Letzte tage,jetzt vonJan Drees, Eichborn, 2006

Jan Drees

Eins
(Leseprobe aus: Letzte Tage, jetzt, Roman, 2006, Eichborn)

 

Eins . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Ich glaube nicht mehr an uns. Es geht mir (jetzt, bloß) darum, ein Leben zu bekommen, irgendeines. Ich will vergessen und wünsche mir gleichzeitig doch, daß alles ein bißchen wie früher wird, daß alles wie früher werden kann …

Wie damals, als es anfing, mit Nebil, der mich jeden Tag nach den Uni-Seminaren in den Arm nahm und leidenschaftlich auf den Mund küßte. Im April, Mai, Juni.
In diesen Monaten verbrachten wir späte Abende an einem Baggersee, badeten nackt in dem sich leicht abkühlenden Wasser und blieben am schmalen Stadtstrand liegen, bis es nicht mehr kühler werden konnte. "Es sind immer noch dreiundzwanzig Grad!" rief ich begeistert zu Nebil hinauf, der im nächtlichen Schatten lag und mich beschützte. Meine Erinnerung daran: Picknicke und späte Mücken, die sich auf unsere rostbraune Haut setzten, kleine Feuerpunkte hinterließen. Wir tranken Discount-Prosecco zu Erdbeeren, in die man greifen konnte, um klebrig zu werden. Nebil tauchte mit mir unter mondlichtbeschienenen Flusenalgen. Manchmal fanden wir ein wind-, sicht- und brennesselgeschütztes Dunkelwaldfleckchen, von wo gemeinsam kitschige Plejadennebel zu betrachteten waren. Glühwürmchen gab es, auf dem Heimweg, zwischen Ginster.
Beim Türken kauften wir Melonenviertel oder in verschiedenen schattig-kühlen Buchgeschäften Südfruchtprosa, die wie Kandis schmeckte und beim Lesen schmolz, als wäre sie Himbeereis: Es begann, mir zu gefallen. Es fing an, daß ich genauso schreiben wollte, als dufte das Papier wie eine Kinopopcorn- Tüte.
Weil wir schrecklich jung waren, flüsterten Nebil und ich nachts von Springbrunnenrändern im Park über Zitronenkerzen hinweg Cocktail-Neckisches. Mit Nebil ist es wunderbar, liebtrunken ein Bald, ein Später, ein Irgendwann anzutasten, wankend, kaum Karabiner gesichert, Steilwände hinab.
Wir beobachteten irritiert glücklich sirrende Fledermäuse, die aus Tannenwaldgrotten flappten, unseren Hügel (über der schimmernden Stadt) umrundeten, die kleine Öllaterne, im Sommer: Gänsehautarme, Benjamin-Biolay-Chansons, und während schwüler Augustabende manchmal stilles Gewitterblitzen am fernen Horizont.
Später, um Viertel nach drei, duschten Nebil und ich Nachthitze aus unseren verliebt erwärmten Teeniekörpern, siriusgeleitet, während Sonnenwindfeuer, Elfen, Kobolde vor dem Bleiglas-Badfenster tanzten. Danach lagen wir perlschaumweinsüchtig erschöpft, verschwitzt, im moskitonetzgefälschten Himmelbett. Über uns funkelten angeklebte Plastiksterne mit Phosphorschimmer.

Inzwischen geht alles vorbei, im Junimond. Wenn Mond ist und keine Regenwolken durch die kühlkalten Nächte ziehen und unsere Sternenbilder verhängen, wenn Schauer schon morgens auf das Giebeldach schlagen und Wasser durch die Holzdecke in unsere Zimmer tropft, von Ziegeln gewaschenen Ruß über eilig aufgestellte Suppenterrinen, Putzeimer, Bonbonnieren spült.
Wir verleben (abschließend) Tage, die wie ein Schlüssellochbild an uns vorübernebeln. João Gilberto singt "The Girl from Ipanema".
Während sporadischer Off-Theater-Besuche wird deutlich, daß ein zeitgeistiges Bühnenkreischen eher Edvard-Munch-Pop sein will (im Gegensatz zu klassischen Pornographiefilmschreien). - Wenn wir uns streiten, werde ich Großstadt-Actrice und imitiere moderne René-Pollesch-Szenen.

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