|
|
Bar
jeder Lust
(Leseprobe aus: Erotic Short
Stories & Cocktails, Anthologie, 2007, Storia
Verlag, Hrsg. von S. I.
Struck).
Bar jeder Lust streife ich mit aufgestelltem Mantelkragen durch die nächtliche
Innenstadt. Blätterlos schmiegen sich die Bäume an die nassen Bordsteinkanten
und warten auf das Frühjahr.
Genau wie ich.
Sehnsüchtig schaue ich ihnen beim Frieren zu und eine Sehnsucht stampft wütend
durch meine Brust.
Kalt und rätselhaft streicht Dezemberwind um die verlassenen Gebäude der Stadt
und der sternenlose Winterhimmel zerdrückt sanft und gleichgültig die späten
Nachtpassanten auf ihrem Weg nach Hause. Ich will noch nicht heim, denn mein
Heim ist kein Heim; dort wartet das Nichts und nichts als eine alles
verschlingende Dunkelheit auf mich. Schwarzer Kaffee soll der Freund meiner
Nacht werden, oder ein Cocktail meine Freundin, nur um nicht allein zu sein in
dieser kalten sternenlosen Nacht.
Eine Ampel zeigt Rot, als auf der anderen Straßenseite warmes Licht aus
Kellerfenstern auf den Bürgersteig brandet. Interessiert folge ich dem
Lichtschein, höre die Klänge eines Pianos und steige sieben Stufen an einem
rostigen Treppengeländer eine verwitterte Häuserfront hinab. Eine blätternde
Holztür mit kleinen blinden Glasfenstern warnt mich eine Sekunde vor dem
Betreten der Bar, ich ignoriere jedoch und trete entschlossen ein. Warme Luft
und der Geruch von verbranntem Tabak und edlem Alkohol umspült mich, als ich in
diffusem Licht nach einem Sitzplatz suche. Vier kleine leere Marmortische bieten
Platz und auf der rechten Seite des kleinen Raums spielt eine Bar verstecken.
Hinter der Bar deuten diverse Flaschen bunten Inhalts auf einen aufgeschlossenen
Barkeeper. Gleich daneben probiert ein zermürbter Pianist den Aufstand und
serviert dem nicht vorhandenen Publikum ein unheimliches, melancholisches Mahl
aus Musik.
Ich wähle einen Tisch entfernt von allen Einrichtungen des Raumes und sitze
somit allein unter einem großen, mit dunklem Holz gerahmten Spiegel, als im
hinteren Teil der Bar aus einem Nebenraum, verborgen hinter einer schmalen Tür,
eine Frau den Raum betritt. Schnellen Schrittes und unantastbar, schwarz
gekleidet und unscheinbar elegant markiert sie ihr Revier und positioniert sich
hinter der dunklen Bar – aus dem Barkeeper wird eine Barkeeperin und beschämt
ertappe ich mich bei pauschalem Denken. Herausfordernd blickt sie mich an und
ihr Kopfnicken gibt mir die Anweisung zu bestellen. Ein Räuspern ist notwendig
um einen Kaffee zu bestellen. Ein gelangweilter Blick der Barkeeperin an die
Zimmerdecke gibt mir zu verstehen dass meine Bestellung fantasielos sei. Während
sie den Kaffee brüht und sich träge ein weiterer Geruch in dem kleinen Raum
verbreitet, entzündet der Pianist eine Zigarette. Traurig wird auch diese nach
zwei, drei Lungenzügen im Aschenbecher vergehen.
Mit fester dunkler Stimme stellt die Frau den Kaffee auf meinen Tisch: »Dein
Kaffee«, sagt sie leise und streng. Ich rieche ihr Parfüm und ahne den
darunter spielenden Duft ihrer Haut. Ich stehe schon in Flammen als der Pianist
gelangweilt auf die Toilette schlendert. Ich werde nervös. Fest nehme ich mir
vor zu zahlen und zu gehen, ich wollte Kaffee und keinen unlöschbaren Flächenbrand
in meinem Körper.
Die Barkeeperin bleibt ungerührt neben meinem Tisch stehen, dunkle Augen
sperren mich nun ein, halten mich gefangen und dulden keine Widerrede. Ihre
Augen nehmen mich als Geisel.
Ihr Geruch ist nun überall, ich kann ihn spüren wie eine zarte Hand auf meiner
Haut. Ich entspanne, ich verkrampfe, ich keuche nun, ersticke bald, winde mich
und drehe sie, atme frei, ihre dunkle Stimme durchbricht fordernd den Geruch aus
nackter Haut und Lust, aus Händen und Erlösung. Der Spiegel über uns. Ich
verhungere, sie atmet schwer an einem gedeckten Tisch, ich sterbe, ich überlebe
und strauchele durch die Versuchung. Ihre dunkle Stimme gibt Anweisungen, denen
ich gehorche, mich unterwerfe, sie ist das Öl in meinem Gefieder, bis ich mich
verweigere, fliege, auf und davon. Uferlos. Ausufernd. Es ist ein Spiel für
Erwachsene, einer wird der Stärkere sein – und gleich darauf der andere.
Sieger wird es nicht geben. Und keine Gefangenen. Es ist ein Ringen, ein
Schwitzen, ist ein Winden und Bitten, ein Geben und Nehmen, ein Rasen – rasend
verweigern Herzklappen schließlich ihren Dienst und bitten nun klagend um
Vergebung. Ich halte ihr stand, auch sie gibt nicht auf und wir spielen das
Spiel erneut, rauschen umher wie Blätter im Dezemberwind, gleiten gemeinsam
durch die Nacht wie Fische in einem Schwarm, wie große unheilvolle Wagnisse im
fraglichen Meer, wie dicht gedrängt und gleichsam frei. Wir fordern und
vergehen. Kläglich.
Und glücklich. Und uneingeschränkt wunschlos. Nachdenklich. Und schließlich
unendlich frei.
Ob ich zahlen wolle, fragt sie gelangweilt, Stunden später und Kaugummi kauend.
Ihr dunkler Lippenstift ist ein wenig verwischt. Sie werde bald schließen, sagt
sie müde. Ein Räuspern ist notwendig, um ja zu sagen. »Natürlich«, sage ich
mechanisch, und es graut der nächste Morgen majestätisch in der Ferne und blätterlos
schmiegen sich die Bäume an die nassen Bordsteinkanten und warten auf das Frühjahr.
Genau wie ich.
Rezension I Buchbestellung I home II07 LYRIKwelt © S.A.D./Storia Verlag