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Main-Cocktail
(erschienen in "Die Stadt am
Fluss", Suhrkamp)
Von einer Brücke aus erlaubt der
Fluss uns Augenblicke der Selbstvergessenheit, ein Porös-Werden unserer
Alltagstextur und ihre vorübergehende Auflösung in Wind und Lichtreflexe. Als
natürliches Gestaltungselement bildet er eine Schneise in die Stadt wie in die
Gegenwart, jene irgendwie ungreifbare Nullfigur, die in Frankfurt unabsehbar
Pollerreihen, Verbotsschilder und Baustellen auswirft, wobei letztere, soweit es
ihre Vollendungszeit betrifft, fast mit dem Kölner Dom konkurrieren können. So
scheint es zumindest den Einheimischen außerhalb des Gnadenstands der
Zeitvergessenheit, in die der Main sie an guten Tagen versetzen kann. Aber
selbst bei geschäftsgrauem Himmel, wenn der Fluss wie ein archaisches Urgeschöpf,
eine Art Lungenfisch der Geographie, sich fehlfarben an den Zeugnissen der
Geschichte vorbeiwälzt, tröstet uns seine Gleichmut über die Fragilität der
Kulturerscheinungen hinweg. Denn der Frankfurter, einem permanenten
Anpassungsleistungstest an den letzten Trend unterworfen, empfindet sich
jenseits der 35 in der Regel selbst als Lungenfisch oder Fossil, peinlich
bemoost, nicht besonders dynamisch im Design und ganz und gar nicht mehr trendy.
Es ist weniger
das Morgen-, Mittags- oder Abendlicht, das die Erscheinung des Flusses bestimmt
wie in jener berühmten Bilderserie das der Kathedrale von Chartres, es ist viel
mehr der stimmungsgefärbte Morgen-, Mittags- oder Abendblick des Betrachters
auf das Flusslandschaftsspiel von Natur und Kultur, das er auf Grundlage seines
Gefühlscocktails so subjektiv interpretiert wie der Fluss in seinen
Spiegelbildern den Himmel und die Ufer seiner Welt.
Die guten Tage
streuen Lichtpailletten auf die winzigen Wellen, säumen das Flussdekolleté mit
samtgrünen Wiesenbändern, dehnen die Wasser zu einer gleißenden Fläche für
übermütige Motorbootfahrer, anachronistische Schleppkähne und festliche
Ausflugsdampfer. Die Luft über dem Main wird stimmungstreibend wie Sekt, füllt
blitzend den Raum zwischen Dom und Museumsufer, liebkost die altmodischen
Geranienrüschen an den Nachkriegshäuserblöcken, lässt die Glastürme wie
Strassschmuck funkeln und gönnt uns für ein paar Tage, bestenfalls ein paar
Wochen im Jahr, südliches Flair, das der klassisch geschulte Frankfurter, der
auch noch bei Temperaturen von 15° C tapfer
Latte Macchiato oder Cappuccino im Freien trinkt, meistens so vergeblich wie
eisern-sehnend simuliert. Auf den Stimmungswellen scheint dann sogar die sich
spiegelnde Skyline der Geldtürme nicht mehr nüchtern und falls es in Frankfurt
Mainjungfrauen gibt, die vermutlich magenta bemoost,
Aber wie
gesagt, das sind Ausnahmen, denn diese Stadt leuchtet nur selten, meistens
schwebt sie in Dunst und Nebeln, eine zartgraue Burg aus Stein, Glas und Stahl
wie ein feiner Stich auf einem
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