Sandra Dieck

Die unfassbare Schwierigkeit der Schneckenjagd

Die Entscheidung aus meiner Wohnung in ein Haus zu ziehen, brachte neue Aufgaben mit sich. Die erste war, der Aufwand in einem Haus zu putzen ist erheblich höher als der in einer Wohnung. Es gibt Menschen, die putzen leidenschaftlich gern und zu diesen gehöre ich definitiv nicht. Das weitaus größere Problem war jedoch der dazugehörige Garten, der für mich die Größe eines Parks hatte. Vor meiner Wohnung befand sich ein winzig kleines Beet, mit dessen Pflege ich schon komplett überfordert war. Wahllos buddelte ich Pflanzen in die Erde und setzte diese einer ständigen Dürreperiode aus. Nicht jede Pflanze konnte abwarten bis es regnete oder ich zufällig einmal mit einer Gießkanne vorbei kam. Oft deutete ich stolz auf eine Blume und fragte meine Mutter, eine erfahrene Gärtnerin, nach dem Namen dieser wunderschönen Pflanze. Die Antwort war meist die gleiche: "Das ist Unkraut!". Da alles, was aus der Erde schoss, grün war, war es für mich unmöglich Pflanzen und Unkraut unterscheiden zu können. Allerdings muss ich sagen, es gibt sehr schön blühendes Unkraut. Unkraut lässt sich am besten aus der Erde ziehen, wenn es kniehoch gewachsen ist und diese Höhe wartete ich daher grundsätzlich ab. Ich hatte damals weder Interesse an einem Garten, hatte auch nie vor mich mit einem zu beschäftigen, geschweige denn, dass ich auch nur den Hauch einer Ahnung davon hatte. Plötzlich stand ich in einem sehr großen Garten und bekam berechtigte Zweifel. Welcher Wahnsinn hat mich geritten mir das zuzutrauen?
Ein Jahr später hatte ich nicht nur großes Interesse an der Gartenarbeit, ich hatte es richtig drauf und der Garten war wunderschön. Mein ganzer Stolz war der von mir angelegte Kräutergarten. Beim Aussuchen der Kräuter gab ich mir die größte Mühe, pflanzte diese liebevoll ein und pflegte sie. Immer wieder entwickelte ich neue Ideen der Gestaltung dieses Beetes, dekorierte es Steinen und Terrakottatöpfen und - Figuren. Um auch alles richtig zu machen hatte ich mir Kräuterbücher gekauft. Kräuter im Garten zu haben, bedeutet noch lange nicht zu wissen in welche Suppe diese gehören. Die Bücher verrieten mir auch, welche Kräuter nicht winterhart sind. Diese pflanzte ich dann im Herbst aus und brachte  sie  in den Keller zum Überwintern. Im Frühjahr holte ich sie von dort wieder heraus und warf sie dann weg, kellerhart sind anscheinend auch die wenigsten von ihnen. Einige von ihnen schienen auch nicht zu wissen, dass sie zu den winterharten und mehrjährigen gehören, damit den Winter zu überleben haben und mich mehr als nur einen Sommer erfreuen dürfen. 
In einem Sommer beobachtete ich besorgt die hinterlassenen Schleimspuren auf meinen Kräutern, die Stängel für Stängel an Grün verloren. Nacktschnecken! Sie fielen über meinen Kräutergarten her und machten nicht einmal vor dem Essigkraut halt. Das wurde von mir eingepflanzt, da es ewig und wunderschön blüht, nicht weil es schmeckt, jedenfalls nicht mir, den Schnecken schon. Ich bin ein großer Tierfreund, aber ich hasse Nacktschnecken und ekle mich grenzenlos vor ihnen. 
Aber nicht nur meine Kräuter standen auf dem Speiseplan der Schnecken, sondern alles was in meinem Garten wuchs. Mühevoll arbeiten sich die Blätter meiner Dahlien aus der Erde, werden dort schon von den Schnecken erwartet und genussvoll verspeist. Sämtliche Blumen, Gemüsesorten und Pflanzen wurden nach und nach an- und abgefressen. Mir kamen fast die Tränen bei diesem Anblick und ich konnte nicht mehr tatenlos zusehen, wie diese Schleimer meine liebevolle Arbeit als Mahlzeit verdrückten. Ich musste etwas unternehmen.
Ich wusste nichts über Nacktschnecken, außer, dass sie total eklig sind und unterhielt mich mit einem Gärtner über mein Schneckenproblem. Schneckengift, ich werde sie alle vergiften! Der Gärtner schüttelte mit dem Kopf, denn Gift ist keine wirksame Waffe. Das verstand ich nicht, denn das Wort "Gift" sagt doch alles aus. Gift heißt, alle sterben! Nein, das tun sie wohl nicht, aber es gibt eine wirksame Waffe. Indische Laufenten. Die werden extra zur Schneckenbekämpfung gezüchtet und dann verliehen. Ich lachte, was für ein witziger Mann, aber er meinte es ernst. Was für uns Kaviar und Trüffel bedeuten, sind Schnecken für indische Laufenten. Ich war verzweifelt, also dachte ich über diese so wirksame Entenalternative nach. Der Nachteil ist, Enten hinterlassen ihre Spuren im Garten und ich würde sicher ständig hineintreten. Aber immerhin besser als auf eine Nacktschnecke zu treten, was mir einmal passierte und das auch noch barfuss. Wie eine Irre sprang ich auf dem Rasen hin und her und schrie als hätte mir die Schnecke den Fuß abgebissen. Hinzu kommt der Schwimmteich, den die Enten sicher extrem anziehend finden würden. Sollte ich sie nicht davon abhalten können in diesem ein Bad zu nehmen, hinterlassen sie einiges, was die biologische Selbstreinigung des Teiches verhindern würde. Ein Problem könnte es auch mit dem Hoftor geben, welches meist offen steht. Die Enten heißen sicher nicht umsonst Laufenten und könnten sich animiert fühlen zu entlaufen. Ich wiederum laufe ihnen dann suchend hinterher. Diese Enten mögen eine wirksame Waffe sein, aber mit zu vielen Nebenwirkungen. 
Der Gärtner hatte noch einen ganz sicheren Tipp, ich soll die Schnecken einsammeln. Ich soll was?!?!?! Bei dem Gedanken daran bekam ich schon eine Gänsehaut. Auf keinen Fall komme ich einer Nacktschnecke so nahe! Gut, einen Rat hatte er noch. Schnecken haben einen Hang zum Alkoholismus und können Bier nicht widerstehen. 
Diesen Rat setzte ich in die Tat um. Erwartungsvoll verteilte ich im Garten einige Schälchen mit Bier und wartete ab. Happy Hour und es gab ein reges Gedränge. Obwohl ganze Schnecken-Völker in dem Bier zu ertrinken schienen, wurden meine Pflanzen weiterhin auf das Schlimmste gestutzt. Um in allen Ecken des Gartens eine Schale mit Freibier für die Schnecken aufzustellen bräuchte ich fünf Kästen Bier in einer Woche. An einem Morgen ging ich in den Garten, sah die völlig restlos abgefressenen Dahlien, die ich in den schönsten Farben hatte, die aber nicht die geringste Chance hatten ein Blatt zu entwickeln. Von meiner Petersilie und dem Basilikum ragten nur noch die abgenagten Stiele aus dem Boden. Die Nacktschnecken fraßen meinen über alles geliebten Kräutergarten auf! Vor Wut kniff ich meine Augen zusammen und entwickelte eine unsagbar große Feindseligkeit. Jetzt seid ihr dran! Auf in den Kampf!!! Ich überlegte mir eine Strategie. Wenn sich die Schnecken abends hungrig auf dem Weg in meinen Garten schlängelten, würde ich auf sie warten!  
Noch am gleichen Abend schüttete ich etwas Salz in einen Eimer, bewaffnete mich mit einer Schippe und war bereit für den Kampf. Mein Garten hatte sich als Gourmet- Restaurant herumgesprochen und ich war entsetzt über die Anzahl der Nacktschnecken, die sich bei mir zum Fressen trafen. Nach jeder eingesammelten Schnecke vollzog ich einen Ekel-Tanz, hopste angewidert auf dem Rasen umher, schüttelte mich und hielt dabei Eimer und Schaufel weit von mir. Ich suchte den Garten systematisch nach den Schnecken ab. Wenn ich nach fünf Minuten wieder an dem Ausgangspunkt angelangt war, wo vorher weit und breit keine Schnecke zu sehen war, hatten inzwischen einige von ihnen wieder die höchsten Gipfel der Pflanzen erklommen, es sich bequem gemacht und ließen es sich schmecken. Das brachte mich zu der Erkenntnis, dass nicht alle Schnecken nur langsam vorwärts kommen und es richtige Sprinter unter ihnen gibt. Einen leichten Hang zur Besessenheit konnte ich schnell erkennen. Schlängelte sich eine Schnecke unter den Zaun durch, noch unerreichbar für mich und meine Schippe, hockte ich mich dorthin, wartete auf und feuerte sie an sich zu beeilen. Wenn ich das tat, handelte es sich natürlich nicht um eine Sprinterschnecke und ich saß dort eine ganze Weile. 
Fünf Abende verbrachte ich damit Schnecken einzusammeln, jeden Abend fand ich weniger, ich fühlte mich sicher, der Sieg war meiner. Am sechsten Abend kam ich später nach Hause und drehte meine Schneckenrunde. Meine Verzweiflung war verständlich, als ich mehr Schnecken fand als an den gesamten Abenden zuvor. Schnecken haben also auch ein unterschiedliches Essverhalten, die einen essen früher und die anderen später. Der Kampf geht also weiter und ich brauchte eine neue und bessere Strategie. Ich werde den Garten jeden Abend zu einer anderen Uhrzeit absuchen. 
Es kam also soweit, dass ich nachts mit einer großen Handtaschenlampe, mit der Leuchtkraft eines Laserstrahles, durch den Garten kroch und mir dabei vorkam wie ein Einbrecher. Bis heute staune ich, dass ich nie festgenommen wurde. Ich hätte sicher die Polizei gerufen, wenn jede Nacht ein ominöser Lichtstrahl suchend durch den Garten des Nachbarn wandelt. Nachts fand ich Schnecken in mir bis dahin unbekannten Farbstrukturen und in solch beängstigenden Größen, dass ich schon glaubte den Eimer und meine kleine Schippe gegen ein Fass und eine große Schaufel austauschen zu müssen. Daher vermutete ich, einige dieser Exemplare könnten noch aus der Urzeit stammen. 
Bei einer Jagd telefonierte ich mit meiner Schwägerin, die nach einem angeekelten "Iiiiihhhh" von mir fragte was ich denn täte. Ich sagte ihr, dass ich Nacktschnecken einsammle. "Igitt wozu machst du das?" Meine Schwägerin ist sehr leichtgläubig und musste sich fast übergeben als ich ihr erzählte, dass ich die Schnecken mit Kräuterbutter und Gorgonzola im Ofen überbacke und dieses zum Abendbrot essen werde.
Die Anzahl der Schnecken schien sich nicht zu verringern. Egal zu welcher Zeit ich meine Runde drehte, es war wie eine Invasion. So verbrachte ich immer später meine Nächte mit den Schnecken im Garten. Das war eine harte Zeit. Nicht nur, dass ich auf meinen Schlaf verzichtete, die Mücken fielen über mich her und manchmal konnte ich mich vor Blutverlust kaum noch auf den Beinen halten. Versuchen Sie einmal Mücken bei ihrer Nahrungsaufnahme zu hindern, wenn Sie in den Händen Lampe, Schippe und Eimer halten. Dazu kam noch, dass alle nachtaktiven Flugtiere, angezogen von dem Lichtstrahl, ihre Flugrichtung in meine änderten und mir zu hunderten ins Gesicht prallten. Erschwerend kam hinzu, dass meine Laserlampe einen ganzen Tag brauchte um den Akku aufzuladen, ihre Leuchtkraft aber schnell verlor. Ich stand daher unter extremen Zeitdruck und nur, wenn ich fast rannte, schaffte ich eine ganze Runde durch den Garten, bis das Licht erlosch. 
Monate dauerte der Kampf an und ein Sieg über diese Schleimer war kaum abzusehen. So manches mal wollte ich mit der weißen Fahne wehen, hoffnungslos aufgeben und den Nacktschnecken Haus und Hof überlassen, weit fort ziehen und von vorn anfangen.

(2005)

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