Reisen unter den Augenlidern von Ulrike Draesner, Ritter-Verlag, 1999Ulrike Draesner

Reisen unter den Augenlidern
(Leseprobe aus: Reisen unter den Augenlidern, 1999, Ritter-Verlag)

„ ... Türen gehen auf, Türen knallen zu, Gaumen gehen auf, Zähne knallen zu, ist er nun Arzt oder Architekt oder Maler geworden?, frage ich sie, dabei hängen mir all die Fäden sichtbar im Gesicht herum, die sie früher in mich hineingespuckt haben, hübsch, nicht!, sage ich, da ich Schwixie immer sofort erkenne, ich weiß genau, wie sie leben, sie cybersexen, sie sabbern, sie laufen durchs Kaffeehaus, ins Büro, raus aus dem Büro, der Heimweg ist verstrahlt, sie laufen durchs Ozon, setzen ihre Masken auf, treten in Hundescheiße, sie stoßen Müllbeutel an, mailen, lassen das Auto fahren, bewundern die Figur, die im Schaufenster vorbeigleitet, wenn sie daran vorbeigehen, dabei ist es ein vollautomatisches Werbebild, das ihren Körper idealgerecht im neuesten out-fit zeigt, sie werfen die Mikrowelle an, bedienen die Fernbedienung per Blick, leeren Gute-alte-Zeiten-Myake-Flacons, sagen hallo, ciao, oder geht’s, kacken, wischen, lesen nostalgische Papierzeitung, regen sich auf, Automaten massieren ihre Rücken, sie selbst haben einen Termin beim Therapeuten, sie hören weg, fuchteln mit den Händen, haben ein Spätkind und einen Frischzellenklon, werden roboteroperiert, grunzen, hecheln, heucheln und heulen, sind Erben von Erben und produzieren Erben, wo ist mein Sohnarzt, frage ich, es gibt Neuigkeiten, ist es nicht wieder Frühling?“

Rezension I Buchbestellung I home 0I02 LYRIKwelt © Ritter-Verlag