Dominik Dombrowski

Türme des Schweigens
(Leseprobe aus: "fortte Pirato", Lyrik, 2003, Haller-Verlag, vergriffen)

Eine fliege schleppt sich in den tod glänzende greise 
prozessionsgängerin voll not im grünschwarzen
kohlekostüm klatscht sie sich ungestüm durch die 
fenstersimsrabatten ein besoffenes euphorisches
weiblein ein schatten der es immerhin noch lebend

Bis in den herbst deiner gegend gebracht hat 
wahrscheinlich ist seine generation so gut
wie ausgestorben in dieser situation klatscht 
sie sich durch dein schnapsgehöft bis vor die fern-
bedienung hin und putzt sich dort erschöpft du fummelst 

Ihr rüd gefesselt an einen dokumentarfilm über die 
vergessene religion der parsen die flügel aus dem 
brüchigen leib die parsen beeindrucken dich wurden sie 
doch als tote in ihrem land auf die türme des schweigens 
gespannt wo die geier die ewig bereiten durch den verzehr 

Ihrer leichname ihnen die seele befreiten und dann während 
du inzwischen einen flügel des insekts verträumt wie pferde-
zügel an deinen fingern zerreibst trittst du ans fensterkreuz
und möchtest schluchzen aus tiefstem hals in die palmen 
die wellensittiche die kakteen geklonte wesen die nah der 

Zentralheizung stehn starrend im stehlampenschatten auf 
dessen schirm im matten braun zwei stumme bemützte
auf dem kutschbock steife rosse eingefroren wie im schock 
in eine winterreise peitschen sind das nicht richard wagner und
friedrich schiller die lieben aus der bildung die mit pistolen

Umeinander fuchteln über wagner steht geschrieben in einer 
sprechblase liebestod  (mit einem totenschädel und zwei
gekreuzen oberschenkelknochen) über schiller schwebt stiller
wie fischglucksen eine denkblase in herzform später da 
deine tränen getrocknet und deine zunge entblößt wie ein 

Zappelnder aal den erdnußbrei aus den zähnen stößt erschlägst 
du fix den taumelnden insektentorso den baumelnden mit der 
fernbedienung öffnest das fenster und berechnest deinen 
gespensterflug auf das pflaster so genau dass du dir beide flügel 
glaubst brechen zu können bevor sich ein sattelschlepper deiner 

Erbarmen und deinen leib mit dem asphalt zu einem rubinroten 
herzen verweben würde mit dem der fernet-branca-adler 
aus der reklame (von den zeichentricksern wie in erz
getüncht) weit weit fortzöge unter panflötentönen ins atlantis 
der glücklichen sozialdemokratischen likörtrinker

(2002)

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