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Null
(aus: Little Alien,
Roman, dtv)
Was für Zeiten. Und was für ein
Himmel!
Noch nie hatte ich so was gesehen, und das gleich nach dem Aufwachen. Direkt in
mich hineingefallen war der Himmel, als ich die Augen aufschlug, und dann erst
die Farbe: karamel, mit Blumen aus Marzipan, ein Himmel zum Essen, unglaublich;
aber der großartige Himmel war - ich kniff die Augen zusammen - aus Stein oder
Gips. Ein stuckverziertes Mauergewölbe. Ab und zu fegten ein paar sanfte Blitze
durch das Dunkel, in dem ich lag mit verbogenen, ausgehebelten Knochen, sogar
blaue Flecke am Oberschenkel und Knie. Gott o Gott, Hölle oder Fegefeuer oder
wo war ich hingeraten? Dazu dieses wunderliche Weihrauchparfüm, besser gesagt:
ein Putzmittelgeruch, und plötzlich eine riesige schillernde Kuppel schräg über
mir, als ich den steifen Hals nach links bog, mein Himmel Nummer zwei, der
echte, denn ein Spruch aus goldenen Buchstaben flammte daraus hervor: Selig
sind, die reinen Herzens sind. Ein Kuß wie eine Ohrfeige.
Und dann, wirklich, hat mich von dort oben aus ein bunter Engel angeblickt, mit
gesenkten Lidern, doch direkt und klar, mein erster Engel - ich küsse dich,
Engel, ich bin nicht mehr allein! - und noch mindestens drei andere sausten
hinter ihm vor und murmelten etwas auf spanisch (allerdings ohne die Lippen zu
bewegen), wohl damit ich nicht verstünde was sie da ausbrüteten. Ich fürchtete,
das Jüngste Gericht sei gekommen, sozusagen über Nacht . . . Oder war ich
bereits tot und das hier meine Beerdigung? Es gab nämlich eine Prozession. Alte
Damen und ein paar Herren mit umgeschnallten Fotoapparaten glitten zwei Armlängen
unterhalb von meinem engen, harten Platz wie Kasperlepuppen vorbei und
garantiert fotografierten sie schon die ganze Zeit meinen Sarg samt der schönen
blutunterlaufenen Leiche. Aber erst jetzt hatte das die arme Leiche bemerkt; das
engelhafte Gemurmel klang inzwischen chinesisch, japanisch, auch englisch, und
die Leiche, die sich eigentlich lebendig vorkam, also längst wiederauferstanden
war, die wartete auf ihre Erleuchtung: Hatte ich nicht eben noch, vor zwei
Minuten, schon zum Umfallen müde, inmitten einer heiligen Zeremonie geschwebt,
in die ich versehentlich geraten war wie in einen schlechten Kindertraum?
Aufstehen, beten, hinsetzen, beten, singen, aufstehen, hinsetzen, zuhören,
singen, mußte meinen Kopf dabei festhalten, daß er nicht runterrutschte, unter
die Holzbank, vor Schlaftrunkenheit.
Ich hatte als einzige in dieser hinteren Ecke gesessen gestanden gesungen, was
mir gleich wie eine Falle vorgekommen war, und dann, ja dann mußte es wohl
passiert sein, jaja. Aber was? Hatte ich nicht irgendwo hingewollt, zum Teufel?
Vor kurzem noch, wirklich, also gestern, im Ernst, es war gestern gewesen, in
einem ganz und gar schlechten Traum, dumpf fühlte ich ihn, gestern also bin ich
noch als Lebenslängliche durch mein ausgestorbenes Dorf gekrochen, das immer im
Abendlicht dalag wie eine schlafsüchtige Kröte unter den vergeblichen Küssen
einer Prinzessin. Fast wie ein Trugbild erschien mir jetzt die Erinnerung. Dort
dieser Fachwerkquatsch an den Häusern. Der heilige Georg samt
Buntsandsteindrachen auf dem Marktplatzbrunnen, noch nie hatte ich da rote
Pfennige ins Wasser geworfen, was ja Glück bringen soll, nein nein, an diesem
Ort habe ich nicht glücklich werden wollen, schon immer nicht, sondern unglücklich.
Um fortzukönnen. Oder bitte was hatte ich in einem Nest verloren, in dem
mittags alle Läden geschlossen waren bis auf ein kleines Textilgeschäft, innen
stockdüster und spinnefeindlich, mit einer solch schwarzen und
niederschmetternden Decke, daß sich die Herren die Köpfe verbeulten, weswegen
sie nie ihre Frauen hineinbegleiteten; sondern draußen ausharrten, eine
absichtliche Decke, der Laden führte Spitzenunterwäsche, aber läppische
Qualität. In einem Nest, wo man samstags nicht etwa in der Sonne saß oder auf
dem Schlitten im Schnee, sondern die Hauswände von außen abschrubbte, und zwar
mit Seifenlauge, und sich in den Vorgärten zu den auf Todesstreifen gesetzten
Steinplatten der Gehwege die passenden, also gezackte oder konvexe oder konkave
oder oktavierte pikierte Frisurenheckchen hielt sowie Pekinesen an lila
Hundeleinen und Papierkörbe alle paar Meter neben der Hauptstraße - aus so
einem Sarkophag mußte man einfach fort, schnellstens. Oder erschieß mich
lieber. Luise, liebste Luise, das siehst du doch ein, nun nicke schon mit deinem
lustigen Lockenkopf.
Aber Luise, mein einziger Mensch weit und breit, mein einziger Lichtblick, beste
Freundin über all die seltsamen Jahre hin, sie hatte ich gar nicht mehr
gesehen. Es war alles so furchtbar schnell gegangen.
Es war alles ganz und gar plötzlich und hoppla hopp gegangen. Noch
absonderlicher als ein Trugbild kam mir diese Tatsache vor. Denn, kaum zu
fassen, ich war wirklich und wahrhaftig vor jenem greisen Drachen auf und davon
geflohen. Einfach so. Von einem Moment auf den anderen. Das war alles. Ich hatte
das geschafft, so wie es aussah. Und vor meiner zuckersüßen, vergeßlichen
Mama . . .
Oh, Mama! Nicht schon wieder wollte ich an sie denken , nicht gleich nach dem
Aufwachen, hier, in diesem Chaos . . .
Ihr war ich schon immer, von kleinauf, in schöner Regelmäßigkeit auf und
davon, an diesen Tagen, ich weiß noch, die Schnapsflaschen hatten sich neben
ihrem Bett gestapelt, sie hatte meinen Namen vergessen, sie leckte mich ab und küßte
in mein Haar und lallte, noch klein war ich, und drückte mich zwischen ihre Brüste
und dämmerte von einer Ewigkeit in die nächste, in sich selbst verstrickt,
verriegelt, verloren. Ihr kleines Mädchen unterdessen weinte nach Pudding und
Schokolade und zerriß seine sowieso ja viel zu dummen Puppen. Tagelang saß es
zwischen den rosa Ärmchen aus Kunststoff und Beinchen und Köpfen und Augen,
und Mama saß zwischen den klackernden Flaschen, und irgendwann, wie immer, ist
sie mit mir über die Bahngleise gerannt hinterm Dorf, nahm mich mit ans Ende
ihrer Welt, erwartete fieberhaft den nächsten Bummelzug, ich weiß nicht, zum
Aufspringen, zum Drunterspringen, währenddessen ihr Kitz ganz still eine Tüte
Karamelbonbons aufaß. Oder sie hockte in ihren geflickten Seidenstrümpfen und
dem verschlissenen Kostüm am Küchenfenster, zerbiß ihre Lippen und zeigte
hinaus und hinauf und rief: Ist das nicht ein goldener Oktober, Kindchen, immer
strahlt es so, er ist wieder auferstanden, nein nein, kein Mensch stirbt, wenn
er stirbt, sondern er fängt an zu strahlen - so! Sie breitete die Arme aus,
dabei war es gerade Mai. Das Strahlen wollte ich weghaben und preßte die Augen
zu. Du bist ein Engel, flüsterte sie, du gehörst mir! Nirgends kann ich mehr
hin, schrie sie, er hat mich verlassen und weg und er ist weg er ist weg er ist
weg . . .! ! (Nein, so wollte ich niemals enden, so laß ichs nicht mit mir
machen, meine Lieben, so nicht! ) Sie riß das Fenster auf und das Weinen brach
heraus und fiel über unser restliches Dasein, explodierte, eine Brücke sprang
auseinander, die Bäume warfen alle Blätter ab, der Tag floh erschrocken davon,
dort die rote vergorene Sonne, im Nebel flogen die Sperlinge, warfen ihre Zehen
wie Nägel ins Licht, über goldglänzenden Steinen ihr Flattern und zwischen Blütentrauben
das wüste Gesicht meiner Mutter . . . Ich nahm ihren Kopf und holte ihn aus dem
Sturm. Mama, nicht weinen. Da ließ sie mich nicht mehr los, krallte sich in
mich, bis sie endlich einschlief. Da lag sie in ihrem Dreck, ihrem Schweiß. Der
Geruch ihrer Haut wie Sauermilch, ein wenig scharf. Nachts schlich ich davon.
Die Bauern lasen mich morgens mit ihren Kartoffeln vom Acker auf.
Und nun war ich endgültig fort.
Fort von Mama, ganz und gar. Mama, die jetzt als Statue zwischen den Gemäuern
eines LKHs ragte, sich dabei in einer ägyptischen Pyramide und meinen Vater tot
wähnte, der ihr und ihrer damals zweieinhalbjährigen Ellie auf
Nimmerwiedersehen davongerannt war, Frau und Kind, Pustekuchen. Jahre später
hatte sie plötzlich begonnen, mich immerfort anzuschreien: Du hast ihn
umgebracht, du hast ihn umgebracht! Da war ich schon zwanzig, sonst redete sie
nichts, kein Sterbenswort mehr, die Haare fielen ihr vollständig aus, und das
einzige, wozu sie sich noch rührte, war, in einem alten ägyptischen Bildband
zu blättern, der einmal meinem sogenannten Vater gehört haben sollte. Während
ich ihr täglich ein Süppchen kochte, die Blumen goß und das Bad ausschrubbte.
Über Jahre hinweg. Alles immer gleich. Nicht, weil ich das gemußt hätte. War
einfach zu traurig für etwas anderes. Mir ist nichts eingefallen. Sie hat mir
leid getan, andauernd. Sie hat nur mich gehabt.
Und eines Tages hatten Sanitäter sie direkt vom Billig-Markt (Mama warf wahllos
mit Konservendosen und Grapefruits) auf einen Berg in ein einsames Haus
gebracht. Dort hatte sie zuerst vom Hof ins Leere hinauf gewinkt, wo plötzlich
ein großer Falke neben einer Gardine aufgetaucht war und zugesehen hatte, wie
man ihr den Koffer wegnahm, den ich ihr eilig gepackt hatte, und das
Silberkettchen mit dem ägyptischen Anch, und dann hatte ich Mama am Arm einer
weißbekittelten Dame davongehen sehn, meine Mama, die geschlagen war, tot der
Mann, die Tochter schlecht ernährt und unverheiratet und verrückt, jetzt reist
sie mit meinem Geld nach Zentralafrika, habe sie mürrisch zu der alten
Klinikleiterin gesagt, die sich entzückt ihre Hand auf den Busen gelegt habe:
der erste Satz von Mama in ihrer Klinik - und für weitere unzählige Monate der
letzte.
Nicht mit Mamas Geld - sie besaß gar keins - sondern mit meinen letzten blauen
Scheinen, die ich als Blutwegputzerin im Operationssaal des Kreiskrankenhauses
gesammelt hatte, bin ich fortgeflohen.
So war das. In all den Jahren kleinerer und größerer Versuche hatte ich es zu
etwas Besserem als immerfort Aushilfskraft zu sein, nie und nie und ums
Verrecken nicht gebracht, trotz Note zwei oder eins in allen Zeugnissen, trotz
allerbestem Matheabitur, danach nichts mehr zu Ende bringen können, nie, wozu
auch, wohin mit mir, ja, wohin. Was für Fragen. Wußte nicht, ob ich gelebt
hatte. Ob ich überhaupt irgendwas wollte. Und dann also ganz und gar auf und
davon ~bloß: wohin . . .). Mitten in der Nacht, mitten aus diesem stacheligen
Traum heraus, dem komischen Leben, mein Vater fort, oder tot, meine Mutter fort,
oder tot, verloren gewesen und wild war ich, hatte eine kurze Eingebung in die
Tat umgesetzt, auf der Stelle, ein schlafwandlerischer Fußtritt über die nächstbeste
Schwelle, jetzt kamen die Bilder dazu, dumpf und verwaschen: Es hatte zu dunkeln
begonnen. Es ist einer dieser einsamen Abende gewesen. Luise mit ihrem Benno
wohl sicherlich vorm Fernseher, in ihrer kleinen Welt, und ich in Mamas Wohnung.
Und die Stille rauschte, Mamas Blumen mittlerweile alle verwelkt, und Suppe
kochen tat ich schon längst nicht mehr, wozu. Wohin. Ich starrte aus dem
Fenster, ins Graue, stundenlang, irgendein Baum bewegte sich dort zwischen ein
paar Laternen. Und dann zog ich mir bloß die Schuhe an und bin hinausgelaufen.
Braune, abgewetzte Schuhe. Und mit dem Bus in die Kreisstadt. Automatisch. Der
Busschaffner hatte die Markstücke genommen, ganz selbstverständlich, er sah
mich auch nicht komisch an. Auch ich fand nichts Komisches dabei. Gar nichts
hatte ich empfunden. Und dann der Schnellzug Richtung Taiga oder Sibirien, um
mich herum bauschten scheckige Röcke, hingen blasse düstere Gesichter wie Gemälde
in den Ecken, massenhaft Rauch, Asche, Schnaps, Katzen, Hunde, ein nackter,
stinkiger Truthahn, der unterm Gepäcknetz baumelte, eine Spieluhr, die immer
wieder losging, kaum daß der Zug sich in die sanfteste Kurve legte, und es war
Sonntag gewesen, als ich ausstieg.
Mit nichts als einer vollgestopften großen Handtasche - die sowieso immer
vollgestopft war - und einem viel zu warmen Kleid auf der Haut, denn selbst
zwischen diesen kühlen Gemäuern und Goldkuppeln und Gipshimmeln stand die Luft
feuchtwarm und ölig.
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