Die Tochter. Das Leben der Martha Fontane von Regina Dieterle, 2006, Hanser

Regina Dieterle

Die Tochter. Das Leben der Martha Fontane
(Leseprobe aus: Die Tochter.Das Leben der Martha Fontane, 2006, Hanser)

Das Thema ‚Mete’ ist unerschöpflich.“ (Theodor Fontane an Clara
Stockhausen, 10. September 1878) Hauptschauplatz ihrer Biographie
ist Berlin. Hier wird Martha Fontane am 21. März 1860 geboren. In
ihre Kindheit fallen die drei Bismarck-Kriege, sie erlebt die
Gründung des Deutschen Kaiserreichs, den Aufstieg und den
Untergang. Mitten im Ersten Weltkrieg nimmt sie sich auf ihrem
mecklenburgischen Landsitz das Leben. Todesdatum ist der 10.
Januar 1917. Sie war seit kurzem Witwe, ihr Vater bald zwanzig
Jahre tot. Die Welt, in der sie lebte, war die Welt ihres Vaters. Er ist
die Hauptperson in ihrem Leben. Aus seinem Bannkreis kommt sie
nicht fort. Sie wächst in einem geistig anregenden,
literarisch-künstlerischen Milieu auf. Seine Freunde werden ihre
Freunde. Sie verkehrt mit dem Maler Adolph Menzel, dem
Schriftsteller Paul Heyse so vertraut wie mit der Schauspielerin Paula
Schlenther-Conrad, die ihre Zwillingsschwester hätte sein können.
Sie knüpft Freundschaften mit den Streitern für die literarische
Moderne: mit Otto Brahm und Paul Schlenther. Sie verplaudert sich
beim Tee oder Diner zu Hause in der Potsdamer Straße 134 c mit
dem jungen Gerhart Hauptmann. In einer Zeit, in der Mädchen und
Frauen intellektuell, politisch und rechtlich zurückgebunden wurden,
verbringt sie als Zehnjährige ein Jahr bei der gut situierten Familie
Merington in London, wo ihr Vater Jahre zuvor
Zeitungskorrespondent der konservativen preussischen Regierung
war. Sie lernt von Kind auf das Milieu des märkischen Landadels wie
des modernen Unternehmertums kennen, verkehrt als willkommener
Gast bei Mathilde von Rohr, den Treutlers, den Wittes. Bei Wittes,
der Rostocker Fabrikantenfamilie, findet sie mit 16 Jahren ihr zweites
Zuhause. Friedrich Witte, ein Freund Fontanes aus dessen
Apothekerzeit, ist nicht nur ein erfolgreicher Chemieunternehmer,
sondern auch Abgeordneter der nationalliberalen, später
deutsch-freisinnigen Partei. Durch ihn kommt Martha als junge Frau
häufig in den deutschen Reichstag, hört dort Bismarck und Bebel
sprechen. Ihre Hauptaufgabe wird es, dem Vater zu erzählen, was sie
erlebt und wie sie die Dinge sieht. Sie kann das offenbar
hervorragend gut. Sie ist eine ‚Künstlerin’, findet der Vater. Wenn sie
erzählt und philosophiert, ist das für ihn ein Hochgenuss. Sie
berichtet ihm über die märkische Landadelsfamilie von Mandel aus
Klein Dammer, wo sie als Hauslehrerin tätig ist, aus Italien, wohin
sie mit einer reichen amerikanischen Dame reist, aus Bonn und
Deyelsdorf, wo sie sich jeweils bei Gustav Veit, dem berühmten
Gynäkologen, zur Kur aufhält. Sie schreibt auch lange Briefe aus
Schwiggerow, später aus Elsenau, wo sie auf Wochen bei der
Freundin Lise lebt, der ältesten Tochter der Wittes. Oder sie schreibt
aus Arnsdorf, wenn sie dort die Papierfabrikantenfamilie Richter
besucht. Das Milieu der Richters – in der Wintersaison verkehren sie
in Berlin und führen dort ebenfalls ein grosses Haus – interessiert den
Vater besonders. Hier treffen sich schlesisches Grossunternehmertum
und jüdische Kultur, hier verkehrt auch sein Freund, der
Amtsgerichtsrat Georg Friedlaender aus dem benachbarten
Schmiedeberg. Auf einen Brief Marthas aus Arnsdorf (er ist nicht
überliefert) antwortet Fontane am 8. Juli 1888: „– in solchen
Häusern, wo man viel Geld und viel Temperament hat und sich liebt
und haßt und gelegentlich sich zankt und scheiden lassen will, – ist es
immer am nettesten.“ Nur wenn sie in Konflikt mit sich selbst oder in
eine ‚Herzensaffaire’ verstrickt ist, schweigt Martha dem Vater
gegenüber. Über ihre erste Liebe, den grossen Bariton-Sänger Julius
Stockhausen, über ihren Bräutigam in spe, den angehenden Juristen
Rudolph Schreiner, oder über ‚die Gräfin’, ihre jüngere Freundin
Margarete von Wachtmeister, korrespondiert sie nicht gern. Martha
Fontane wollte ihr eigenes Leben. Zugleich aber waren der Vater und
sein Werk ihr das Wichtigste, hier nahm sie sich eine bestimmte
Aufgabe vor. Ihr Leben war kompliziert, es war ein Leben mit
Brüchen und Widersprüchen. Mit 16 begann sie an den ‚Nerven’ zu
leiden und zunehmend auch unter Ängsten. Aus dem siebenten
Kapitel „Kostbare Schätze“ – das väterliche Werk in statu nascendi
Auch in Klein Dammer nahm Martha Fontane regen Anteil an dem,
was ihr aus Berlin erzählt wurde. Besonders interessierte sie, was der
Vater dachte und schrieb, welche Pläne er hatte und was sich
verwirklichen liess. Gespräche über sein literarisches Werk waren ihr
selbstverständlich. Sie wusste auch, wie er arbeitete. Er entwarf
schnell, liess das Brouillon meist einige Zeit liegen und feilte zuletzt
lange an den einzelnen Kapiteln. Als Vor dem Sturm fertig war und
der Vater aufgekratzt einen Abend lang von „allerlei Arbeiten, die er
vor hätte“ sprach, hatte Martha ernsthaft eingewendet: „ach Papa, Du
wirst am Ende noch ein Schmierer.“ Solche töchterlichen Einwände
amüsierten ihn, nicht zuletzt weil sie seiner „Tiftelei“ Reverenz
erwiesen. Wie weit Fontane jeweils Einblick in das entstehende Werk
gestattete, ist schwer zu sagen. Der Eindruck ist, dass er in der Regel
bei geschlossener Tür arbeitete, wenn er die ersten Entwürfe
niederschrieb. „Es sind“, so schreibt Martha einmal, „so nette Tage,
wo du nur ‚pusselst’ und die Tür zu Deinem Zimmer nicht wie der
Eingang zur Unterwelt bewacht werden muß.“ Was entstanden war,
kam spätestens Emilie Fontane beim Abschreiben des Manuskripts
vor Augen. Ob Fontane vorher schon Teile seiner Entwürfe sehen
oder lesen liess, ist nicht überliefert. Offensichtlich aber sprach er
abends, bei der „grünen Lampe“, durchaus von seinen Plänen und
Vorhaben. Martha kannte, wenn nicht die Entwürfe des Vaters, so
gewiss die ersten Manuskriptabschriften der Mutter. Meist las sie das
neueste Werk des Vaters, noch bevor es im Druck erschien. Sie
verfolgte den Schreibprozess aus nächster Nähe und äusserte jeweils
auch ihre Eindrücke. „Ich wundre mich nicht“, schreibt sie, „daß
Ellernklipp Papa noch so viel Mühe macht, und in diesem Falle ist es
mir lieb zu hören, daß es ein noch klareres Gepräge gewinnt; ich
hatte ja durchaus nicht verhehlt, daß es mich, wie es da war, durchaus
nicht in dem Maße entzückte wie Grete Minde und Adultera.“ Der
Berlinroman L’Adultera (im Juli 1880 im Vorabdruck, im März 1882
in Buchform erschienen) war damals das jüngste literarische Werk
ihres Vaters. Die zeitgenössische Kritik zeigte sich in der Mehrheit
entsetzt über die „laxe Behandlung sittlicher Fragen“. Nur die jungen
Naturalisten und einige vorurteilslose Kritiker zollten ihm volle
Anerkennung. Auch Martha „entzückte“ die Novelle, „insbesondere
was Charakterzeichnung und allerhöchste und subtilste Moral
betrifft“. Sie hielt es für „unübertrefflich“ und las es mehr als einmal.
„Gestern habe ich mir einen himmlischen Abend bereitet und bin mit
l'Adultera und etwas Suchard zubett gegangen“, schrieb sie an ihrem
21. Geburtstag nach Hause. „Ich habe vor Freude über die Novelle
geweint und immer nur lebhaft gewünscht, daß Papa nicht nur für
uns, die wir ihn lieben, noch recht lange leben möchte, sondern auch
um noch das viele Schöne, was in ihm liegt, herauszuschaffen; wenn
ein Mann, der in sich solche Kunstwerke trägt, stirbt, ist es doch, als
gingen kostbare Schätze auf immer verloren“ (21. März 1881). Hatte
ihr Vater Schwierigkeiten mit Redakteuren oder Verlegern, litt sie
mit. Fand sein Werk Anerkennung und wurde es gedruckt, geriet sie
ausser sich vor Freude. Herr Walleiser, der Bruder ihrer Prinzipalin
sei zu Besuch, schrieb sie einmal aus Klein Dammer an die Mutter,
und mit ihm „schwärme“ sie „von Papa“, „ein Lieblingsthema von
mir“. Fontane selbst gestand, man könne „in der Kunst ohne
begeisterte Zustimmung der Mitlebenden oder wenigstens eines
bestimmten Kreises der Mitlebenden, nicht bestehn“. Ängste und
Wünsche Ihre Bitte an die Mutter, sie „nicht mehr als Angstkind zu
betrachten,“ datiert aus den düsteren Dezembertagen in Klein
Dammer. In der zweiten Hälfte ihrer Zeit dort sprach sie jedoch
immer häufiger von Ängsten, von „Graul“, auch von „Angstanfall“.
Die Attacken kamen nicht wie die Unterleibskrämpfe bei Tag,
sondern überfielen sie bei Nacht und in den Träumen. Kurz bevor sie
Klein Dammer verliess, schrieb sie nach Hause: „Heute Nacht hatte
ich wieder ’mal einen furchtbaren Angstanfall; ich überlegte mir
nämlich ganz genau, daß Papa nach menschlicher Berechnung einmal
vor mir sterben muß, ein Gedanke der mich schon öfters gequält hat,
aber nie so sehr.“ Sie war 21 Jahre alt. Dass sie und ihr Vater ein
besonders enges Verhältnis hatten, wussten ausser der Familie auch
die Freunde. Anna Witte rutschte sogar in die Feder, als sie Martha
von einer Begegnung mit Theodor und Emilie Fontane schrieb:
„Berlin war heiß, staubig und anstrengend für mich. Deine Mutter so
liebenswürdig und aufgeknöpft, wie ja Dein Mann schön war!
kindlich und durchaus frisch.“ Martha (oder war es ihre Mutter?)
korrigierte und schrieb über „Dein Mann“ in sorgfältiger
Schönschrift: „Vater“. Der Ablösungsprozess vom Vater, aber auch
derjenige von der Mutter war für Martha äusserst schwierig. Sie
wollte eine ‚gute’ Tochter sein. Ihre Briefschlüsse sind sprechend.
„Küsse meinen geliebten Vater und behalte lieb, Deine Dich zärtlich
liebende und verehrende Tochter“, schreibt sie der Mutter oder auch:
„lasst mich versuchen euch zu beweisen, wie innig euch liebt Eure
einzige Tochter Martha Fontane gen. Mete“. Bei Wittes in Rostock,
wo sie sich wohlfühlte, hatte sie sich innerlich eher vom Elternhaus
emanzipiert. Die innere Einsamkeit, in die sie in Klein Dammer
geriet, machte sie wieder mehr zum Kind ihrer Eltern. Sie schätzte
jetzt das Leben mit den Eltern und im pulsierenden Berlin mehr denn
je und dämpfte deren stille Erwartung, dass sie bald heiraten werde.
Die jungen Ehen, die sie beobachte, seien alle „langweilig“, meinte
sie, die sich als „echte Sanguinikerin“ verstand. „Um die Männer
beneide ich die jungen Frauen auch nie“, schrieb sie nach Hause,
„aber allerdings um so mehr um die Kinder.“ Mutter zu sein, stellte
sie sich gerne vor: „ich schlafe jetzt mit meinen beiden kleinen
Jungens zusammen und ‚fühle mich Mutter’“. Über die Männer im
heiratsfähigen Alter indessen seufzte sie: „À propos Kandidat. Ist das
ein Geschlecht! nein Mama, für Inspektoren und Kandidaten bin ich
glaube ich nicht bestimmt!“ Sie sah sich nicht als zukünftige
Pastorengattin, war mehr fürs Verwegene als fürs Vorbildliche. „Bis
vor kurzer Zeit“, so gestand sie den Eltern, „hat mir meine ganze
berühmte Klugheit im praktischen Leben wenig genutzt und es klingt
mir noch in den Ohren, wie Papa zuweilen zu mir gesagt hat: Wie
kann nun ein sonst so gescheuter Mensch sich so benehmen; jetzt bin
ich so weit, mich klug zu benehmen, und das ist mir eine große und
erfreuliche Akquisition; denn das werdet ihr mir gewiß glauben, daß
meine ganze Stellung immerhin diffizil ist und daß es an
Gelegenheiten zu Taktlosigkeiten nie fehlt, denn 7/8 aller Herren
glauben, eine Erzieherin muß getröstet werden und an der Sicherheit
ihres Entgegenkommens merke ich, daß sich schon manche hat
trösten lassen.“ Ihren Hang zum Flirt und zur Koketterie behielt sie
indessen und spielte ihre Rolle als kapriziöse Causeuse gut. „Ein
besonderer Verehrer“, so schrieb Martha Fontane über ein
Offiziersdiner bei Mandels, „war ein entzückender kleiner Herr von
Treskow, der mich schon als Kind bei Milly Rütgers [einer Berliner
Freundin] gesehen hatte; er wäre meinem Rufe vielleicht gefährlich
geworden, wenn sie nicht eben fast alle noch wieder netter gewesen
wären wie er.“ Weil durch neue Verträge mit dem Verlag Hertz
wieder hellere pekuniäre Aussichten bestanden, schlugen die Eltern
der Tochter vor, ihre ‚Wanderjahre’ nicht gleich fortzusetzen,
sondern wenn sie von Klein Dammer fortgehe, nach Hause
zurückzukehren. Martha antwortete, ihr Leben ‚zu dritt’ werde
bedeuten, dass sie in diesem Falle nicht in ihrem Beruf arbeiten
werde, denn es sei „nach wie vor“ ihre Absicht, „niemals in Berlin“,
und sie wiederholte: „niemals in Berlin“, eine Stellung anzunehmen.
Sie wisse, dass daraus nur „Konflikte“ erwüchsen. „Ich wäre also für
Dich und Papa“, so erklärte sie der Mutter, „ein vollkommener
Luxusartikel, und wenn ihr nun meint, euch den gewähren zu können,
ist die Sache ja erledigt; es ist, wie Dir Tante Witte bezeugen kann
immer ein Lieblingssatz von mir gewesen: Ich fühle, ich bin
eigentlich nur ein Luxus und werde mich nur glücklich fühlen, wenn
ich als solcher aufgefaßt werde.“

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