Große Erwartungen von Charles Dickens, 2011, HanserCharles Dickens

Grosse Erwartungen
(Leseproebe aus: Grosse Erwartungen, 1861/2011, Hanser - Übertragung Melanie Walz).

Unsere Heimat war das Marschland in den Schleifen

der Flussmündung, keine zwanzig Meilen vom Meer entfernt.

An einem denkwürdigen nasskalten Nachmittag, der

sich zum Abend neigte, erhielt ich offenbar meine erste

lebhafte und eindringliche Vorstellung von der wahren

Beschaffenheit der Dinge. An jenem Tag kam mir mit unumstößlicher

Gewissheit zu Bewusstsein, dass dieser trostlose,

von Nesseln überwucherte Ort der Friedhof war; dass

Philip Pirrip, in dieser Gemeinde verstorben, desgleichen

Georgiana, Gattin des Obigen, tot und begraben waren;

dass Alexander, Bartholomew, Abraham, Tobias und Roger,

als Säuglinge verstorbene Kinder der Obigen, ebenfalls

tot und begraben waren; dass die von Gräben, Dämmen

und Schleusen durchzogene dunkle, flache Einöde

jenseits des Friedhofs, auf der vereinzelt Vieh graste, das

Marschland war; dass die tiefe bleierne Linie am Horizont

der Fluss war; dass das ferne wilde Lager, von dem der

Wind herbeistürmte, das Meer war und dass das kleine

Espenlaubbündel, das sich vor alledem zu fürchten und

zu weinen begann, Pip war.

»Bist du wohl still!«, rief eine furchterregende Stimme,

und ein Mann sprang zwischen den Gräbern neben dem

Kirchenportal hervor. »Sei still, du Satansbraten, oder ich

schlitz dir die Kehle auf!«

Ein schrecklicher Mann, ganz in groben grauen Stoff

gekleidet und mit einem großen Eisen am Bein. Ein Mann

ohne Hut, in aufgerissenen Schuhen und mit einem alten

Lumpen um den Kopf. Ein Mann, von Wasser durchweicht

und von Schlamm erstickt, an den Steinen lahm

und blutig geschlagen, von Nesseln verbrannt und von

Dornen zerkratzt, hinkend und zitternd, ein Mann, der

mich finster beäugte und knurrte und der mit den Zähnen

klapperte, als er mich am Kinn fasste.

»O Sir, schlitzen Sie mir nicht die Kehle auf«, bettelte

ich in Todesangst. »Tun Sie es bitte nicht, Sir!«

»Sag deinen Namen«, sagte der Mann. »Wird’s bald!«

»Pip, Sir.«

»Noch mal«, sagte der Mann und starrte mich an. »Raus

damit!«

»Pip. Pip, Sir.«

»Zeig jetzt, wo du wohnst«, sagte der Mann. »Peil die

Stelle an!«

Ich deutete in die Richtung, wo unser Dorf eine Meile

oder weiter von der Kirche entfernt zwischen Erlen und

gekappten Weiden auf dem flachen Küstenland lag.

Nachdem er mich eingehend betrachtet hatte, hielt der

Mann mich an den Füßen in der Luft und leerte meine Taschen

aus. Sie enthielten nur ein Stück Brot. Als die Kirche

wieder ins Lot kam – er war so stark und hatte mich so

schnell auf den Kopf gestellt, dass ich den Kirchturm zwischen

meinen Beinen erblickte –, als die Kirche also wieder

ins Lot kam, saß ich zitternd auf einem hohen Grabstein,

während der Mann gierig mein Brot verschlang.

»Du Hundesohn«, sagte er und leckte sich die Lippen,

»was hast du nur für dicke Backen!«

Wahrscheinlich waren sie dick, obwohl ich damals für

mein Alter klein und schwächlich war.

»Verdammt noch mal, die würd ich zu gern fressen«,

sagte der Mann und schüttelte drohend den Kopf, »ja,

dazu hätt ich nicht übel Lust!«

Ich bat ihn flehentlich, es nicht zu tun, und klammerte

mich an den Grabstein, auf den er mich gesetzt

hatte, um mich festzuhalten und um die Tränen zu unterdrücken.

»Na gut, dann pass auf!«, sagte der Mann. »Wo ist deine Mutter?«

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