Der Stolz des Japaners
(aus: Die Schule des Bösen, Roman, 1998, Elfenbein-Verlag)
Der Stolz des Japaners - Eine Anekdote
Bitte merken Sie sich für einen
Moment, wo wir in meiner Lebensgeschichte stehengeblieben sind. Wir wollen später bei
Anna und bei Frau Schaller wieder ansetzen. Zunächst aber drängt es mich, Ihnen etwas
mehr über meinen Vater und über Onkel Gotthilf zu erzählen. Mein Erzeuger der eine,
mein Mentor der andere.
Mein Vater, ein, wie wir wissen, ohnehin nicht eben sinnenfroher Zeitgenosse, litt unter
einem in unseren Breiten ausgesprochen seltenen Gebrechen: Er konnte keinen Alkohol
vertragen. Schon der kleinste Tropfen machte die Umsitzenden zu Zeugen der gespenstischen
Verwandlung Friedhelm Dornheims in einen wüst grölenden Mr. Hyde. Da nun der Ärmste -
selbständiger Kaufmann, wie Sie sich vielleicht erinnern - nicht umhinkam, bisweilen an
Geschäftsessen teilzunehmen, bei welchen Abstinenz als Ausdruck von Schwäche oder
unseriöser Durchtriebenheit galt, beschloß Dr. Jekyll, seinem Problem auf den Grund zu
gehen und Dr. Schedlich aufzusuchen.
Das Untersuchungsergebnis war niederschmetternd: »Tja, mein lieber Dornheim, ich habe
hier Ihre Laborwerte vor mir liegen. Seltsam, wirklich seltsam
«
»Krebs?« erkundigte sich mein Vater mit zittriger Stimme.
»Blödsinn! Wer hat Ihnen denn sowas eingeredet? Warten Sie
Hier, trinken Sie
erst mal einen Schluck Wasser. Sie sind ja leichenblaß. Krebs - so ein Blödsinn! Nein,
die Sache ist zwar äußerst ungewöhnlich, aber vergleichsweise harmlos. Lassen Sie es
mich so erklären. In Ihrem organischen Bausatz fehlt ein winziges Teilchen. Ein Enzym, um
genau zu sein. Und zwar jenes, welches den Alkoholabbau im Körper unterstützt. Ein
Phänomen übrigens, das bislang nur in Japan und einigen anderen asiatischen Gegenden
beobachtet worden ist.«
»Und das bedeutet?«
»Das bedeutet, daß Sie im Grunde Ihres Herzens ein Japaner sind, mein Bester«, nahm Dr.
Schedlich meinen alten Herrn auf die Schippe. »Passen Sie nur auf, daß Ihnen nicht noch
Mandelaugen wachsen!«
»Ich darf also keinen Alkohol trinken?« fragte Friedhelm Dornheim zögerlich.
»Nun«, grinste der Arzt, »sehen wir es doch einfach positiv: Während der
durchschnittliche deutsche Mann für einen Vollrausch mindestens fünfundzwanzig Mark
berappen muß, kommen Sie mit fünfzig Pfennigen hin.«
Da war guter Rat teuer. Noch dazu, wo für den folgenden Tag - Donnerstag, den
18. September 1975 - ein wichtiges Geschäftsessen terminiert war.
Moment mal! Der 18. September 1975? War da nicht etwas? Natürlich, an diesem
18. September verabschiedete der Heidelberger Gemeinderat mit überwältigender
Mehrheit die sogenannte Polizeiverordnung zur Aufrechterhaltung der öffentlichen
Sicherheit und Ordnung im Stadtkreis Heidelberg, im Volksmund »Pennererlaß« genannt.
Die Ordnungshüter sollten künftig befugt sein, Trunkenheit auf öffentlichen Plätzen
»mit Geldbußen zwischen fünfzig und eintausend Mark« zu ahnden sowie »randalierende
Stadtstreicher« aufzugreifen und »zur Abschreckung« vor den Toren der Stadt, an einer
abgelegenen Landstraße, auszusetzen. - Was das mit unserer kleinen Anekdote zu tun hat?
Warten Sie's ab.
Nachdem unsere Geschäftsfreunde im altehrwürdigen Hotel Ritter gespeist hatten, wobei
das Glas Mineralwasser, welches vor meinem Vater gestanden hatte, toleriert worden war,
verlegte man sich zum feucht-fröhlichen Ausklang des Abends in eine Spelunke namens
Weinloch, welches sich bis heute irgendwo in der Unteren Straße auftut und in welchem
Friedhelm Dornheim nach dem ersten und zugleich letzten Glas Bier heillos versinken
sollte
Kaum hatte mein Vater die einhundert Mark für den zertrümmerten Barhocker entrichtet, da
wurde er vom Wirt persönlich der Kneipe verwiesen und dabei zu allem Übel bäuchlings in
eine Schlammpfütze katapultiert. Er hatte sich noch nicht richtig berappelt, schon stieß
er wilde Flüche und Drohungen aus, worunter jene, wonach er »den ganzen Scheißladen in
die Luft jagen« werde, noch die geringste war. Plötzlich hielt ein Polizeiwagen. Zwei
Beamte stiegen aus und forderten den schmuddeligen Krawallbruder auf, sich auszuweisen.
Als sich mein Vater wenig kooperativ zeigte und statt dessen den Ordnungshütern
nahelegte, sich ihren »verdammten Polizeistaat in den Arsch« zu schieben, wurde er rüde
ins Auto verfrachtet und irgendwo zwischen Kirchheim und Sandhausen wortlos der
sternenklaren Nacht übergeben.
Glücklicherweise gelang es ihm, auf freier Strecke
ein zufällig vorbeikommendes Taxi anzuhalten, welches ihn dann wohlbehalten in die
Altstadt zurückgebracht hat.
Seit diesem Tag kann mein ansonsten alles andere als karitativ veranlagter Vater an keinem
Bettler mehr vorbeigehen, ohne dem völlig verdutzten Kerl ein Fünfmarkstück in den Hut
zu werfen und mit verschwörerischem Pathos auszurufen: »Hier, fürs Taxi!«
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