Grosse Erwartungen
Unsere Heimat war das Marschland in den Schleifen
der Flussmündung, keine zwanzig Meilen vom Meer entfernt.
An einem denkwürdigen nasskalten Nachmittag, der
sich zum Abend neigte, erhielt ich offenbar meine erste
lebhafte und eindringliche Vorstellung von der wahren
Beschaffenheit der Dinge. An jenem Tag kam mir mit unumstößlicher
Gewissheit zu Bewusstsein, dass dieser trostlose,
von Nesseln überwucherte Ort der Friedhof war; dass
Philip Pirrip, in dieser Gemeinde verstorben, desgleichen
Georgiana, Gattin des Obigen, tot und begraben waren;
dass Alexander, Bartholomew, Abraham, Tobias und Roger,
als Säuglinge verstorbene Kinder der Obigen, ebenfalls
tot und begraben waren; dass die von Gräben, Dämmen
und Schleusen durchzogene dunkle, flache Einöde
jenseits des Friedhofs, auf der vereinzelt Vieh graste, das
Marschland war; dass die tiefe bleierne Linie am Horizont
der Fluss war; dass das ferne wilde Lager, von dem der
Wind herbeistürmte, das Meer war und dass das kleine
Espenlaubbündel, das sich vor alledem zu fürchten und
zu weinen begann, Pip war.
»Bist du wohl still!«, rief eine furchterregende Stimme,
und ein Mann sprang zwischen den Gräbern neben dem
Kirchenportal hervor. »Sei still, du Satansbraten, oder ich
schlitz dir die Kehle auf!«
Ein schrecklicher Mann, ganz in groben grauen Stoff
gekleidet und mit einem großen Eisen am Bein. Ein Mann
ohne Hut, in aufgerissenen Schuhen und mit einem alten
Lumpen um den Kopf. Ein Mann, von Wasser durchweicht
und von Schlamm erstickt, an den Steinen lahm
und blutig geschlagen, von Nesseln verbrannt und von
Dornen zerkratzt, hinkend und zitternd, ein Mann, der
mich finster beäugte und knurrte und der mit den Zähnen
klapperte, als er mich am Kinn fasste.
»O Sir, schlitzen Sie mir nicht die Kehle auf«, bettelte
ich in Todesangst. »Tun Sie es bitte nicht, Sir!«
»Sag deinen Namen«, sagte der Mann. »Wird’s bald!«
»Pip, Sir.«
»Noch mal«, sagte der Mann und starrte mich an. »Raus
damit!«
»Pip. Pip, Sir.«
»Zeig jetzt, wo du wohnst«, sagte der Mann. »Peil die
Stelle an!«
Ich deutete in die Richtung, wo unser Dorf eine Meile
oder weiter von der Kirche entfernt zwischen Erlen und
gekappten Weiden auf dem flachen Küstenland lag.
Nachdem er mich eingehend betrachtet hatte, hielt der
Mann mich an den Füßen in der Luft und leerte meine Taschen
aus. Sie enthielten nur ein Stück Brot. Als die Kirche
wieder ins Lot kam – er war so stark und hatte mich so
schnell auf den Kopf gestellt, dass ich den Kirchturm zwischen
meinen Beinen erblickte –, als die Kirche also wieder
ins Lot kam, saß ich zitternd auf einem hohen Grabstein,
während der Mann gierig mein Brot verschlang.
»Du Hundesohn«, sagte er und leckte sich die Lippen,
»was hast du nur für dicke Backen!«
Wahrscheinlich waren sie dick, obwohl ich damals für
mein Alter klein und schwächlich war.
»Verdammt noch mal, die würd ich zu gern fressen«,
sagte der Mann und schüttelte drohend den Kopf, »ja,
dazu hätt ich nicht übel Lust!«
Ich bat ihn flehentlich, es nicht zu tun, und klammerte
mich an den Grabstein, auf den er mich gesetzt
hatte, um mich festzuhalten und um die Tränen zu unterdrücken.
»Na gut, dann pass auf!«, sagte der Mann. »Wo ist deine Mutter?«
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