Wüste Meere von Carlos Maria Dominguez, 2006, Eichborn

Carlos María Domínguez

Johnnys Bekenntnis
(Leseprobe aus: Wüste Meere, Erzählungen, 2006, Eichborn - Übertragung Elisabeth Müller)

Für Ramón Báez, der mit Tarzan schwamm
und mir diese Geschichte erzählt hat.

Heute ist es einfach, sich über Tarzan lustig zu machen. Über den Mann, der mit dem Affen auf der Schulter, an eine Liane geklammert den Krokodilen die Zähne putzte. Wir kennen ihn aus Büchern, aus Zeitschriften und aus dem Kino, zusammen mit der beeindruckenden Jane und dem Elefanten Tantor. Wie hätten wir ihn nicht bewundern sollen, wenn er sich während der Matineen auf der Leinwand irgendeines Stadtteilkinos mit ausgebreiteten Armen in die Brust warf, dann die Hände aneinander legte, den Oberkörper straffte und sprang, um in den Fluß zu tauchen wie eine Nadel ins Seidentuch. Keiner ließ es sich nehmen, den Ruf des im Urwald verlorenen Mannes nachzuahmen, einen Schrei, der über seine Einsamkeit triumphierte. Nur ich kann mich nicht über Tarzan lustig machen und ertrage kaum, was die Zeitungen über ihn schreiben. Daß dieser Schrei alle irdischen Vorstellungen von Gut und Böse übertraf, wußte er. Und ich weiß, daß er ihn versucht hat. Ich höre ihn förmlich mitten im Gelächter meiner Clique, die sich an dieser Absurdität ergötzt und mich bittet, ihn noch einmal nachzuahmen, wie in alten Zeiten. Denn ich bin mit Tarzan geschwommen, aber von diesen Kerlen - die gute Arbeiter sind und niemandem etwas zuleide tun, keine Frage - wird keiner mehr den Schrei aus meinem Munde vernehmen.

Ich war neunzehn und arbeitete als Stauer im Hafen von Montevideo, als ich erfuhr, daß er gekommen war, um auf Einladung von General Perón in Rosario de Santa Fe die Schwimmer zu trainieren. Ein Kumpel aus Caramelo, mit dem ich die Säcke auf die Schiffe schleppte und Jahre zuvor auf Wasserpflanzen am Ufer des Flusses entlanggetrieben war, erzählte mir davon. Julio war zwanzig Jahre älter als ich und ich kannte ihn seit damals, als jeder, der sich nicht entschließen konnte, das Delta zu überqueren, ein Hosenscheißer war. Ich sah die anderen in der Strömung des Uruguay auf den großen Blättern sitzend dem breiten grünen Küstenstreifen Argentiniens entgegentreiben. Und ich sah sie, mit Lärm und Gelächter in der Nachmittagsströmung wiederkommen. Sie verbrachten den Tag auf der Insel Doña Julia, aßen Früchte von den Bäumen und kehrten voller Geschichten, die ihnen die Sonne auf die Rücken tätowiert hatte, wieder zurück.

Natürlich spotteten sie über meine Angst, und zwar zu Recht. Denn bis zu meinem fünften Geburtstag weigerte ich mich strikt sie zu begleiten. Aber von da an kannte ich kein größeres Vergnügen mehr, als mich halb eingetaucht stromabwärts treiben zu lassen, den grünen Horizont vor Augen, der sich so mühelos näherte, als zöge ihn jemand an einer Schnur heran. Ich wurde Schwimmer, erstens aus Ehrgeiz und zweitens aus Treue zu jener Clique, die angeführt wurde von dem weit überlegenen Julio, der aber nach meiner ersten Überfahrt nur noch zwei Jahre seine unangefochtene Stellung behielt. Jahre später schwamm ich die zwölf Meilen von Palmar, die zwanzig Meilen von Carmelo und die dreißig von Uruguay, überzeugt, der beste Langstreckenschwimmer der Region zu sein, wegen der Medaillen, die ich gewann und dann irgendwo wieder verlor. Ich erinnere mich an die Leute, die an Lagerfeuern, mit Liegestühlen und Grillfleisch das Flußufer bevölkerten und mich anspornten, wenn ich vorüberschwamm, Ziellinie Arm, Bein, Arm, mit nasser Bademütze und angelaufener Schwimmbrille, Kopf unter Wasser, Kopf über Wasser, als wäre jeder Schwimmstoß ein Foto. Ich hatte gelernt, im Wasser meine Muskeln zu beobachten, die stärksten Strömungen zu suchen und die Wadenkrämpfe mit einer Nähnadel zu beheben, die ich stets dabei hatte. Kaum spürte ich die Milchsäure in die Wade schießen, stach ich die Nadel kräftig hinein und dachte in den Sekunden, bis sich die Säure mit dem Wasser mischte, an Julio und an Julios Mutter, denn der Tipp war genial, dann schwamm ich, dankbar für das Geheimnis und die Linderung, flink wie ein Fisch weiter flußabwärts...

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