Letzte Stunde von Christophe Dufossé, 2003, DuMont

Christophe Dufossé

aus: Letzte Stunde

Éric Capadis starb am Montag, dem 20. Februar 1995, um 17.00 Uhr in der Notaufnahme des Trousseau-Krankenhauses.
Während der kurzen Zeit, die er im Klassenzimmer 109 verbrachte, schaute er vermutlich sehr oft durch das Fenster – aus dem zu springen er sich schließlich nicht enthalten konnte – zu der Kastanie, vor der er im Verlauf des Schuljahres aufprallen sollte. Der Vorfall ereignete sich um 13.30 Uhr, kurz nach dem zweiten Klingeln, während die Schüler seiner Siebten vor dem Klassenraum darauf warteten, dass er sie hereinrief. Später erklärten sie der Polizei, sie hätten aus dem Raum kein Geräusch gehört und deshalb angenommen, ihr Lehrer sei abwesend.
Trauben von Kindern drängten sich noch um den Körper, als ich eine Viertelstunde später versuchte, mir zwischen ihnen einen Weg zu bahnen. Mit ihren verkrampften Gesichtern und der gespenstischen Reglosigkeit, die von den am helllichten Tag brennenden Scheinwerfern der Polizeiautos noch unterstrichen wurde, erinnerten sie an fassungslose Überlebende einer Umweltkatastrophe. An den Arm des Sportlehrers geklammert stand etwas abseits im Blaulicht des Krankenwagens, der gerade in den Schulhof eingefahren war, Capadis’ Mentorin Christine Cazin. Mit der blonden, etwa dreißigjährigen Frau hatte Capadis von Anfang an folgenlose Machtkämpfe geführt. Als sich die stellvertretende Direktorin gleichzeitig mit ihr über den Körper beugte, hielt sich Christine Cazin zitternd die Hand vor den Mund, als müsste sie sich übergeben.
Ein junger pausbäckiger Polizist machte sich Notizen, gleichgültig gegenüber der Aufregung jenseits des Rechtecks seines Heftes. Er drückte den Kugelschreiber so fest auf das Papier, dass sich sein Unterarmmuskel rhythmisch verkrampfte und entspannte. Kurz darauf bat er die Erziehungsberaterin, Personal zu holen, um die Schüler aus dem Unfallbereich zu entfernen. Die zur Verstärkung herbeigerufenen Lehrer bildeten sogleich einen Sperrgürtel um den Körper, indem sie einander an den Händen fassten. Ihre Ähnlichkeit mit einem Kreis in stummem Protest erstarrter Aktivisten verlieh der Szene die Unbewegtheit einer Burleske. Die Ereignisse schienen mit der Langsamkeit eines Gletschers stattzufinden, als strömten die Protagonisten dieser Tragödie in alle Richtungen, aber im Innern ihrer selbst.
Die Sanitäter, ein Mann und eine Frau mit an den Knien zerrissenen Jeans, stiegen aus ihrem Wagen und näherten sich dem Körper in einer Haltung lässiger Kompetenz und mit entspannten Schritten, die Vertrautheit mit dem gewaltsamen Tod nahe legten. Der Mann mochte um die vierzig sein. In seinem Gesicht zuckte es nervös. Er blinzelte mit dem rechten Auge und schob eine Viertelsekunde später den Mund verzerrt und irgendwie unanständig nach vorn. Die Frau, ein paar Jahre älter als er, blickte zu mir und runzelte die Stirn, als sie mich mit verschränkten Armen dastehen sah. Ich drehte mich zur Schulkrankenschwester um, die einen Apfel aß, und wusste nicht, ob ich, um meine Verlegenheit zu überspielen, meinen Jackenkragen hochschlagen oder mir mit der Hand über die schlecht rasierten Wangen streichen sollte.
Nachdem sich die beiden Sanitäter mit einer Handbewegung verständigt hatten, hockten sie sich neben den Körper und versuchten ihn in eine gestreckte Position zu bringen. Sie kontrollierten seinen Puls und die Pupillenreaktion, die Frau öffnete sein Hemd und hörte ihn mit einem Stethoskop ab. Dann richtete sich der Mann auf und ging zum Krankenwagen. Er wollte die Hintertür öffnen, um die Trage zu holen, aber das Schloss widerstand seinen Bemühungen. Er schlug mit der flachen Hand gegen die Tür, wodurch er schließlich die Aufmerksamkeit seiner Kollegin auf sich zog, die nun ebenfalls aufstand und ihm zu Hilfe kam. Mit einer Geschmeidigkeit und Ironie vereinenden Bewegung reichte sie ihm den Autoschlüssel. Niemand wagte zu lächeln.
Ich kniff die Augen vor einem winterlichen Sonnenstrahl zusammen und spürte, wie sich mein Gesicht unter der Spannung verzerrte. Der Direktor sah mich verärgert an und rückte mit dem kleinen Finger seine Brille zurecht, aber es war administrativer Ärger, ein blasses, müdes Leuchten im Blick, nicht mehr. Sein Körper blieb völlig reglos, eine Sorgenfalte zog seinen Mund zusammen. Schließlich senkte er den Blick, als wollte er mit der vollzählig um ihn versammelten Lehrerschaft innere Einkehr halten.
Es war das erste Mal, dass ich einen Sterbenden beobachtete. Für die kleine Gruppe der über ihn geneigten Lehrer schien es offensichtlich, dass Éric Capadis seinen Sturz nicht überleben würde. Ich sah ihn ab und zu mit Mühe die Augen öffnen. Scharlachrot glänzender Schaum trat aus seinen Ohren und seinem Mund. Seine Gesichtszüge schienen ihren ursprünglichen Platz verlassen zu haben. Ich hatte das Gefühl, ihn durch ein schlecht eingestelltes Fernglas anzuschauen. Er sah mit einer Mischung aus Überraschung und Verlegenheit in die Gesichter, als verstünde er nicht richtig, warum er dort war, vor unseren Füßen lag und sein Blut verlor, er, der doch in seinem Verhältnis zu den anderen immer eine gewisse Zurückhaltung gezeigt hatte.
Das blaue Licht des Krankenwagens strich über seinen Körper. Ein Bein war zertrümmert und bildete einen unerträglichen Winkel. Wie viel Mut wir uns auch zuschreiben, im Beisein eines Toten erfasst uns doch unweigerlich furchtsames Entsetzen. Vielleicht erstaunt uns das Leben, das noch in ihm ist? Ehe die Sanitäter ihn endgültig unseren Blicken entzogen, daran erinnere ich mich, habe ich mich gefragt, wie ich an seiner Stelle reagiert hätte.

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