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eins
(Leseprobe aus:
Aufräumen, Roman, 2008,
Kunstmann)
Austickender Mann in der Straßenbahn, Beat schätzt ihn auf etwas mehr als ein halbes Jahrhundert, er hat sich nicht gut gehalten, und die Frage ist, wie viel Ärger hat er zu bieten? Er sitzt zwei Reihen vor Beat und ist ihm aufgefallen, weil er den Kopf und die Hände ständig bewegt, als führe er mit jemandem eine heftige Unterhaltung, mit einem Arsch, der ihn niedermachen will, das lässt er sich nicht bieten. Man hört nichts, denn er brüllt in sich hinein, und er sieht so aus, als würde er das seit Stunden tun.
Die Bahn fährt in die Haltestelle und hält, der Mann steht an der Tür, sieht hinter sich, muss raus, den Feind abschütteln, ehe er gezwungen ist, ihm den Hals durchzuschneiden. Doch die Türen öffnen sich nicht – weil die Straßenbahn den Haltepunkt noch nicht exakt erreicht hat, blockiert wird von einer Bahn, die erst weiterfahren muss, ein einfaches Problem, das der Typ nicht registriert. Man kann ihm ansehen, dass er jetzt bereit ist, die Wand hochzugehen, Beat kennt dieses Gefühl, man ist nervös, hat eine schlaflose Nacht hinter sich, hat ein paar miese Gespräche ertragen müssen, braucht ein Glas, braucht Abstand zu all dem mobilen Fleisch im Waggon, den quengelnden Kindern, dem stumpfen Rentnergequatsche, den idiotischen Klingeltönen, dein Körper beginnt zu flirren, du wirst gleich einen Anfall kriegen, willst keinen kriegen, kannst aber nichts dagegen tun, musst sofort, musst endlich ins Freie – warum geht diese Scheißtür nicht auf!
Verflucht! Da stimmt doch was nicht.
Da läuft doch irgendwas schief, und wie immer, sie informieren dich nicht, diese Verantwortlichen, die lassen uns alle hängen, denen ist das egal – und innerhalb von Sekunden zerdehnt sich die Zeit –, wie lange warten wir schon, wie lange müssen wir noch warten, wie lange werden wir wieder einmal gewartet haben, die meiste Zeit des Lebens mit Warten verbracht sowieso, warten auf den Tod, mehr hat das Leben nicht zu bieten, einen Tag wenigstens möchte man ohne Warten erleben, oh Herr, nimm diesen meinen rechten Arm im Tausch nur für einen einzigen Tag, an dem ich nicht irgendwo auf irgendwas in irgendwessen Scheißgesellschaft warten muss!
Beat ist nicht überrascht, als der Ausgetickte explodiert.
Er schlägt mit beiden Fäusten gegen die Scheibe, fängt zu schreien an, springt zurück, dreht sich um, die Augen weit aufgerissen wie im Angesicht des Jüngsten Gerichts. Beat sieht jetzt die Flecken auf seinem Anzug. Von hinten hatte der Anzug nicht schlecht ausgesehen, von vorne passt er nun gut zu einem Durchgedrehten,den sie auf eine Rutschbahn gesetzt haben, auf der er nach unten ins Abseits schlittert, verzweifelt nach einem Haltegriff suchend, aber es gibt keinen, seit Wochen nicht, das ist anstrengend, er schwitzt und hat es satt, in seinem ultramarinblauen Anzug, der ihn auf dem Weg nach unten treu begleitet.
(...)
Rezension I Buchbestellung I home III08 LYRIKwelt © Kunstmann