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Paula Spencer
Sie sieht auf die Uhr. Sie ist in der Küche. Noch eine Minute.
Sie wartet.
Zehn nach vier.
Sie greift nach dem Eclair und leckt die Sahne raus.
Dabei sieht sie sich selber zu. Schön blöd.
Aber.
Sie beißt in den Schokoladenguss und in den Teig, der durch die Sahne weich geworden ist. Jack ist noch nicht zu Hause. Leanne ist arbeiten. Auch Paula muss gleich weg. Sie ist seit einem Jahr trocken. Seit genau einem Jahr.
Sie sieht auf die Uhr.
Seit einem Jahr und einer Minute.
Sie fängt gern in der Küche an, besonders im Winter.
Eigentlich soll sie es anders machen, sie soll oben anfangen, hat Dympna gesagt, und sich dann nach unten arbeiten, aber daran hält sie sich nicht. Wenn Paula kommt, geht Dympna Golf spielen. Paula hat einen Schlüssel.
»Dympna?«
Paula steht in der Diele. Sie macht die Haustür zu.
»Dympna?«
Sie horcht, sie hört nichts. Sie ist allein.
Die Küche ist warm. Das Radio läuft. Marian Finnucane interviewt irgendwelche Frauen. Es sind die McCartneys, die Schwestern von dem Mann, den die IRA vor ein paar Wochen in Belfast umgebracht hat. Auf dem Tisch liegt ein Zettel: Hi, Paula. Hättest du vielleicht Zeit, den Kühlschrank abzutauen? Vielen Dank. D. Das Geld liegt unter dem Zettel. Siebzig Euro. Paula steckt es ein. Sie setzt Wasser auf. Sie zieht den Stecker aus dem Kühlschrank. Ein altes Modell, viel kleiner als ihrer. Sie macht ihn leer, räumt alles auf den Tisch. Es könnte schlimmer sein. Viel ist nicht drin. Keine Sachen, die kleben oder denen schon fast Beine gewachsen sind. Ganz unten Gemüse. Alte Karotten, pelzige Kartoffeln. Sie holt sich den Mülleimer und wirft sie rein. Draußen ist ein Komposthaufen, aber da ist es kalt, und in der Küche ist es warm.
Sie haben drei Kaffeemaschinen, Cafetieren. Eine für vier Tassen, eine für zwei und eine für eine Tasse. Sie stehen in Reih und Glied auf der Arbeitsfläche vor der gefliesten Wand. Die Henkel zeigen alle in eine Richtung, ein bisschen wie die Kräne, die sie täglich aus dem Fenster der Bahn sieht. Sie nimmt die Maschine für eine Tasse, gießt heißes Wasser aus dem Kocher rein und schwenkt es in der Kanne herum. Sie kennt jeden Handgriff. Sie kippt das Wasser aus. In der Kaffeedose ist eine kleine schwarze Plastikschaufel. Paula gönnt sich zwei Löffel, füllt Wasser ein und drückt den Stempel mit dem Metalldeckel obendrauf.
Der Geruch zieht durch die Küche und vertreibt die Kälte von draußen aus ihrer Nase.
Großartig, diese McCartney-Frauen. Als der Bruder umgekommen ist, hat Paula nicht weiter drauf geachtet, es geschehen so viele Morde. Ein Mord in Limerick, einer in Cork, fast täglich passiert was. Wenn in Dublin jemand ermordet wird, passt sie auf, ob sie die Stelle kennt, wo es passiert ist. Charlos Namen hat sie im Radio gehört, damals, als er eine Frau umgebracht und die Polizei ihn dann erschossen hat. Es gab eine Zeit, da hat sie gewartet, ob sie John Pauls Namen hört. Ein Halbwüchsiger, der sich mit Junkies, Gangstern, armen Teufeln rumtreibt. Tot aufgefunden.
Am Fluss, in einer Gasse. Erst beim Sport, beim Wetterbericht hat sie wieder durchgeatmet und sich entspannt.
Aber ein Mord in Belfast – da hat sie abgeschaltet, kaum dass der Sprecher mit dem Wort Belfast ganz fertig war. Nur von ganz schlimmen Morden erfährt die Öffentlichkeit überhaupt was, wie bei diesem Kind in Cork oder dem Fall von Rachel, der jungen Frau aus North Dublin, deren Mann festgenommen und dann wieder entlassen worden ist. Was sich da im einzelnen abgespielt hat, weiß sie nicht, aber da sieht man’s mal: Sie wohnt nur zehn Kilometer weiter – und weiß nicht, was läuft.
Heute früh hat sie Leanne nicht gesehen, das geht ihr nach.
Sie musste zeitig weg zu einem Job in Sutton. Die Familie wollte wieder einziehen, nachdem die Maurer weg waren. Paula hat den Anbau geputzt, Böden und Wände gewischt. Es war keine große Sache, nur Zementstaub. Sie ist gegangen, als der Umzugswagen kam. Sie spürt noch den Zement im Mund. Als sie sich auf die Schulter klopft, staubt es. Sie hat den Staub aus dem einen Haus ins nächste mitgenommen und zweimal an einem
Vormittag denselben Staub gewischt. Verrückt.
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