Jazztime von Roddy Doyle, Hanser, 2006

Roddy Doyle

Jazztime
(Leseprobe aus: Jazztime, Roman, 2006, Hanser - Übertragung Renate Orth-Guttmann)

In New York konnte ich mich eingraben. Das sah ich schon vom Schiff aus, als wir unter einem kalten Morgenhimmel, der hinter mir rasch heller wurde und den Dunst von der schieferfarbenen Wasserfläche vertrieb, an der Freiheitsstatue vorbeifuhren. Was sich da über mir auftürmte, war Manhattan. Winzig klein machte es die Leute um mich herum. Alle starrten auf diese von Menschenhand gemachten Klippen und die noch höher ragenden Klippen dahinter, die weit in dieses Land Amerika hineinreichten und den Menschen den Zugang verwehrten. Ich sah die Furcht in ihren Augen.

Augen, in die ich sehen konnte, ohne daß ich Angst haben mußte, erkannt zu werden. Es waren keine irischen Gesichter, und an den Mantelsäumen war keine irische Erde, sie waren quer durch Europa geschleift worden. Hier reisten ganze Familien, drei und vier Generationen; die Iren reisten allein. Uralte Frauen mit eingefallenen, bösen Gesichtern, die Hände um Taschen gekrampft, die sie über einen ganzen Erdteil mitgeschleppt hatten, Taschen voll von Bindfäden und Eierschalen und Steinen aus den Mauern verlorener Häuser. Dahinter ihre Männer, unter Bärten versteckte Gesichter, die Augen noch jung und kampfbereit. Sie bewachten die Kisten und Kästen zu ihren Füßen. Und ihre Söhne und Töchter, Enkel und Enkelinnen, unter gestickten Umschlagtüchern und schwarzen Mützen, und ganz kleine Kinder und schwangere Mädchen, neben denen magere Jungen standen und saßen - alle eingeschüchtert durch die näher rückenden Klippen der Stadt. Selbst die Jüngsten spürten, daß ihre Aufgeregtheit unerwünscht war, und blieben stumm, als die Reliance kleine Wellen nach Bedloes Island und zu der dicken steinernen Amerikanerin hinüberschickte - schickt mir die Armen und Geschlagenen, die Heimatlosen schickt, vom Sturm getragen -, während ihre Eltern und Großeltern der Neuen Welt entgegenfröstelten und sich fragten, ob das, was sie sahen, ihre Vorder- oder Rückfront war. Ich war der einzige alleinreisende Mann, der einzige, der keine Angst vor dem hatte, was da vor uns hochwuchs. Hier konnte man abtauchen, konnte, wenn man wollte, sterben und zu einem tollen, temporeichen Leben wiedergeboren werden.

Ich war angekommen.

Vor Manhattan aber drehten wir ab, fuhren fast wieder hinaus in die Nacht und nahmen Kurs auf New Jersey. Um mich herum wurde es noch stiller, als die Insel langsam vor uns auftauchte - die letzten paar Quadratmeter der alten grausamen Welt, die in allen an Bord gesprochenen Sprachen genauso hieß und die nun immer näher kam: Isola delle lacrime, Träneninsel. Ellis Island.

Hunderte von schlurfenden Fußen, eingesperrt unter der gewölbten Halle, in der Luft das Geraune der Millionen, die sie schon passiert hatten, die Schluchzer der Tausende, die man aufgehalten und zurückgeschickt hatte. Ich horchte auf das Tocktock eines berühmten Beines, aber ich hörte nichts. Alte Männer versuchten, allzulang gekrümmte Rücken zu straffen, Mütter rubbelten rücksichtslos Farbe in die blassen Wangen ihrer Kinder. Wilde Männer fuhren sich mit den Fingern durch lange Bärte und bereuten, daß sie sich nicht rasiert hatten, ehe sie von Bord gegangen waren. Jüdinnen streichelten die Schläfenlocken ihrer Söhne und versuchten, sie unter Mützen zu verstecken. Bruchstücke der neuen Sprache wurden ausprobiert, von Mund zu Mund gereicht.

"Ja, Sir."

"Nein, Sir."

"Mein Vetter, er haben ein Haus."

"Ich bin ein Farmer."

"Qu-eens."

Der Amtsarzt sah mir in die Augen. Ich wußte, wonach er suchte. Ein hinkender, kurzatmiger Anarchist, der seinen siebten Einwanderungsversuch unternahm, hatte mich gründlich aufgeklärt.

"Sie sehen dein Hinkebein, aber nicht dein Hirn", hatte er gesagt. "Idioten! Sobald sie kapiert haben, daß ich zu gefährlich für ihr Land bin, will ich ihm gern den Rücken kehren. Bis dahin pendele ich weiter zwischen Southampton und ihrem Ellis Island."

"Wenn du dir die erste oder zweite Klasse leisten könntest",

sagte ich, "hättest du es nicht nötig, auf Ellis Island an Land zu gehen."

"Wem sagst du das? Leisten kann ich's mir. Ich will aber nicht."

Der Gesundheitsinspektor suchte nach Anzeichen von Trachom in meinen Augen und von Wahnsinn dahinter. Viel Zeit konnte er sich nicht nehmen, das konnte keiner. Er fand keinen Grund, mich zurückzuschicken. Links von mir malte ein Inspektor mit einem nagelneuen Stück Kreide ein großes L auf eine Schulter. L wie Lunge. Ich kannte die Symptome von klein auf. Der Mann mit dem nagelneuen L hatte schon aufgegeben. Er sackte zusammen und hustete sich halbtot, sie mußten ihn wegtragen. Ein A auf der Schulter bedeutete schlechte Augen, ein H bedeutete Hinken. Und es gab noch mehr Buchstaben, nur daß sie für die keine Kreide brauchten: J für zu jüdisch, C für Chinesen, SO für zu weit südlich und östlich von Budapest, H für Herz, K für Kopfhaut, X für gestört.

Und H für hübsch.

Die Wachposten traten zurück, und ich ging die paar Schritte zum nächsten Schalter, ließ meine Hacken auf die Fliesen knallen. Zwei schöne Schwestern hielten sich engumschlungen, als man sie beiseite schob. Für Frauen ohne Eltern oder Kinder war die Gefahr zu groß, daß sie auf den Kais von Manhattan oder New Jersey in unrechte Hände kamen. Wenn diese beiden Glück hatten, durften sie auf der Insel bleiben, bis sich Verwandte fanden, die sie aufnahmen; mit etwas weniger Glück wurden sie begrapscht und durften dann passieren; wenn es mit dem Glück überhaupt nichts werden wollte, wurden sie deportiert, das heißt zurückgeschickt, ehe sie angekommen waren.

Ich gab dem Einwanderungsbeamten meinen Paß und meine Papiere. Er schlug den Paß auf und sah den Zehn-Dollar-Schein, den ich hineingelegt hatte. In Null Komma nichts war der Schein weg. Ich hatte ihn dem asthmatischen Anarchisten abgenommen, dem tat das nicht weh. Dann kam der Katechismus, kamen die Fragen, in denen ich sattelfest war.

"Name?"

"Henry Drake."

"Woher?"

"London."

"Was suchen Sie in den Vereinigten Staaten?"

"Meine Chance."

So weit, so leicht.

Dann hielt er inne. Schaute mich an.

"Von wo sind Sie eingereist, Sir?" fragte er.

Das gehörte nicht zum Fragenkatalog.

"London", sagte ich.

Er guckte, als wenn er das Wort sehen könnte.

"Sie sind geborener Engländer, Sir?"

Er las meinen Nachnamen.

"Mr. Drake?"

"Ja."

"Und wo ist Missis Drake, Sir?"

"Die gibt's nur in meinen Träumen."

"Sie reisen also allein, Sir? Sie sind ledig."

"Stimmt."

"Und wovon gedenken Sie zu leben, Sir?"

Wir waren wieder auf Kurs.

"Von harter Arbeit."

"Was für Arbeit?"

"Ich bin Verkäufer."

"Und Ihre Spezialität?"

Ich zuckte die Schultern.

"Alles und jedes."

"Na schön. Und haben Sie ausreichende Mittel zum Leben, bis Sie anfangen können, alles und jedes zu verkaufen?"

"Jawohl."

Er reichte mir ein Blatt Papier.

"Könnten Sie mir das bitte vorlesen, Sir?"

"Wir, das Volk der Vereinigten Staaten, von der Absicht geleitet, uns darin zu vervollkommnen..."

Und während ich problemlos den Lesetest hinter mich brachte, spürte ich meinen Bruder Victor neben mir, spürte, wie sich auf der Schulbank sein Bein an meins schmiegte, wie an meiner Seite Miss O'Shea stand, meine Lehrerin und meine Frau, die Mutter der Tochter, nach der ich plötzlich Sehnsucht hatte, deren feuchten Finger ich auf meiner Wange spürte.

"... und das Glück der Freiheit uns selbst und unseren Nachkommen zu bewahren, setzt diese Verfassung für die Vereinigten Staaten von Amerika in Geltung."

Er nahm mir das Blatt aus der Hand, griff nach einem Gummistempel und drückte ihn auf eine Karte. Ich las den Stempel: EINREISE GENEHMIGT.

"Willkommen in Amerika", sagte er.

Amerika, nicht einfach die USA. Amerika war größer als die Vereinigten Staaten, größer als die Welt. Amerika: Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Er streckte mir Paß und Anmeldekarte hin, hielt aber beides noch fest.

"An Ihrem Akzent müssen Sie allerdings noch arbeiten, Sir. Slán leat*."

Das ging mir nach, aber nur so lange, bis ich die letzten Stufen hochgestiegen war und in mein erstes amerikanisches Sonnenlicht hinaustrat. Und mit einem anderen Akzent begrüßt wurde.

"Sprechen Amerikanisch, Alter?"

"Schwirr ab."

"Okay, weiß Bescheid", sagte der Schlepper.

Er gehörte zu denen, die sich die neuen Amerikaner schnappten, all die Leute, die um mich herum und an mir vorbeiwimmelten, Bahnfahrkarten ans Revers gepinnt, Anmeldekarten zwischen den Zähnen, Koffer und Taschen in den Händen. Mußte ein cleverer Bursche sein, wenn er es bis auf die Insel, bis unter den Portikus geschafft hatte. Ich registrierte den Filmstaranzug, den Hut, den verborgenen Akzent. Ich gab ihm meinen Pappkoffer. Er war leer. Ich sah nicht zurück, aber ich hörte, wie er den Hohlraum abklopfte und den Koffer ins Wasser warf. Ich holte meinen Paß raus, um ihn hinterherzuwerfen, besann mich, drehte mich um.

"Hey", sagte ich. "Wollen Sie einen Paß kaufen?"

Er steckte die Hände in die Taschen und holte vierzig, fünfzig Pässe raus.

"Schwirr du ab, Alter", sagte er.

Ich winkte, drehte mich um, ließ den Paß flach auf dem Wasser landen und sah zu, wie er sich vollsog und versank.

Ich war ein unbeschriebenes Blatt.

Das war am 16. März 1924, zwei Jahre nachdem ich Dublin verlassen hatte.

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