Guantánamo von Dorothea Dieckmann, 2004, Klett-Cotta

Dorothea Dieckmann

Down. Auf den Knien
(Leseprobe aus: Guantánamo, Roman, 2004, Klett-Cotta)

I. Down. Auf den Knien

Hier ist die Reise zu Ende. Er ist angekommen. Irgendwo auf der Erde, mehr weiß er nicht. Das Licht ist weg, und der Lärm ist vorbei, das Dröhnen, Rütteln, Schlingern. Nichts rührt sich. Sie lassen ihn in Ruhe. Die Zeit ist stehengeblieben. Doch es ist nicht dunkel, es ist nicht still. Alles, was war, drängt sich auf einem Fleck zusammen, alles ist in Aufruhr. Selbst der Schmerz bleibt nicht auf der Stelle, er pulst und flackert, wie die Bilder, die Geräusche. Ununterbrochen wirbeln sie im Kreis. Sie können nicht weg. Der Raum ist geschlossen. Sie jagen durcheinander. Nur ein Satz ist gewiß und kehrt immer wieder. Don’t move, don’t worry, you are being taken home.

Da ist der Schmerz in den Knien, der Atem im Ohr. Also lebt er. Er will es nicht wissen. Aber er kann die Ohren nicht zuhalten, die Augen nicht verschließen. Er ist schon taub, er ist schon blind, hört nur sich und sieht nur sich, ohne Blick, gelähmt, im Körper verschlossen. Er sucht den Ausgang, den Weg zurück. Er tastet in der Enge. Überall stößt er an, stößt auf sich selbst. Der Kopf ist zu, nichts kann hinein, nichts kann heraus. Nur manchmal bildet sich ein Nebel, undurchlässig und betäubend, die Bilder zerfließen, und er vergißt, wie er hier hergeraten ist, eingepackt, wegtransportiert, aus dem Flugzeug geworfen, wieder ausgepackt, neu verschnürt, die Hände in wattierte Handschuhe gesteckt, Augen und Ohren zugeklebt, eine Mütze auf den Kopf gesetzt, Mund und Nase verhüllt, auf den Boden geworfen, liegen gelassen, schief in sich selbst verwickeltes, geballtes Fleisch.

Seit er auf der Erde kniet, hat er viel gelernt. Mit dem Atmen fängt es an. Die Öffnungen enden in einer engen Kammer, einer weichen Schale vor Nase und Mund. Die Luft füllt die Maske. Er hechelt langsam, mit offenem Mund, kurz und flach, bis ihm schwindlig wird, und horcht auf den Atem, als wäre es nicht seiner. Ruhig, nicht denken, nicht bewegen. Der Boden schwankt. Es rauscht und strömt im Schädel. Geduckt, gekrümmt kniet er in der Hitze und lauscht und träumt. Der Klang lullt ihn ein, spült ihn hoch, nimmt ihn mit. So will er bleiben, reglos dümpeln, auf den Wellen treiben, immer weiter. Die flache Strömung trägt ihn fort, nach Hause, in die Stadt, wo es kalt ist und still. Alles ist weiß und wattig, doch er kennt den Weg. Der Schnee schluckt den Schall, gedämpfte Schritte, verlorene Stimmen. Nur die Autoreifen zischen hell, Matsch liegt auf den Straßen. Er ist angekommen, alles ist wieder da, wie immer. Das Israelitische Krankenhaus ist weiß wie Schnee, Schnee bedeckt den Bolzplatz dahinter, festgetreten, nur unter den Toren schaut dunkles verfaultes Gras hervor. Der Zaun trägt eine Eisschicht. Er sieht sich in die Talstraße einbiegen, vorbeilaufen an den Klinkerfassaden, auf dem Gehsteig zwischen Mauer und Bäumchen, zur Kreuzung. Die weißen Streifen des Fußgängerüberwegs sind schmutzig, der nackte Stein in den Hauseingängen glänzt feucht, auf den Fliesen unter dem Vordach vom Pennymarkt stehen verfrorene Stadtstreicher, eng aneinandergedrängt. Dann der Hamburger Berg, der Bäcker, Frau Röhlke winkt durchs Schaufenster, am Tattoo-Studio lehnt eine Schneeschippe, zwei leere Bierflaschen stehen auf den Stufen neben der Lunacy-Bar. Nach Hause. In der Seilerstraße zieht es zwischen den hohen Altbauten, der Himmel hängt tief, das Fähnchen über dem Kiosk ist glasiert und steif, vor Dieters Elektroladen warten zwei kleine Waschmaschinen im Schnee, die Treppe zum Souterrain ist zugeweht. Schnee liegt unter den kahlen Büschen auf dem leeren Bauplatz, Schnee auf den Müllsäcken am Laternenpfahl. Die Hände sind kalt, der Schlüssel ist kalt, Zeitungen liegen vor der Haustür, dumpfer Geruch im Treppenhaus, nasse Spuren auf dem Linoleum. Achtundfünfzig Treppenstufen, Schnee an den Schuhen. Der Fußabtreter, die Wohnungstür, endlich. Der Flur. Alles ist gut. Er kniet auf dem Boden, außer Atem. Er schwitzt. Heißer Dampf dringt aus der Küche. Zu Hause. Don’t move, don’t worry, you are being taken home. Heim. Mama, Baba. Die Knie am Boden, am festen Boden, Atem im Kopf, Hecheln im Ohr. Er will aufstehn, in die Küche gehen. Er kann nicht. Jetzt schreckt er auf. Er spürt die Fesseln, spürt die Schwerkraft. Der Atem stockt, er hört sich selbst, allein, ein schwerer Klumpen auf der Erde.

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