Spielzone von Tanja Dückers, 1999, AufbauTanja Dückers

Laura
(aus: Spielzone, Roman, 1999, Aufbau)

Wir sitzen beim Abendbrot. Leise läuft im Hintergrund eine Easy-Listening- Cassette, meine Mutter guckt mich schon wieder wütend an: "Muß das sein, dieses Gedudel die ganze Zeit?" Dann schaltet sie den Casettenrecorder aus, die Nachrichten an. Meine Eltern verfallen in diese typische Nachrichten-Hör-Körperhaltung, Kopf zur Seite gelegt, Schultern schlaff nach vorne hängend, Bauch angespannt eingezogen. Irgendwas mit Rauchwolken über Indonesien, was interessiert mich das, eine Rauchwolke steigt aus unserem Toaster auf. Sven legt mir lachend den verkohlten Toast auf den Holzteller. Ich schütte ihm zum Spaß etwas von meinem Kakao in seinen Tee, er schmiert mir Honig auf die Cervelat-Wurst. So geht das, bis meine Mutter mir, weil ich neben ihr sitze und nicht Sven, der ihr schräg gegenüber sitzt, eine scheuert. Ich stehe auf und knalle die Tür zu. Von wegen antiautoritäre Erziehung und Kinderladen und so weiter, immer wenn's ernst wird, dann: back to the roots. Meine Eltern wollen Hannelore und Wolf genannt werden, nicht Mama und Papa, das finden sie zu altmodisch und auch nicht gleichberechtigt, sie nennen uns ja auch nicht Sohnemann und Tochter, sondern Laura und Sven. Aber Ohrfeigen, das ist nicht altmodisch, nein.

Ich gehe in mein Zimmer, schmeiße meine neueste Easy-CD an und lege mich aufs Bett. Früher wäre ich nach einer Weile Grummeln zu meiner Mutter gegangen, hätte mich beschwert, und irgendwie hätten wir uns wieder ausgesöhnt, aber das mache ich schon seit einer Weile nicht mehr. Mir fallen zu viele Widersprüche bei Hannelore und Wolf auf, als daß ich noch das Vertrauen für eines der früheren Klär-Gespräche hätte. Bestes Beispiel: Letztes Jahr Weihnachten. Hannelore und Wolf haben Sven und mir vorher erzählt, wir sollen nicht einfach phantasielos im Kaufhaus irgendein Geschenk kaufen, sondern lieber - jetzt das Zauberwort - "etwas Kreatives machen". Nachher wurden unsere Collagen dann stillschweigend in den Müll geschoben, die Geschenke anderer Leute wie Tee-Eier, Vasen oder blöde Kunstbände natürlich nicht.

Ich bleibe also einfach im Bett liegen und höre weiter Herb Alpert & The Tijuana Brass, ganz übles Easy-Listening-Geklimper. Dann rufe ich Rike an, um mir ihre neuesten Geschichten über Pierre anzuhören, und meine Eltern lesen Zeitung. Noch während ich telefoniere, legt Hannelore mir eine Hand auf die Schulter. Ich muß mit dir gleich mal kurz reden, bedeutet diese Geste.

Ich telefoniere sehr lange mit Rike. Sie ist gerade zum ersten Mal mit Pierre alleine verreist gewesen, das haben ihre Eltern nach endlosen Krächen erlaubt, und jetzt nimmt sie die Pille und ist total happy, und ich höre mir zwei Stunden lang die Hymnen auf ihren Macker an. Hannelore wirft mir ab und zu einen stirnrunzelnden Blick zu, deutet mit einer Hand auf das Geschirr, das sie schon abgewaschen hat. Es muß noch abgetrocknet und weggeräumt werden, sie hat es aber, obwohl sie gerade nicht soviel zu tun zu haben scheint, für mich stehengelassen, damit ich auch noch etwas zu tun habe.

Ich rede mit Bedacht am Telefon, da meine Mutter, ich sehe es an ihrer Körperhaltung, mir genau zuhört. Ich meckere mich mal wieder über Jungs aus. Die Jungs in der achten Klasse kann man eben alle vergessen, und Igor, der schon in die zehnte geht, würdigt mich keines Blickes, obwohl ich mich auf dem Hof in der Raucherecke seit Wochen quasi neben ihm aufbaue. Ich sage zu Rike, und das sage ich gar nicht so leise, weil ich Mitleid immer gebrauchen kann, daß ich eine Depression hätte. Ich meine das ernst und bin froh zu sehen, daß Hannelore, als sie das hört, für einige Sekunden den Lappen in ihrer Hand still hält.

Langsam tut mir mein Ohr weh, Rike sagt, ihre Ohrmuschel hätte schon die Farbe ihrer Schamlippen, wir legen also auf. Ach, Rike hat es gut, die ist zwei Jahre älter als ich, sechzehn, wann bin ich bloß endlich sechzehn.

Ich presse mir einen O-Saft mit Hannelores neuer Maschine, einem schicken Chrom-Ding, und setze mich aufs Sofa. Auf dem Tisch liegt einer von Hannelores kleinen sechseckigen bunten Memo-Block-Zetteln, die sie mir und Sven dreimal am Tag irgendwo hinlegt. Ich beuge mich vor und lese:

"Liebe Laura! Wollte eigentlich lieber mit dir darüber reden, nun also schriftlich: Ich habe in der Zeitung wieder von diesem Mann gelesen, der auf dem Thomas- Friedhof, da wo du dich nachts immer mit Rike und Bettina und den anderen zum Rauchen triffst, herumstrolcht und vermutlich eine Frau vergewaltigt hat. In der Zeitung, guck mal in den Tagespiegel von heute, steht mehr darüber. Ich finde es nicht gut + mache mir Sorgen, wenn ihr da immer hingeht, kann es nicht auch ein anderer Ort sein? Ich will dich nicht nerven, und ich weiß, du hörst so was nicht gerne von mir, aber ich mache mir einfach Sorgen - auch ob du zur Zeit glücklich bist, Laura-Schatz!? Deine H."

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