Der Doktor braucht ein Heim von Irene Dische, 2007, HoCa

Irene Dische

Der Doktor braucht ein Heim
(Leseprobe aus: Der Doktor braucht ein Heim, Roman, 1990/2007, Hoffmann & Campe - Übertragung Reinhard Kaiser)

Überall, wo ich bin, ist auch sie. Ein Geist ist kein Gegenstand, er ist ein Zustand.
Zescha war in all den Frauen gegenwärtig, die in meinem Leben kamen und gingen. Auf der
Haut dieser Frauen spürte ich Zeschas Wärme, in ihrer Erregung Zeschas verzückte Zustimmung,
und wenn sie in ihrem Gebaren erkalteten, verließ Zescha sie, kam zu mir, haßte sie
für mich, doppelt so heftig wie ich. Unlängst sind zwei Frauen unfreundlich zu mir gewesen,
und Zescha ist wütend: »Sieh mal, wie gut du aussiehst! Das dichte Haar, der energische Ausdruck,
die klugen Augen. Aber du hältst dich ein bißchen krumm, sitz gerade – das Kinn
hoch. Na also. Was für ein Mann! Diese Gänse wissen gar nicht, was sie sich entgehen lassen.«

Eine der Frauen heißt Barbara, sie war meine Haushälterin. Sie war bildschön, blond und
sinnlich, ihr Auftreten und ihre Art zu sprechen hatten etwas aufregend Gewöhnliches – eine
polnische Madonna.

Aber gerade deshalb konnte Zescha sie nicht leiden. Zescha hatte immer so etwas Vergeistigtes,
auch wenn sie auf Erden wandelte. Gegen vulgäre Menschen verschloß sie sich. Ihre tiefliegenden
Augen wirkten dann leer, und ich wußte, daß diese Leere Abscheu bedeutet. Sie
empfand Abscheu vor Barbara. Und wenn ich dieses dicke polnische Mädchen liebkoste, das
nach Kleingeld und billigen Süßigkeiten roch, dann wand sich Zescha unwillig in meinen Armen.
Sie ist überglücklich, weil Barbara mich verlassen hat, obwohl die äußeren Umstände unerfreulich
waren: Barbara brachte einen anderen Mann mit nach Hause. Ich fand die beiden
in ihrem Bett, ineinander, aneinandergeklebt.

Barbara war wütend über die Störung. Sie löste sich von ihrem Liebhaber (ein Einfaltspinsel,
ein junger Puertoricaner, ihr Fahrlehrer), richtete sich zu ihrer ganzen prachtvollen Größe auf,
so daß ihr Gehänge vor meiner Nase wippte, packte mich, wie Kongreßpolen in seinen schönsten
Träumen nach Galizien griff, und schleuderte mich ins nächste Zimmer, daß mein Blut
Zeichen an der Wand hinterließ.

Dann tauchte ihr Fahrlehrer auf. Er hatte sich in aller Stille angekleidet, weißer Anzug.
Ich muß zugeben, er machte einen ordentlichen Eindruck. Als er sah, was sie tat, versuchte er sie
zu bremsen. Er schrie sie an: »Laß den Doktor in Ruhe!« Ich sagte mir: Der ist dein Freund.
Die Polizei versuchte mir das auszureden: Sind Sie denn ein Teddybär? Keine Frau könnte
Sie durch zwei Zimmer schleudern. Sie nahmen den Fahrlehrer fest, Barbara packte ihre
Taschen, während ich meine Aussage machte, und als ich das hinter mir hatte, war sie schon
unterwegs zu ihrer Mutter.
Ich brauchte Zeschas Trost, und sie spendete ihn mir reichlich in den Umarmungen und
freundlichen Worten einer Nachbarin. Die Nachbarin säuberte die Wand und die Teppiche
mit einer Spe zial lösung zur Beseitigung von Blut auf Möbeln, die man heutzutage kaufen
kann. Meine Auseinandersetzung mit Barbara ist demnach nichts Ungewöhnliches. Im nachhinein
bin ich übrigens ziemlich stolz darauf. Es ist der erste handfeste Streit mit einer Geliebten,
den ich je hatte. In dieser Hinsicht ist das Leben an mir vorübergegangen, teils wegen der
Zuneigung zu Zescha, meiner Schwester. Teils weil ich nicht zu diesen kräftigen, potenten
Muskelmännern gehöre, die im Kino gezeigt werden und von denen es auf der Straße nur so
wimmelt. Zescha sagte immer, ich sei der einzige Mann in ihrem Leben, geschmeichelt aber
fühlte ich mich deshalb nicht, denn es ändert nichts daran, daß ich Jude bin und ziemlich gebrechlich,
und diese Merkmale sprachen gegen mich. Trotzdem haben mich die Frauen immer
gemocht, weil ich Grips habe, und für meinen Körper war das ein Glück.

Wie sich herausgestellt hat, ist die Nachbarin, die bei mir die Wand saubergemacht hat,
meine Tochter. Sie ist bildschön. Zescha kann nicht leiden, wenn ich etwas über
das Äußere einer Frau sage. In letzter Zeit ist sie recht giftig. Nicht wegen der Nachbarin, die
mir aus reiner Herzensgüte behilfl ich ist. Zescha hat nichts gegen sie, weil sie mir nichts bedeutet.
Zescha hat etwas gegen Gretel, die mich jeden Sonntag besucht und zum Essen abholt.
Die ganze Woche über warte ich darauf.
»Warum eigentlich? Was tut sie denn für dich?«

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