod nahe legten. Der Mann mochte um die vierzig sein. In seinem Gesicht zuckte
es nervös. Er blinzelte mit dem rechten Auge und schob eine Viertelsekunde später
den Mund verzerrt und irgendwie unanständig nach vorn. Die Frau, ein paar Jahre
älter als er, blickte zu mir und runzelte die Stirn, als sie mich mit verschränkten
Armen dastehen sah. Ich drehte mich zur Schulkrankenschwester um, die einen
Apfel aß, und wusste nicht, ob ich, um meine Verlegenheit zu überspielen,
meinen Jackenkragen hochschlagen oder mir mit der Hand über die schlecht
rasierten Wangen streichen sollte.
Nachdem sich die beiden Sanitäter mit einer Handbewegung verständigt hatten,
hockten sie sich neben den Körper und versuchten ihn in eine gestreckte
Position zu bringen. Sie kontrollierten seinen Puls und die Pupillenreaktion,
die Frau öffnete sein Hemd und hörte ihn mit einem Stethoskop ab. Dann
richtete sich der Mann auf und ging zum Krankenwagen. Er wollte die Hintertür
öffnen, um die Trage zu holen, aber das Schloss widerstand seinen Bemühungen.
Er schlug mit der flachen Hand gegen die Tür, wodurch er schließlich die
Aufmerksamkeit seiner Kollegin auf sich zog, die nun ebenfalls aufstand und ihm
zu Hilfe kam. Mit einer Geschmeidigkeit und Ironie vereinenden Bewegung reichte
sie ihm den Autoschlüssel. Niemand wagte zu lächeln.
Ich kniff die Augen vor einem winterlichen Sonnenstrahl zusammen und spürte,
wie sich mein Gesicht unter der Spannung verzerrte. Der Direktor sah mich verärgert
an und rückte mit dem kleinen Finger seine Brille zurecht, aber es war
administrativer Ärger, ein blasses, müdes Leuchten im Blick, nicht mehr. Sein
Körper blieb völlig reglos, eine Sorgenfalte zog seinen Mund zusammen. Schließlich
senkte er den Blick, als wollte er mit der vollzählig um ihn versammelten
Lehrerschaft innere Einkehr halten.
Es war das erste Mal, dass ich einen Sterbenden beobachtete. Für die kleine
Gruppe der über ihn geneigten Lehrer schien es offensichtlich, dass Éric
Capadis seinen Sturz nicht überleben würde. Ich sah ihn ab und zu mit Mühe
die Augen öffnen. Scharlachrot glänzender Schaum trat aus seinen Ohren und
seinem Mund. Seine Gesichtszüge schienen ihren ursprünglichen Platz verlassen
zu haben. Ich hatte das Gefühl, ihn durch ein schlecht eingestelltes Fernglas
anzuschauen. Er sah mit einer Mischung aus Überraschung und Verlegenheit in die
Gesichter, als verstünde er nicht richtig, warum er dort war, vor unseren Füßen
lag und sein Blut verlor, er, der doch in seinem Verhältnis zu den anderen
immer eine gewisse Zurückhaltung gezeigt hatte.
Das blaue Licht des Krankenwagens strich über seinen Körper. Ein Bein war
zertrümmert und bildete einen unerträglichen Winkel. Wie viel Mut wir uns auch
zuschreiben, im Beisein eines Toten erfasst uns doch unweigerlich furchtsames
Entsetzen. Vielleicht erstaunt uns das Leben, das noch in ihm ist? Ehe die Sanitäter
ihn endgültig unseren Blicken entzogen, daran erinnere ich mich, habe ich mich
gefragt, wie ich an seiner Stelle reagiert hätte.
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