Die Stadt am Fluß, Suhrkamp

Ramona Diefenbach

Main-Cocktail
(erschienen in "Die Stadt am Fluss", Suhrkamp)

Von einer Brücke aus erlaubt der Fluss uns Augenblicke der Selbstvergessenheit, ein Porös-Werden unserer Alltagstextur und ihre vorübergehende Auflösung in Wind und Lichtreflexe. Als natürliches Gestaltungselement bildet er eine Schneise in die Stadt wie in die Gegenwart, jene irgendwie ungreifbare Nullfigur, die in Frankfurt unabsehbar Pollerreihen, Verbotsschilder und Baustellen auswirft, wobei letztere, soweit es ihre Vollendungszeit betrifft, fast mit dem Kölner Dom konkurrieren können. So scheint es zumindest den Einheimischen außerhalb des Gnadenstands der Zeitvergessenheit, in die der Main sie an guten Tagen versetzen kann. Aber selbst bei geschäftsgrauem Himmel, wenn der Fluss wie ein archaisches Urgeschöpf, eine Art Lungenfisch der Geographie, sich fehlfarben an den Zeugnissen der Geschichte vorbeiwälzt, tröstet uns seine Gleichmut über die Fragilität der Kulturerscheinungen hinweg. Denn der Frankfurter, einem permanenten Anpassungsleistungstest an den letzten Trend unterworfen, empfindet sich jenseits der 35 in der Regel selbst als Lungenfisch oder Fossil, peinlich bemoost, nicht besonders dynamisch im Design und ganz und gar nicht mehr trendy.

Es ist weniger das Morgen-, Mittags- oder Abendlicht, das die Erscheinung des Flusses bestimmt wie in jener berühmten Bilderserie das der Kathedrale von Chartres, es ist viel mehr der stimmungsgefärbte Morgen-, Mittags- oder Abendblick des Betrachters auf das Flusslandschaftsspiel von Natur und Kultur, das er auf Grundlage seines Gefühlscocktails so subjektiv interpretiert wie der Fluss in seinen Spiegelbildern den Himmel und die Ufer seiner Welt.

Die guten Tage streuen Lichtpailletten auf die winzigen Wellen, säumen das Flussdekolleté mit samtgrünen Wiesenbändern, dehnen die Wasser zu einer gleißenden Fläche für übermütige Motorbootfahrer, anachronistische Schleppkähne und festliche Ausflugsdampfer. Die Luft über dem Main wird stimmungstreibend wie Sekt, füllt blitzend den Raum zwischen Dom und Museumsufer, liebkost die altmodischen Geranienrüschen an den Nachkriegshäuserblöcken, lässt die Glastürme wie Strassschmuck funkeln und gönnt uns für ein paar Tage, bestenfalls ein paar Wochen im Jahr, südliches Flair, das der klassisch geschulte Frankfurter, der auch noch bei Temperaturen von 15° C  tapfer Latte Macchiato oder Cappuccino im Freien trinkt, meistens so vergeblich wie eisern-sehnend simuliert. Auf den Stimmungswellen scheint dann sogar die sich spiegelnde Skyline der Geldtürme nicht mehr nüchtern und falls es in Frankfurt Mainjungfrauen gibt, die vermutlich magenta bemoost, dynamisch im Design und ganz und gar trendy sind, dann beantragen sie sicher an solchen Tagen zum Schiffsmotorentechno ihren OP-Kredit für ein paar Beine im Kidman-Stil.

Aber wie gesagt, das sind Ausnahmen, denn diese Stadt leuchtet nur selten, meistens schwebt sie in Dunst und Nebeln, eine zartgraue Burg aus Stein, Glas und Stahl wie ein feiner Stich auf einem

Geldschein, und nur der Fluss scheint sie noch mit der Natur zu verbinden. Seine Brücken sind Aussichtsplattformen im mehrfachen Sinn, also auch Sprungbretter in den Gedankenfluss, und es gehört zum kostenfreien Drogenangebot der Stadt, auf ihnen Sonnenuntergänge oder schleichenden Dämmerungsbefall zu genießen, manchmal auch die Skyline bei Nacht, ihre im Fluss sich vervielfältigenden Lichtbänder und -colliers vor samtschwarzem Grund, den aus „Gotham City“ importierte Messeturm mit der Pyramidenspitze oder das laternenzarte japanische Hochhaus zu betrachten und sich im Herz der Zeit zu fühlen, mittendrin und dabei, weil am Himmel anstelle des Mondes das Zeichen der Commerzbank steht, während der Fluss unten mit seiner rauen Zunge an den Brückenpfeilern leckt, unermüdlich, immer noch mächtig und still.

Rezension I Buchbestellung I home 0I04 LYRIKwelt © R.D.