Werden
wir Autographe haben?
(Leseprobe aus:
Fußnoten - Fußangeln, Gedanken,
Glossen, Aufsätze, 2009, Books on demand).
In seinem Essay Das Geheimnis des künstlerischen Schaffens zitiert Stefan Zweig den Ausspruch Goethes ›Man kennt die Kunstwerke nicht, wenn man sie nur fertig sieht, man muß sie auch in ihrem Werden gekannt haben‹. Und er, Zweig, selber ein begeisterter Autographensammler, spürt dann der Bedeutung nach, die die Stadien zwischen erster Vision und Vollendung eines Werkes für unsere Versuche haben, ihnen nahe zu kommen. Die Skizzen, Entwürfe, die verschiedenen Fassungen, die Handschriften und Vorstudien. Sie alle seien, so Zweig, die objektivsten und einzigen Zeugen, an die wir uns halten können, um die Entstehung eines Werkes zu rekonstruieren und einen, wenn auch noch so lückenhaften Einblick in die Werkstatt des Schaffens zu riskieren. Seinem Leser gibt er daher den Rat: »Versuchen wir es. Gehen wir in ein Museum, in eine Bibliothek, an jene einzigen Orte, wo die Objekte zur Hand sind, in denen der Produktionsprozeß einen optischen Niederschlag gefunden hat. Lassen wir uns die Blätter, die Skizzen Mozarts, Beethovens, Schuberts, Bachs, die Vorstudien der großen Maler, die ersten Manuskripte der Dichter vorlegen und versuchen wir, uns von diesen Zeugen etwas darüber erzählen zu lassen, was in dem Künstler geschieht …«
Für Zweig stand es außer Frage, daß es diese beredten Zeugnisse gibt und geben wird, solange gemalt, geschrieben und komponiert wird. Aber stehen wir nicht in der Gefahr, die wertvollen, in Skizzen und Entwürfen festgehaltenen Vorstufen, die frühen, wieder verworfenen oder überarbeiteten Fassungen zu verlieren? Ich meine nicht die Bedrohung durch Papierzerfall oder Tintenfraß, von denen so mache Autographen früherer Jahrhunderte betroffen sind. Aber entzieht sich das Kunstwerk – zumindest das literarische und musikalische – nicht mehr und mehr der physischen Materie, um nur mehr als Datei zu existieren?
Um Mißverständnisse von vornherein aus dem Weg zu räumen: Nichts liegt ferner, als einer lachhaften Technologiefeindlichkeit das Wort zu reden. Es geht hier nur darum, auf einen möglichen Verlust hinzuweisen, den die Elektronisierung des Schreibens mit sich bringen kann: auf den Verlust des Autographs. Gewiß, auch die Künstler früherer Generationen hatten die Möglichkeit, die Vorstufen ihrer Werke zu vernichten und für null und nichtig zu erklären. Doch mußten diese zuvor dem Papier anvertraut worden sein. Der Komponist Karl Amadeus Hartmann beschrieb seine Partituren stets einseitig. Spätere Versionen oder Umarbeitungen einzelner Stellen notierte er auf der freien Rückseite der Blätter und strich die entsprechenden Passagen in der vorderseitigen Partitur einfach durch. So blieben immer beide Fassungen erhalten. Gerade dieser materiellen Fixierung aber stehen wir in Gefahr, verlustig zu gehen. Erste Fassungen können noch vor ihrer Speicherung korrigiert, nachträglich manipuliert, Entwürfe mit einem Mausklick gelöscht werden.
Keine Frage: Die Resultate künstlerischen Schaffens bleiben uns erhalten. Aber werden wir wie bisher dem Geheimnis des Schaffensprozesses nachspüren können in Skizzen, Entwürfen, frühen, verworfenen, korrigierten Fassungen? Werden wir Autographe haben? Die eindeutige Hand des Künstlers? Oder einzig die manipulierbare Datei? Wird in einer Literaturausstellung künftig die Autoren-CD-ROM oder der USB-Stick letzter Hand hinter Glas zu besichtigen sein?
Rezension I Buchbestellung II09 LYRIKwelt © Raymond Dittrich