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Ein grüner
Junge
(Leseprobe aus: Ein
grüner Junge, Roman, 5. Kapitel, 2007, Ammann
- Übertragung
Swetlana Geier)
I
Ein Rothschild zu werden – das ist meine Idee. Ich bitte den Leser, ernst zu
bleiben und Ruhe zu bewahren.
Ich wiederhole: Meine Idee ist – ein Rothschild zu werden, ebenso reich wie
Rothschild; nicht einfach reich, sondern eben wie Rothschild. Warum, weshalb,
welche Ziele ich damit verfolge – davon später. Zunächst möchte ich nur
beweisen, daß das Erreichen meines Ziels mit mathematischer Sicherheit
garantiert ist.
Die Sache ist ganz einfach, das ganze Geheimnis liegt in zwei Worten:
Beharrlichkeit und Ausdauer.
»Haben wir schon gehört«, wird man sagen, »so neu ist das nicht. Jeder
›Fater‹ in Deutschland predigt das seinen Nachkommen, indessen ist Ihr
Rothschild (das heißt, der verblichene James Rothschild von Paris, den meine
ich), nur ein einziger, bei Millionen von ›Fetern‹.«
Darauf würde ich antworten:
»Sie behaupten, das hätten Sie schon gehört, indessen haben Sie rein gar
nichts gehört. Freilich, in einem Punkt haben auch Sie recht: Als ich sagte:
Die Sache ist ›ganz einfach‹, hätte ich hinzufügen müssen, daß sie
zugleich die allerschwierigste ist. Sämtliche Religionen und sämtliche
Sittenlehren der Welt laufen auf dasselbe hinaus: ›Liebe die Tugend und fliehe
das Laster.‹ Was könnte, scheint es, einfacher sein? Schön, setzen Sie sich
doch einmal für die Tugend ein, und fliehen Sie ein einziges Ihrer Laster,
versuchen Sie es doch mal – na? Genauso ist es.«
Deswegen können Ihre zahllosen »Feter« im Laufe zahlloser Jahrhunderte diese
zwei erstaunlichen Worte, die das ganze Geheimnis enthalten, predigen, und
Rothschild wird dennoch nur ein einziger bleiben. Das bedeutet: Das Gleiche ist
nicht das Selbe, und die »Feter« predigen keineswegs den selben Gedanken.
Auch Sie haben zweifellos von Beharrlichkeit und Ausdauer gehört: Aber mein
Ziel erreicht man nicht mit »feterlicher« Beharrlichkeit und »feterlicher«
Ausdauer.
Schon dieses Wort »Feter« besagt – ich spreche nicht nur von den Deutschen
–, daß er, ein Familienvater, so lebt wie alle, dieselben Ausgaben hat wie
alle, dieselben Pflichten erfüllt wie alle – und somit niemals ein
Rothschild, sondern nur ein Durchschnittsmensch werden kann. Ich sehe es nur
allzu klar, daß ich, sobald ich ein Rothschild bin oder auch nur ein Rothschild
zu werden wünsche, eben nicht à la »Feter«, sondern ernstlich, daß ich
schon damit stracks aus der Gesellschaft aussteige.
Vor einigen Jahren las ich in den Zeitungen, daß auf der Wolga, auf einem
Dampfer, ein Bettler gestorben ist, der in seinen Lumpen um Almosen bettelte und
allen in der Gegend bekannt war. Nach seinem Tod fand man bei ihm fast
dreitausend Rubel in Banknoten, die er in seine Fetzen eingenäht hatte. Und vor
einigen Tagen las ich abermals von einem aus besseren Kreisen stammenden
Bettler, der durch die Wirtshäuser zog und die Gäste anbettelte. Man nahm ihn
in Verwahr und fand bei ihm fast fünftausend Rubel. Daraus lassen sich zwei
Schlüsse ziehen: Erstens – Beharrlichkeit beim Anhäufen selbst von
Kopeken-Beträgen führt auf die Dauer zu einem kolossalen Resultat (die Dauer
ist in diesem Fall ohne Belang), und zweitens – selbst die einfältigste Form
von Kapitalbildung, wenn nur mit Ausdauer betrieben, garantiert den Erfolg mit
mathematischer Sicherheit.
Indessen gibt es, vielleicht nicht einmal wenige, achtbare, kluge und
beherrschte Menschen, die (sosehr sie sich auch darum bemühen) weder drei- noch
fünftausend zusammenbringen, wiewohl sie sie brennend gern zusammenbrächten.
Wie kommt das? Die Antwort ist kurz und klar: Weil kein einziger von ihnen,
ungeachtet all seines Wünschens, es so stark will, daß er zum Beispiel, wenn
es nicht anders ginge, sogar zum Betteln bereit wäre; und weil kein einziger
von ihnen beharrlich genug ist, um auch als Bettler die ersten erbettelten
Kopeken nicht für ein üppigeres Essen für sich selbst oder für seine Familie
auszugeben. Indessen muß man bei dieser Methode der Kapitalbildung, beim
Betteln, sich nur von trocken Brot mit Salz ernähren und von sonst nichts,
wenigstens meiner Meinung nach. So sind wahrscheinlich auch die beiden oben erwähnten
Bettler verfahren, d. h., sie ernährten sich nur von Brot und hausten fast
unter offenem Himmel. Kein Zweifel, die Absicht, ein Rothschild zu werden, lag
ihnen beiden fern. Sie waren nur Harpagons und Pljuschkins reinsten Wassers,
nichts sonst; aber auch bei bewußter Kapitalanhäufung in völlig anderer Form,
jedoch mit dem Ziel, ein Rothschild zu werden, wird dem Menschen nicht weniger
Wollen und Willenskraft abverlangt als diesen beiden Bettlern. Ein »Fater«
kann so viel Kraft sich nicht abringen. Die Kräfte auf dieser Welt sind sehr
verschieden, Willenskräfte und Wunschkräfte ganz besonders. Eine bestimmte
Temperatur bringt Wasser zum Kochen, und eine bestimmte Temperatur bringt Eisen
zum Rotglühen.
Das ist Kloster, das ist Askese. Ein Lebensgefühl, nicht eine Idee. Warum?
Wozu? Ist es moralisch, ist es nicht krankhaft, lebenslang in Lumpen
herumzulaufen und trockenes Brot zu essen, während man solche ungeheuren Summen
bei sich führt? Aber zu diesen Fragen später, jetzt nur von der Möglichkeit,
das Ziel zu erreichen.
Als ich mir »meine Idee« ausgedacht hatte (und sie ist eigentlich Rotglühendes),
begann ich, mit mir zu experimentieren: Bin ich für Kloster und Askese überhaupt
geeignet? Zu diesem Zweck habe ich mich den ganzen ersten Monat nur von Brot und
Wasser ernährt. Täglich brauchte ich nicht mehr als zweiundeinhalb Pfund
Schwarzbrot. Um diesen Versuch durchzuführen, mußte ich den klugen Nikolaj
Semjonowitsch und die wohlwollende Marja Iwanowna hintergehen. Ich bestand
darauf, daß mein Mittagessen zu ihrem Kummer und einer gewissen Befremdung des
überaus taktvollen Nikolaj Semjonowitsch auf mein Zimmer gebracht wurde. Dort
habe ich es einfach beseitigt: Die Suppe schüttete ich zum Fenster hinaus,
entweder in die Brennesseln oder wohin auch immer, das Rindfleisch warf ich
durchs Fenster dem Hund vor oder steckte es, in ein Stück Papier gewickelt, in
die Tasche, um es später hinauszutragen, und verfuhr ebenso mit allem anderen.
Da zum Essen weniger als zweiundeinhalb Pfund Brot gereicht wurden, kaufte ich
mir Brot aus eigener Tasche dazu. Ich habe diesen ganzen Monat durchgehalten und
mir höchstens ein wenig den Magen verdorben; aber im folgenden Monat erlaubte
ich mir zu dem Brot etwas Suppe und morgens und abends je ein Glas Tee. Und ich
kann versichern, daß ich mich ein ganzes Jahr lang bester Gesundheit und
Zufriedenheit erfreute und moralisch – vollster Glückseligkeit und heimlichen
Entzückens. Als das Jahr zu Ende ging und ich mich überzeugt hatte, daß ich
imstande war, beliebig lange zu fasten, begann ich wieder, dasselbe zu essen wie
die anderen und mit ihnen an einer Tafel zu speisen. Ich habe den verschmähten
Leckerbissen nicht nur nicht nachgetrauert, ich habe gejubelt. Aber dieses erste
Experiment war mir nicht genug, ich führte ein zweites durch: Als Taschengeld
standen mir fünf Rubel zu, die zusammen mit dem Unterhaltsgeld an Nikolaj
Semjonowitsch monatlich überwiesen wurden. Ich nahm mir vor, nur die Hälfte
davon auszugeben. Das war eine sehr schwere Prüfung. Aber nach zweiundeinhalb
Jahren, bei meiner Ankunft in Petersburg, besaß ich, außer dem anderen Geld,
siebzig Rubel, die ausschließlich auf diese Weise erspart waren. Das Resultat
dieser beiden Experimente war für mich einfach überwältigend: Ich hatte mich
definitiv überzeugt, daß mein Wille stark genug war, um mein Ziel zu
erreichen, und darin, ich wiederhole, bestand meine ganze »Idee«; das Weitere
war belanglos.
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