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Ein Licht über
dem Kopf
(Leseprobe aus: Ein
Licht über dem Kopf, Erzählungen, 2005, Deuticke)
Es geschah an einem Frühlingstag. Er saß auf einer Bank, rauchte und
beobachtete, wie zwei Arbeiter die Straßenschilder auswechselten und wie aus
Boulevard Lenin Boulevard König Boris III. wurde. Er beobachtete, wie die Vögel
sich auf dem Boulevard niederließen und die Straßenköter sich hinlegten. Vögel
und Hunde kümmerte es nicht, ob sie sich auf einem Boulevard namens Lenin
oder König Boris eine Ruhepause gönnten. Ihn schon. Da begriff er zum ersten
Mal, daß er weder wie die Vögel noch wie ein Hund leben wollte. Er begriff,
daß man jeden Tag arbeitete und trotzdem am nächsten Tag ärmer als zuvor
erwachte. So waren die Zeiten. Er hatte sie erkannt. Nichts war mehr so wie
zuvor. Und wahrscheinlich war es auch nie anders gewesen. Von da an liebte er
die Abwechslung.
Als erstes wechselte er seine Kleidung. Statt einem Sakko zog er eine
Sportjacke, statt den Schuhen Sportschuhe an. Statt in die Lottostube zu
gehen, ging er zur Bank einer benachbarten Stadt. Statt seinem Gesicht trug er
eine Maske, statt einem Kugelschreiber eine Pistole. Statt dem Glück
hinterherzuhinken, lief er ihm mit Geld in den Händen entgegen. Die Miliz
befand sich gerade in Umwandlung, aus ihr sollte die Polizei werden. An dem
Tag gab es weder einen Milizionär noch einen Polizisten in der Nähe der
Bank. So waren die Zeiten. Wechselhaft. Ein Glück, daß er sie so früh
erkannt hatte. So hatte alles begonnen. So war er ans Geld herangekommen.
Ursprünglich wollte er mit diesem Geld im Ausland eine Operation für seine
Tochter bezahlen. Oder einfach einen Stapel Geldscheine unter ihr kleines Füßchen
schieben, damit sie gerade stehen konnte. Aber er fuhr nicht mehr nach Hause.
Er war schon in die Abwechslung verliebt.
In Wirklichkeit hieß er Vassil Gelev und hatte in einer kleinen traurigen
Stadt eine Frau und eine Tochter, der ein kleines Stapelchen Geld unter ihrem
rechten Füßchen fehlte, um die Erde zu erreichen. Aber was ist schon die
Wirklichkeit. War denn Stojan Wetrev, der drei Wechselstuben, zwei Leibwächter,
einen Freund und keine Sorgen hatte, weniger wirklich? Nein. Denn nichts war
wirklicher als die Veränderung. So dachte Stojan und war zufrieden. Er liebte
die Zeiten, in denen er lebte. Die Frauen liebte er auch, denn sie waren für
ihn wie die Zeiten. Sie wechselten oft ihre Meinungen und Stimmungen. Er hatte
mal versucht, sie zu verstehen. Es war ihm aber nicht gelungen.
»Ich liebe dich«, hatte ihm Maja, seine erste Liebe, unter den Linden des
Boulevards Lenin gesagt.
»Ich liebe dich nicht«, meinte sie zwei Wochen später unter denselben
Linden. Er hatte damals immer noch dasselbe Gesicht, dasselbe Herz und
dieselben Gefühle, trotzdem liebte sie ihn nicht mehr. Er verstand das damals
nicht. Heute dagegen wollte er die Frauen nicht mehr verstehen. Heute liebte
er sie nur noch. Sie liebten ihn, dann liebten sie ihn wieder nicht. Das war
alles, was er über sie wußte. Deswegen merkte er sich auch schwer ihre
Namen. Er sagte auch nie einer Frau, daß er sie liebte, denn kaum war er mit
ihr, liebte er schon die nächste. Denn nichts liebte Stojan Wetrev mehr als
die Abwechslung.
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