Morgen und Abend von Rodica Draghincescu, Ithaka-Verlag, 2003

Rodica Draghincescu

Meinetwegen
(ProsaalsGedicht)
(Leseprobe aus: Morgen und Abend, Gedichte, 2003, Ithaka-Verlag -  Übertragung Rüdiger Fischer).

Ich vergrab meinen Kopf im Schreiben,
ich zieh meinen Kopf heraus,
ich bin wendig wie ein Wurm.
Ich vergrab meinen Kopf im Schreiben,
ich zieh meinen Kopf heraus,
ich bin wendig wie ein Wurm.


Ich schreib wie ein rotes Würmchen
das den roten Würmchen
von der Größe des Schriftstellerberufes
bei den roten Würmchen kündet.


Ich bin der Wurm meines Frauenkopfes.
Ich bin der Wurm meines Männerschreibens.
Ich bin der Vers des Wurms der Mannfrau.
Ich habe die Gaben des Verses eines
doppelgeschlechtlichen Wurms.


Ich stecke Gefühle in meinen Kopf.
Ich hole Gefühle aus meinem Kopf.
Ein Wurm braucht keine Gefühle,
ein Wurm braucht sich selber
und frische Nahrung.


Ich schreibe wie frische Nahrung,
ich schreibe in einem ganz kalten Körper,
ich brauche mich selber,
ich schreibe wie »das Bedürfnis nach mir«.
Ich fülle mich an,
ich blähe mich auf,
ich drück mich zusammen,
bis nichts mehr übrigbleibt
von mir.


Und es bleibt nichts mehr übrig.
Meinetwegen.


Keine Nuance
wegen dessen,
was ich sein könnte.
Nichts als
mein Name
wie ein Wurm
der kitzelt
und nagt
alles was er mag was ich mag wie ein Wurm.
So schreibt er was ich schreibe gegen alles
mögliche Schreiben.


WAS BIN ICH?
WER BIN ICH?


Ein Name geschwind,
geschwind wie ein Wurm,
Geschriebenes aus Fleisch und Blut
für die kleinen Regenwürmer
der Stadt
im Regen und unter den Füßen
der glücklichen oder traurigen Leute.


WER BIN ICH?
WAS BIN ICH?

Mein Kopf schwebt über mir
und findet mich nicht.
Mein Kopf braucht meinen ganzen Leib.


38,5 °C, 38,6 °C, 38,7 °C, 38,8 °C, 38,9 °C, 39 °C. Fieber. Später Herbst, winterliche Kälte, Nebel, Matsch, graue Hunde, Bettler, homosexuelle Kinder, Drogensüchtige, -7 °C. Auf einem Photo kann man selbst dann leben oder da sein, wenn man nicht ... lebendig ist. So bin ich groß geworden, 4 Jahreszeiten, sehr warm, sehr kalt, alles, was Nein ist, vor allem nicht [...], ich hab Leute kennen gelernt, Fische, Tiere, Vögel, Pflanzen, Steine, Wasser, Erde, Luft und Feuer der Photos. Ich hab das erste Photo geliebt, Sex mit dem zweiten Photo gehabt, Sex mit den folgenden, Sex mit dem Photoapparat, Sex mit dem Auge aus schwarzem Glas, Sex mit gespitzten Gegenständen, Sex mit Linien und herzlichen Kreisen, Sex mit [...] usw., usw., sodass ich jetzt nicht mehr weiß, ob meine Eltern nicht irgendwie der vergrößerte Ausdruck meines Alters zu verschiedenen Zeitpunkten sind, photographiert oder am Rand zurückgelassen oder jenseits ... Oder ich in verschiedenen Liebesstellungen mit meinem Leben. Nein, ich war nicht verrückt, ich bin es nicht, ich bin zu gut, zu traurig, zu brav, zu schön, zu böse, zu chic, zu gelehrig, ich bin zu sehr, ich bin etwas andres, ein anderes Ich(spiel).


39,1 °C. Jederzeit kann ich das Fehlen von Handlung anzünden, die Abwesenheit, das Warten, seine allzu einfachen, allzu langsamen Beweise.


Inneres und Äußeres eines Photos sind nicht voneinander zu trennen. In jedem Leben, wie es auch sein mag, gibt es erklärliche Zonen und Bewegungen und unerklärliche Zonen und Bewegungen.


Dunkel, Licht, Schatten, klare Leere und berührte Leere.


Ich bin nackt, ohne Zöpfe, nass, geschmeidig, gelockt.


»Der schöne rote Wurm« mit kleinen tanzenden Brüsten. Auf einem Photo. 1,67 m.


Ich lebe.


Ich bin.


Leer oder geleert.



Ich renne mit dem Kopf gegen die Kruste des Himmels, ich trete gegen die Kruste der Erde. Streck ich die Hände waagrecht aus, durchdringe ich die Grenze zur Welt. Es bleiben Unfälle zurück, weiche Wunden, durch die ich von außen Briefe erhalte, klingende Briefe. Dingdong, dingdong, dingdong ... Wie die Glockentürme der Kirchen. Die dicken Glockentürme läuten. Dingdong, dingdong, dingdong ...


In meinem Kopf haben die Bienen sich Glöckchen aus Wachs gemacht.
Mein Kopf und der Honig der Glöckchen schweben über mir,
von meinem Verlust ermüdet.


Ich stoße Schreie aus
und der Honig fließt zwischen meinen Zähnen hervor.
Ich bin eine Frau mit Glöckchen aus den Strahlen
eines Bienenkorbs in ihrem Kopf.
Ich bin eine sehr gute Frau, mein Liebster,
ein Honigwurm,
ein Wurm im Honig,
ein mit dem Honig einer Frau schreibender Wurm,
ein Wurm,
der in die Tiefe und in die Länge schreibt,
zwischen und inmitten,
weder noch, oder und wo,
gemäß,
mit der Genauigkeit doppelgeschlechtlichen Schreibens,
bis zum Orgasmus der Metapher des Seins
einzig und allein,
allein so oft es nötig ist.
Mein Liebster, nicht wahr, es ist nicht wahr ...?
Nicht wahr, du liebst mich bis zum Wahnsinn, zum Teufel,
ich liebe dich nicht, mein Liebster!
Ich liebe das Bedürfnis nach mir,
das Bedürfnis, mich aufzufressen.
Ein Wurm braucht keine Gefühle,
er bohrt Löcher, Plätze für die Strahlen eines Bienenkorbs,
Plätze für Glöckchen und Bienenflüge.
Ich bin ein Wurm (ein Vers) in der Zeit, ein Wurm (ein Vers) während, in der Zeit – der Wörter – der – Gefühle.


Ich heiße Ich(spiel). Und ich schwebe.
Ich schwebe. Ich schwebe. Ich schwebe. Ich schwebe. Ich schwebe. Den Kopf dem zugewandt,
was ich nicht mehr besitze. Ich schwebe zur anderen Seite. Und die andere Seite schwebt ebenso.
In der wilden, grünen Form der grünen Wasserlinse.
Köpfe – Linsen. Grüne Köpfe. Kleine Unterwasserfotos.
Mein Gedächtnis ist immer einfältiger, immer mehliger.


Ich schreibe klein. Und esse alles Schöne.
Ich schreibe in mir, damit das Loch der Bienen mich verlässt,
das Honigloch,
das Loch, worin mein Kopf und mein Körper
in dieselbe Richtung schweben,
eine Art laufendes Moor
am Rand meines Gedächtnisses.


Ich schreibe scheußlich und
du magst nicht, was ich schreibe.
Aber so ist ein Wurm. Er benutzt
keine Schimpfwörter.
Er schreibt
in die Wunde,
als schreibe der Schmerz
auf die Schmerzen,
die schweren Schmerzen,
die Flüche verursachen.
Wer kann die Verse
eines Wurms begreifen,
eines Wurms, der sich für eine Frau hält,
und erst recht die einer Frau, die sich für einen Wurm (einen Vers) hält?
Nur die ernsthaft »verstoßenen« Dichter!


Ich bin deine verstoßene Dichterin, verzeih,
deine liebste Wurmdichterin.
Ich schreibe dir
auf den Nacken
Liebesflüche.
Verzeih. Ein Wurm spricht so gut,
doch nur einmal im Leben.
Ich wünschte dir nie, ihn zu hören.
Mein Liebster, ich liebe dich und liebe dich nicht.
Hier, in Vaihingen, am 14. Dezember 2002,
hätt ich mir gewünscht dass.


Ich lauf von einem Ende zum andern, mit kleinen Schritten, mit kleinen Schritten.
Ich dreh mich auf dem Photo
wie ein Schlüssel im Schloss.
Ich öffne mich.
Ich spüre
nichts.
Ich öffne mich schreibend.
Wahrscheinlich schreibe ich,
was ich erzähle, in diesem Nest
aus Fleisch sitzend, das sich
nach seiner eigenen Musik bewegt,
aber nicht zu Gefühlen fähig ist.
Ich sehe meine
immer größeren Hände.
Meine Hände
wachsen und wachsen
wie Jacks Bohnenstange
dem Himmel
entgegen.


Ich steck meine Finger
in meinen Mund und fliege,
ich klettere an mir selbst empor,
ich steig in die Schrift:
oben,
unten,
und so fort,
dann weiter
weg und
näher dran.
Ich steck meinen Kopf ins Schreiben.
Ich nehm meinen Kopf aus dem Schreiben.
Ich bin schnell
wie der Blitz.


Ich schreibe, bis nichts mehr da ist.
Und wie schön und klar
ist das Nichts!
Ich kann frei sprechen.
Und ich kann so gut,
ich kann frei sprechen,
ich kan
n fr
ei spr
ech
en!


Über den Häusern
fliegen
Krähen.
Über den Krähen,
ein roter Himmel.
Schriebe ich nicht, ich würde »schwarzer Sonnenuntergang« sagen.
Und der Glockenturm der Kirche der Heiterkeit.
Und der feine Regen,
zu Nadeln gefroren.
Und der Tannenbaum
am Fenster.
Und die Kiefernzapfen
und meine zerstückelten Photos
an den Zweigen
des Tannenbaums.
Und
vor allem
die Krähen
die sich während
des Fliegens streiten,
ineinander verkrallt
wie die Teile
eines Puzzles.
Und das rote Würmchen,
das es gar nicht gibt, gar nicht gibt,
klein ohne Dasein, rot ohne Dasein,
Wurm und Vers ohne Dasein.


39,1 °C.
39,2 °C.
Ich hab euch
nicht vergessen.
Ich hab dich
nicht vergessen, Serge.
Du hast mir ein paar Mal gesagt:
»Ich kann mit einem Wurm keine gute Beziehung haben,
mit einem Ding aus Versen!« Und du hast
mir den Rücken zugedreht.
»Ich bekomm Angst,
wenn ich dir zuhör!« – leise
vor dem
Einschlafen.
Und du wirst nie etwas
von dem roten Würmchen erfahren.
Gute Nacht oder


guten Tag in der Nacht!


Ich glaub, ich hab 39,9 °C. Ist das ein Komplott? Nein,
für eine Dichterin, Glückszahlen:
39, die Nummer
des väterlichen Hauses,
9 meine Lieblingsnote
in der Schule,
ich glaub,
ich klettere
immer
höher.

Ich schreibe im Rhythmus,
ich schreib wie ein Bohrer im Nabel des Himmels.
Es gibt keine Stufen, kein Hinunter,
meine Schrift ist nicht schief.
Es geht! Ich bin das rote Würmchen,
das Versuchstier meines Schreibens, ich bin
der kleine rote Buchstabe, der an Schritten nagt:
Ich gehe und komme, ich pflanze spitze Buchstaben
in die Stängel
meines Körpers, ich sinke herab, nun
steck ich meinen Kopf
in meinen Kopf,
ich steck meinen Körper
in meinen Körper,
meinen Kopf in meinen Körper,
meinen Körper in meinen Kopf,
da bin ich,
das ist nicht für mich,
das ist für euch alle, meine Lieben,
und vor allem für Serge,
der noch auf mir schläft.

Weil
nämlich [...]

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