|
|
Keiner war dabei
(Leseprobe aus:
Keiner war dabei.
Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht, 2004, Zsolnay
- Übertragung von Barbara Antkowiak)
Eine Frage
bleibt jedoch: Was muß einem normalen Menschen geschehen, damit er in seinem
Kollegen oder Nachbarn einen Feind sieht? Wie ist es möglich, daß Haß, Demütigung,
Brutalität, ja sogar Mord zum normalen Verhalten wurden? Ein Polizist vom
Bataillon 101 gibt zu, daß die Juden für sie keine menschlichen Wesen waren.
Welche politischen, sozialen und psychologischen Prozesse machen solches Denken
möglich? Was verursacht den massenhaften Haß und die nachfolgenden ethnischen
Säuberungen?
Es wäre wohl übertrieben, einen Staat vom Territorium des einstigen
Jugoslawien mit Nazi-Deutschland zu vergleichen. Doch es gibt ein Element, wo
dieser Vergleich möglich ist, und das ist die Konstruktion des „Anderen“
als Haßobjekt. Für den Anfang ist es wichtig, das Objekt zu identifizieren und
überzeugende Gründe für den Haß zu liefern. Die Gründe müssen nicht
einsichtig und wahr sein. Wichtig ist, daß sie überzeugend sind, um akzeptiert
zu werden. Meist sind es Mythen (vom himmlischen serbischen Volk oder vom
tausendjährigen Traum der Kroaten vom eigenen Staat) und Vorurteile (Serben
sind primitiv, Kroaten sind Nazis, Muslime sind dumm). Noch besser ist es, wenn
die Mythen und Vorurteile in der Wirklichkeit wurzeln, in der Geschichte früherer
Kriege oder in kulturellen und religiösen Unterschieden. Objekt des Hasses können
auch Angehörige eines anderen Stammes (Hutu, Tutsi) oder einer anderen Rasse
sein. Die Propaganda hat die Aufgabe, diese Unterschiede zu formulieren, so daß
sie ein Gefühl der Bedrohung von der anderen Seite erwecken und die
Homogenisierung befördern. Am wichtigsten ist die Methode: besonders
wirkungsvoll ist es, die Menschen langsam, Schritt für Schritt an den Haß zu
gewöhnen, bis er Bestandteil ihres Alltags wird.
Unter dem Eindruck der „Beweise“ für die Unterschiede, der ausführlichen
Beschreibungen von Unterdrückung und Leid durch die Medien – ob real oder
erfunden – verlieren die „Anderen“ mit der Zeit ihre individuellen
Eigenschaften. Sie sind nicht mehr Bekannte oder Fachleute mit Namen,
Gewohnheiten, Aussehen oder Charakter, sondern nur noch Mitglieder der
feindlichen Gruppe. Wenn eine Person derart entindividualisiert und zur bloßen
Abstraktion gemacht wird, hat man die Freiheit, sie zu hassen, weil die
moralischen Schranken beseitigt sind. Ist es „bewiesen“, daß die Feinde
keine menschlichen Wesen sind, brauchen wir sie nicht mehr als solche zu
behandeln. Es spielt keine Rolle, daß wir auf diese Weise selbst zur abstrakten
Kategorie werden, daß wir nicht länger Individuen sind, denn in den Augen der
„Feinde“ sind wir ebenfalls die „Anderen“.
Der Beginn des Krieges im ehemaligen Jugoslawien gleicht der Schilderung in
Victor Klemperers Tagebuch 1933 bis 1945, „Ich will Zeugnis ablegen bis zum
letzten“, in dem er beschreibt, wie der Antisemitismus allmählich zur
normalen Denk- und Verhaltensweise in Deutschland wurde. Das kommt langsam auch
dem Opfer zum Bewußtsein: Klemperer, selbst Jude, hatte es jahrelang nicht
sehen wollen und verdrängt.
Wie in Deutschland hörte man im Kroatien der neunziger Jahre zunächst auf,
eine Person anderer Nationalität zu grüßen, vielleicht nur aus Angst, dabei
beobachtet zu werden. Es ist unglaublich, aber diese scheinbar kleine,
unbedeutende Konzession an die neue Realität einer totalen nationalen
Homogenisierung führt bereits auf einen gefährlichen Weg. Diese Art
Opportunismus – das Wegsehen, das Schweigen und die Feigheit – schuf die
Voraussetzungen für Kriegsverbrechen, die im Namen der Isolierung und
Beseitigung der „Anderen“ begangen wurden.
Die Mehrheit der Bevölkerung in Kroatien, Serbien und Bosnien paßte sich bald
der Mixtur aus Staatspropaganda, Opportunismus, Angst und Gleichgültigkeit an,
welche die Verhaltensnormen bestimmten. Nur sehr wenige Menschen waren imstande,
sich der allgemeinen Atmosphäre des Hasses zu widersetzen. Natürlich muß man
unterscheiden zwischen jemandem, der seinen serbischen oder muslimischen
Nachbarn nicht grüßt, und jemandem, der ihn tötet – so wie man
unterscheiden muß zwischen einer Regierung, die Serben keine Pässe ausstellt,
und einer, die das Tragen des gelben Sterns anordnet. Doch Wegsehen und
Schweigen vor Unrecht und Verbrechen bedeutet Kollaboration mit einer Politik,
deren Programm Tod und Vernichtung sind. Und ob diese Kollaboration nun
freiwillig ist oder nicht – das Ergebnis ist dasselbe.
Zehn Jahre nach dem Ausbruch des Krieges auf dem Balkan muß man einsehen, daß
wir normalen Menschen ihn ermöglicht haben und nicht irgendwelche Irren. Wir
haben eines Tages unsere Nachbarn unterschiedlicher Nationalität nicht mehr
gegrüßt, und am nächsten Tag wurden in unserem Namen Konzentrationslager
eingerichtet. Wir haben das einander angetan. Vielleicht ist das ein guter Anlaß
zu der Überlegung, ob es zu einfach ist, hundert Menschen in Den Haag vor
Gericht zu stellen. Was ist mit den anderen, die eine Ideologie übernahmen,
welche 200 000 Opfer forderte? Möglicherweise glaubten sie das nicht, mit
Sicherheit jedoch protestierten sie nicht dagegen. Wenn es wahr ist, daß es
keine Kollektivschuld gibt, kann es dann eine kollektive Unschuld geben?
Oft kann man in Kroatien hören, das Tribunal richte nicht nur über ein paar
Verbrecher, sondern über den „Vaterländischen Krieg“ und über die ganze
Nation. Mit anderen Worten, die Schuld wurde nicht individualisiert. Wir sind
noch immer Gefangene des Kollektivismus. Schuld verlangt nach
Individualisierung, und dafür steht das Tribunal. Nein, die ganze Nation, in
Kroatien oder anderswo, kann nicht an den Kriegsverbrechen schuldig sein. Aber
die ganze Nation trägt Verantwortung für die Kriegsverbrechen, politisch und
moralisch. Das serbische Volk wählte Slobodan Milosvic zweimal zum Präsidenten
Serbiens und einmal zum Präsidenten Jugoslawiens. In Kroatien gewann Franjo
Tudjman zweimal die Präsidentschaftswahlen. All das waren freie Wahlen. Wenn
die Deutschen für die Unterstützung Hitlers verantwortlich waren, warum
sollten die Serben nicht für die Unterstützung Milosevics und die Kroaten für
die Tudjmans verantwortlich sein? Ohne den Rückhalt im Volk hätten sich beide
nicht an der Macht behaupten können.
Bei der Wahl für Milosevic oder Tudjman stimmten die Menschen für die Politik
der „ethnischen Säuberung“. Es sei denn, sie erklären wie einige Deutsche,
sie hätten nichts gewußt. Kroatien und Serbien jedoch sind zu klein für
solche Argumente. Während des fünfjährigen Krieges waren zu viele Leute
direkt an der „ethnischen Säuberung“ beteiligt, als daß sie ernsthaft
behaupten könnten, nichts gewußt zu haben. Sie wußten es und waren
einverstanden, oder es kümmerte sie zumindest nicht. Das ist der Hauptgrund,
warum sie nicht über Kriegsverbrechen oder den Krieg überhaupt reden wollen,
es sei denn über den heroischen Verteidigungskrieg. Es ist nicht angenehm zu hören,
daß man ein Kollaborateur war. Aber es ist notwendig zu begreifen, daß das
eine Frage der Wahl ist und daß man sich falsch entschieden hat.
Die Prozesse gegen die Kriegsverbrecher sind nicht nur wegen der Toten wichtig,
sondern auch wegen der Überlebenden. Denn schließlich muß sich jeder einzelne
fragen: Was hätte ich in so einer Situation getan?
Rezension I Buchbestellung I home 0I05 LYRIKwelt © Zsolnay